Statistik
Der Thurgau wird nachhaltiger ‒ und auch nicht

Die Indikatoren in den Bereichen Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft zeigen ein widersprüchliches Bild.

Thomas Wunderlin
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Die Distanz zum nächsten Lebensmittelgeschäft ist grösser geworden: Der Dorfladen Buhwil ist seit fünf Jahren geschlossen.

Die Distanz zum nächsten Lebensmittelgeschäft ist grösser geworden: Der Dorfladen Buhwil ist seit fünf Jahren geschlossen.

Bild: Maya Mussilier

Beurteilte man unlängst den Zustand eines Lands noch am Grad seiner Fortschrittlichkeit, so ist heute die ebenfalls schwer zu definierende Nachhaltigkeit das Mass aller Dinge. Die Thurgauer Dienststelle für Statistik beobachtet seit 2017 unter dem Titel Monithur den Kanton anhand von nicht weniger als 48 Indikatoren aus Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt.

Die Aktualisierung 2021 wurde am Montag aufgeschaltet. Auf eine Gesamtbewertung wird verzichtet. Dies wäre auch schwierig, da sie von der subjektiven Einschätzung der einzelnen Indikatoren abhängt.

Weniger Feinstaub, mehr Nitrat im Grundwasser

In Richtung Nachhaltigkeit geht es in den letzten ein bis zwei Jahrzehnten im Themenbereich Umwelt, wie in der Medienmitteilung festgestellt wird. Das zeigt sich an den Indikatoren zur Fliessgewässerqualität, zur Feinstaubbelastung und zur Biodiversität.

Auch die Nutzung des öffentlichen Verkehrs und die Fläche wertvoller Naturräume haben zugenommen. Negativ zu Buche schlägt demgegenüber der neu aufgenommene Indikator «Nitrat im Grundwasser», ebenso das Wachstum des Verkehrsaufkommens.

Im Themenbereich Wirtschaft haben sich laut Dienststelle für Statistik in den letzten ein bis zwei Jahrzehnten viele Indikatoren günstig entwickelt. Dazu wurden vor allem die Themen Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftliche Leistung beurteilt: Seit der Jahrtausendwende wurde die steuerliche Wettbewerbsfähigkeit gestärkt, die Nettoschuld von Kanton und Gemeinden vollständig abgebaut und die wirtschaftliche und finanzielle Leistungsfähigkeit verbessert. Beim Thema Innovationskraft und Wachstumspotenzial ist das Bild dagegen durchzogen.

Im Themenbereich Gesellschaft kommen positive Signale insbesondere von der Bildung, wo der Bevölkerungsanteil ohne nachobligatorischen Bildungsabschluss deutlich kleiner geworden ist, und von der Sicherheit – weniger Strassenverkehrsunfälle mit Personenschaden, weniger Diebstähle.

Bildungsunterschiede sind kleiner geworden

Auch bei der Chancen- und Verteilungsgerechtigkeit haben sich einige Indikatoren in die als «richtig» bezeichnete Richtung entwickelt: Die Bildungsunterschiede nach Migrationshintergrund sind kleiner geworden, der Anteil Frauen in politischen Ämtern hat sich erhöht.

Bei anderen Indikatoren zur Chancen- und Verteilungsgerechtigkeit hat sich hingegen kaum etwas verändert, etwa bei den Lohnunterschieden nach Geschlecht oder dem Anteil Frauen in Kaderpositionen. Ungünstig entwickelt hat sich auch die Zahl schwerer Gewaltstraftaten.

Bei manchen Indikatoren zeigt der Blick in die Rubrik «Aussagekraft» die Problematik des Konzepts. So gibt es einen Indikator «Distanz zum nächsten Lebensmittelgeschäft». Dieser hat sich negativ entwickelt, was die Dienststelle für Statistik relativiert: «Der Indikator berücksichtigt nur den Standort von Lebensmittelgeschäften, jedoch weder die Attraktivität noch sonstige Qualitätsmerkmale des Angebots. Hauslieferdienste sowie Onlinedienste bleiben unberücksichtigt. Ebenso nicht berücksichtigt werden Tankstellenshops und Geschäfte im Ausland.»

Zum Bruttoinlandprodukt, dessen Entwicklung seit 2009 mit der Farbe grün, also positiv bewertet wird, lautet der Kommentar:

«Es ist kein Mass für das Wohlergehen der Bevölkerung.»