Stalker verfolgt Thurgauerin seit vier Jahren – er droht: «Ich töte Dich»

Er taucht nachts vor ihrem Haus auf, passt sie auf der Strasse ab und tyrannisiert sie mit Telefonanrufen. Seit vier Jahren wird eine Thurgauerin von ihrem Ex-Freund verfolgt. Sie fühlt sich vom Rechtsstaat nicht ausreichend geschützt.

Ida Sandl
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Die Angst vor dem Stalker läuft mit. Bild: Michel Canonica

Die Angst vor dem Stalker läuft mit. Bild: Michel Canonica

Sie weiss nicht mehr, wie sich ein normales Leben anfühlt. «Ich bin seit vier Jahren auf der Flucht», sagt Anina*, Mitte 50, verheiratet. Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer in einem kleinen Thurgauer Dorf. Vor dem Fenster Wiesen, ein wilder Garten. Mehr Idylle geht nicht. Doch in Aninas Seele hockt die Angst vor dem Mann, der sie verfolgt, trotz Verurteilung, trotz Rayonverbot. «Ich töte Dich», hat er ihr mehrmals gedroht. Sie würde es ihm zutrauen.

27400 Franken hat sie für den Anwalt ausgegeben

Anina hat die rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft, zu denen man ihr geraten hatte. Ein mühsamer, kräftezehrender Weg. Sie hat die Polizei gerufen, wenn er nachts vor dem Haus stand, hat ihn angezeigt, sich einen Anwalt genommen, ist gegen ihn vor Gericht gezogen. 27400 Franken musste sie allein an Anwaltskosten aufbringen. Er dagegen habe als mittelloser Flüchtling weder eine Busse noch seinen Verteidiger zahlen müssen. Sie sagt:

«Manchmal kommt es mir vor, als wäre ich die Täterin und nicht das Opfer»

Anina ist enttäuscht: «Die Gesetze verheben nicht.» Der Schweizer Rechtsstaat sei nicht in der Lage, sie wirkungsvoll vor diesem Mann zu schützen. Zweimal stand der renitente Stalker schon vor dem Bezirksgericht, jedes Mal wurde er schuldig gesprochen. Beim ersten Mal eine Geldbusse, dazu Rayon- und Annäherungsverbote. Das habe ihn nicht beeindruckt.

Das zweite Urteil fiel härter aus, 60 Tage Haft. Es ist noch nicht rechtskräftig, er hat Rekurs beim Obergericht eingelegt. Jahrelang ging sie nur mit Perücke und verkleidet aus dem Haus, wählte Umwege. Unbeschwert unterwegs sein, das war einmal. Aninas Fall ist besonders krass, der Mann, der sie stalkt, ist ein kurdischer Flüchtling, aufgewachsen in einer Kultur, in der andere Regeln gelten.

Fatal: Faszination und Helfersyndrom

Warum hat sie sich auf eine so schwierige Liebesbeziehung eingelassen? «Ich sah diese haltlose Kreatur, die mit dem Leben hier überhaupt nicht zurechtkam», schildert sie. Es sei ihr ernst gewesen mit ihm. Sie wollte ihm die Türen öffnen zu einem neuen Leben in Freiheit, ohne Angst, ohne Gewalt und Folter.

Der Traum war kurz, das Erwachen bitter. Sie musste erkennen: Dieser Mann duldet keinen Widerspruch von einer Frau. Er fing an, sie zu schlagen und zu demütigen. Zuerst entschuldigte sie es mit der Gewalt, die er selber erlebt hatte. Bis sie einen Schlussstrich zog. Damit wurde es nur noch schlimmer.

An einem Tag rief er 21-mal an

Er drohte, ihrer Familie etwas anzutun, verfolgte sie, zeitweise auch ihre Söhne auf der Strasse, bettelte, dass sie zu ihm zurückkehren solle. Mehrmals tauchte er an ihrem Arbeitsplatz auf, terrorisierte sie mit Telefonanrufen. An einem Tag rief er 21-mal an.

Am bedrohlichsten war es, wenn er nachts vor ihrem Haus auftauchte. Anina rief die Polizei. Die Polizisten redeten ihm gut zu, fuhren ihn im Streifenwagen zurück zu seiner Wohnung. Beeindruckt habe ihn das nicht. In einer Nacht kam er postwendend zurück, nachdem die Polizei ihn weggebracht hatte. Jedes Mal seien andere Polizisten gekommen. Die hätten von seiner Vorgeschichte nichts gewusst und ihn «mit Samthandschuhen» angefasst, sagt Anina.

