START INS GARTENJAHR
Bereit für den Weltuntergang: Frauenfelds urbane Gärtnerinnen und Gärtner legen heuer einen Schwerpunkt auf die Samengemeinschaftszucht

Das Saatgutprojekt im Klösterligarten, das vom Bundesamt für Landwirtschaft unterstützt wird, geht ins vierte Jahr. Erstmals stehen eigene Samen für Knackerbsen, Andenbeeren und Snackgurken zur Verfügung. Gesucht werden aber noch fleissige Gärtnerinnen und Gärtner.

Mathias Frei
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Vereinspräsidentin Fiona Käppeli und Robert Zollinger, Projektleiter des nationalen Samengemeinschaftszucht-Projektes, im Klösterligarten.

Vereinspräsidentin Fiona Käppeli und Robert Zollinger, Projektleiter des nationalen Samengemeinschaftszucht-Projektes, im Klösterligarten.

Bild: Andrea Stalder

«Aber wenn die Welt untergeht, kann ich im Laden ja gar keine Samen mehr kaufen, um Gemüse anzusäen.» Das meinte mal ein Schüler, als Primarlehrerin Fiona Käppeli mit ihrer Klasse das Gärtnern thematisierte. Was der Bub sagte, blieb bei ihr hängen. Als Präsidentin des Vereins Offenes Gärtnern in Frauenfeld (ogif) weiss sie aber, dass es auch anders geht. Dass man sich das Saatgut selber ziehen kann.

Beete und Wege werden im Klösterligarten abgesteckt.

Beete und Wege werden im Klösterligarten abgesteckt.

Bild: Andrea Stalder

Seit Frühling 2018 ist das Projekt Samengemeinschaftszucht (Sagezu) eines der Standbeine des Frauenfelder Urban-Gardening-Vereins. In diesen Tagen beginnt die diesjährige Gartensaison. Wen wundert's, dass bei den milden Temperaturen auch rund um die 250 Quadratmeter Pflanzfläche im Klösterligarten Betrieb herrscht. Innerhalb der Klostermauern geht das Saatgutzuchtprojekt nun in die vierte Saison.

Aussaat der Knackerbsen ab Mitte März, Ernte im Juni

Vergangene Woche ging's ans Lockern des Bodens. Zudem wurden Bodenproben genommen. An diesem sonnigen Montagnachmittag arbeiten acht Gärtnerinnen und Gärtner an den Beeten und legen Wege an. Nächstens wird Kompost angeliefert.

«Mitte März säen wir die Knackerbsen aus.»

Das erklärt ogif-Präsidentin Käppeli. Die Andenbeeren und Snackgurken dagegen wachsen derzeit noch professionell im Gewächshaus respektive bei Käppeli daheim auf dem Fenstersims. Die Setzlinge kommen erst im Mai ins Beet. Vorzucht nennt sich das. Und bereits ab Juni sind schon die Knackerbsen erntereif, Snackgurken und Andenbeeren brauchen noch bis August respektive September.

Voller Gemeinschaftsgarten
und siebter Standort für Hochbeete

Der Verein Offenes Gärtnern in Frauenfeld (ogif) hat drei Standbeine: Nebst der Saatgutzucht im Klösterligarten sind dies der 4500 Quadratmeter grosse Gemeinschaftsgarten am Kanalweg sowie das urbane Gärtnern mit Hochbeeten an verschiedenen Standorten in der Stadt. Vor sechs Jahr begann der Verein mit einem 123 Quadratmeter grossen Garten am Kanalweg direkt an der Murg gelegen. Diesen Samstag startet die dritte Saison im massiv vergrösserten Areal. Fast 60 aktive Vereinsmitglieder arbeiten mit. Es habe ein paar wenige Austritte gegeben, sagt ogif-Präsidentin Fiona Käppeli. Aber aufgrund der bestehenden Warteliste für zu bewirtschaftende Gartenflächen konnten die freien Plätze sofort wieder gefüllt werden. Beim urbanen Gärtnern konnte der Verein vergangenes Jahr zu den bestehenden Hochbeetstandorten (Burstelpark, Schlossmühlestrasse, Lindenpark, Murgplatz und Kappelerspielplatz) am Lindenplatz beim «Be You Cafe» einen sechsten Standort in Betrieb nehmen. Und dieses Jahr soll beim Friedhof Oberkirch ein siebter Standort dazukommen. (ma)  

www.facebook.com/ogifogif und www.offenesgaertnerninfrauenfeld.com

Im Herbst sind hoffentlich öffentliche Degustationen möglich

Dass es dieses Saatgutzuchtprojekt gibt, das wissen nur die wenigsten Frauenfelderinnen und Frauenfelder. Auch im eigenen Verein gebe es noch Mitglieder, die zwar eifrig im Gemeinschaftsgarten mitarbeiten, aber noch nie bei Sagezu zu Besuch waren. Käppeli sagt:

«Unser Ziel für das aktuelle Gartenjahr ist es, die Saatgutzucht bekannter zu machen und ganz Frauenfeld zu uns einzuladen.»
Gärtnerinnen und Gärtner wirken unter der Frühlingssonne im Klösterligarten.

Gärtnerinnen und Gärtner wirken unter der Frühlingssonne im Klösterligarten.

Bild: Andrea Stalder

Die Coronapandemie hat die Sagezu-Arbeit etwas ausgebremst. Käppeli hofft aber, dass kommenden Spätsommer und Herbst wieder öffentliche Degustationen möglich sind. Diese gemeinsamen Verkostungen sind entscheidend für die Weiterzucht der Samen. Nicht weniger wichtig ist auch das freiwillige Engagement. Die Stadt sowie die beiden Frauenfelder Kirchgemeinden unterstützen ogif finanziell, die katholische Kirchgemeinde stellt zudem den Klösterligarten zur Verfügung. Aber am Schluss braucht es Handarbeit. Derzeit seien rund zehn Personen bei Sagezu aktiv. «Es hat noch gut Platz für fünf Gärtnerinnen und Gärtner mehr», sagt Käppeli. Wichtig dabei: Während man im Gemeinschaftsgarten nicht zuletzt für sich selber respektive für eine schöne Ernte arbeitet, gibt es bei Sagezu kaum eine grosse Gemüseernte. Denn hier geht es eben um die Weiterzucht des Saatguts.

Rücklagen für kommende Jahre bilden

Knackerbsen-Saatgut.

Knackerbsen-Saatgut.

Bild: Andrea Stalder

Dieses Jahr gibt es erstmals von allen drei Pflanzen eigenes Saatgut. So können Rücklagen gebildet werden. Ein Teil der Samen kommt in die nationale Gendatenbank in Nyon-Changins. Dafür ist Robert Zollinger besorgt. Der aus dem Thurgau stammende Saatgutspezialist leitet seit vier Jahren das nationale Sagezu-Projekt, an dem mittlerweile nebst Frauenfeld noch zwölf weitere Gartengemeinschaften aus der Deutschschweiz beteiligt sind. Zudem ist Sagezu ein offizielles Forschungsprojekt des Bundesamts für Landwirtschaft.

«In Frauenfeld trägt eine stabile und engagierte Gruppe das Saatgutzuchtprojekt. Die Leute hier wollen gärtnern.»

Das sagt Zollinger. Der Verein ogif habe beim nationalen Projekt eine Vorreiterrolle. Neues Ziel könne nun sein, das Saatgut unter den Garteninitiativen zu tauschen. Natürlich würden Andenbeerensamen auch nach zehn Jahren noch keimen. Wichtiger sei aber, das Saatgut in Umlauf zu bringen und zu nutzen. Fiona Käppeli kann sich zum Beispiel vorstellen, nach vier Jahren Andenbeeren 2022 mit dieser Pflanze zu pausieren und stattdessen neues Saatgut zu züchten.

Der Gemeinschaftsgarten am Kanalweg im April 2019.

Der Gemeinschaftsgarten am Kanalweg im April 2019.

Bild: Olaf Kühne

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