Das bringe der Schichtbetrieb mit sich, sagt Polizei-Sprecher Michael Roth. Es sei nicht möglich, dass immer dieselben Polizisten an denselben Einsatzort ausrücken. Die Kantonspolizei handle verhältnismässig. Roth sagt: «Unseres Erachtens ist der Begriff ‹Samthandschuhe› nicht angebracht.»

Anina ist überzeugt, die Informationen zwischen den involvierten Behörden müssten besser fliessen. «Man muss diesen Mann wie einen Gefährder behandeln.» Etwa in Schutzhaft nehmen. Doch dafür fehlen die rechtlichen Grundlagen. Obschon die Realität zeigt, dass einige Männer ihre Drohungen irgendwann wahr machen.

Die Wochen in der Psychiatrie haben gewirkt

Der letzte Auftritt des Stalkers vor Aninas Haus war vor einem Jahr. Er sei ausgerastet, als die Polizisten ihn mitnehmen wollten. Daraufhin wurde er in die Psychiatrische Klinik eingewiesen. Anina atmete auf: ein paar Wochen unbeschwertes Leben. Sie habe aber extrem kämpfen müssen, um zu erfahren, wann er entlassen werde. Wieso versteht sie nicht:

«Das ist doch wichtig
für meine Sicherheit»

Vor ein paar Wochen sah sie ihn wieder. Sie war mit einer Kollegin in Winterthur auf dem Weg in ein Restaurant. Er sei an ihr vorbeigelaufen, habe sie fast berührt, sich dann umgedreht und ihr direkt in die Augen geschaut. Sie habe kaum mehr atmen können.

Das Leben im Ausnahmezustand hat bei Aninas aufs Herz geschlagen. Sogar im Schlaf verfolgt ihr Peiniger sie. Sie wache in Panik auf, ihr Puls rast. Er hat sein Ziel erreicht, sagt Anina bitter: «Er kontrolliert mich durch die ständige Angst.»

Hinweis: Name von der Redaktion geändert.

Griffiges Mittel fehlt

Hält sich ein Stalker nicht ans Kontakt-, Annäherungs- und Rayonverbot, so kann der Richter nach geltendem Recht nur eine Ordnungsbusse oder eine Ungehorsamsstrafe verhängen. Die Haft ist 2007 aus dem Gesetz gestrichen worden, deshalb hat auch die Ungehorsamsstrafe nur eine Busse zur Folge. Aber: Wer kein Geld hat, kann nicht zahlen. Das ist bei Aninas Stalker der Fall. Er ist anerkannter Flüchtling, hat kein Vermögen und das Einkommen reicht gerade zum Leben.

Die Frauenfelder SVP-Nationalrätin Verena Herzog hat vor etwa zwei Jahren eine Motion eingereicht. Ihr Vorschlag, die Ordnungshaft von 30 oder 90 Tagen sollte als Vollstreckungsmittel ins Gesetz aufgenommen werden. Ziel war, die Opfer besser und schneller vor renitenten Stalkern zu schützen. Unterstützt wurde Herzog vom Weinfelder Gerichtspräsidenten und SVP-Kantonsrat Pascal Schmid.

Der Nationalrat hat die Motion angenommen, doch der Ständerat wollte keine Änderung der Zivilprozessordnung. Herzog reichte einen neuen Vorstoss ein. Diesmal soll Artikel 292 des Strafgesetzbuches so geändert werden, dass neben der Busse auch eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten möglich sei. Die Motion ist noch nicht behandelt. Der Bundesrat hat sie zur Ablehnung empfohlen.

Ein renitenter Stalker landet auch jetzt irgendwann im Gefängnis, wenn er die Busse nicht zahlt. Es braucht dafür aber den Umweg übers Strafgesetz. Schmid sagt dazu: «Der Weg dahin ist kompliziert, teils extrem langwierig und mit viel Aufwand und Kosten verbunden.» Ein griffiges zivilrechtliches Mittel wie die Ordnungshaft fehle. Der Rechtsstaat müsse sich auch bei renitenten Tätern durchsetzen. «Wenn er die Opfer nicht wirksam schützt, verspielt er seine Glaubwürdigkeit und seine Autorität.» (san)

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