Interview

Es kann nur einen geben: Zweikampf um Ständeratskandidatur in Thurgauer SVP

Keiner wollte zu Gunsten des anderen verzichten: Am 19. Februar duellieren sich die beiden Thurgauer SVP-Grössen Regierungsrat Jakob Stark und Nationalrat Markus Hausammann um die Ständeratskandidatur.

Christian Kamm, Thomas Wunderlin
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Wer wird Ständeratskandidat der Thurgauer SVP? Regierungsrat Jakob Stark (links) und Nationalrat Markus Hausammann liefern sich ein Rennen auf Augenhöhe. (Bild: Reto Martin)

Wer wird Ständeratskandidat der Thurgauer SVP? Regierungsrat Jakob Stark (links) und Nationalrat Markus Hausammann liefern sich ein Rennen auf Augenhöhe. (Bild: Reto Martin)

Jakob Stark, Markus Hausammann, haben Sie sich schon bei Peter Spuhler bedankt?

Hausammann: Wofür?

Weil Spuhler nicht Ständerat werden will, stehen Sie beide jetzt im Ring. Oder wären Sie auch gegen einen Peter Spuhler angetreten?

Hausammann: Das wäre parteiintern sicher ungleich schwerer gewesen. Insbesondere für mich, weil ich auch die Wirtschaft und die Landwirtschaft vertrete. Die Herausforderung wäre eine andere gewesen, als gegen einen Regierungsrat anzutreten, der vom Amt her Vollzug und Verwaltung nahe steht.

Stark: Peter Spuhler wäre ein Super-Kandidat gewesen. Als er dann aber verzichtete, war mir klar, dass es jetzt Zeit ist, mich selber zu bewerben. Insofern habe ich mich gefreut, dass er verzichtete. Ich habe mit ihm auch ein Gespräch geführt.

Im Vorfeld?

Stark: Nein, nachher.

Was betrachten Sie als grössere Hürde: In der SVP-Delegiertenversammlung die Nomination zu gewinnen oder anschliessend die Wahl in den Ständerat zu schaffen?

Stark: Beides ist eine Herausforderung. Die Hürde der Delegiertenversammlung nimmst du oder eben nicht. Da gibt es nur schwarz oder weiss. Bei der Ständeratswahl gibt es einen langen Wahlkampf und die Chancen für einen SVP-Kandidaten sind sicher gut. Aber auch das hat man nicht einfach im Trockenen.

Hausammann: Ich würde die Kandidatur nach einer Nomination keinesfalls auf die leichte Schulter nehmen. Der SVP-Sitz ist nicht gesetzt, sondern es wird Leute geben, die ihn uns streitig machen wollen. Das Spezielle an der Ausmarchung innerhalb der Partei ist, dass der, der für mich stimmt, nicht gegen Jakob Stark ist und umgekehrt.

Aber jeder muss sich entscheiden.

Hausammann: Das ist so. Und es ist schwierig herauszuspüren, wie es laufen wird. Es lassen sich im Vorfeld wenige in die Karten schauen und sagen, dass sie für den oder für den sind. Sondern alle sagen: Es ist schön, dass wir eine Auswahl haben. Was Mann/Frau dann auf den Wahlzettel schreibt, wird sich zeigen.

Wie bereiten Sie sich auf die Delegiertenversammlung vor? Sicher mit einem Referat, aber führen Sie auch noch viele Gespräche?

Hausammann: Davon gehe ich nicht aus. Wir beide haben aus vergangenen Wahlkämpfen aber eine Gefolgschaft, die auf die Entscheidung hin wieder mobilisiert wird, das ist klar. Ich denke sowieso, dass die Meinungen der Delegierten weitgehend gemacht sind – ausser man verbockt es an der Versammlung mit einem Referat, das nicht ankommt.

Stark: Es werden rund 300 Delegierte anwesend sein. Da gehe ich davon aus, dass es viele gibt, die noch unentschieden sind. Die Festgelegten gibt es auch, klar. Aber andererseits auch Parteikolleginnen und -kollegen, die das noch etwas auf sich zukommen lassen. Hier ist, wie Markus gesagt hat, das eigene Netzwerk wichtig. Und auch der Auftritt an der Versammlung. Deshalb ist es ja auch eine sehr spannende Angelegenheit.

Ein klassischer Zweikampf.

Stark: Es gibt nur eine Ständeratskandidatur der SVP, alles andere wäre arrogant und verwegen. Wer auch immer gewinnt – nach der Nominierung müssen die Reihen wieder geschlossen werden. Das ist ein ganz wichtiger Punkt.

Hausammann: Köbi und ich haben beide vor 30 Jahren unsere politischen Karrieren begonnen. Wir sind miteinander politisch «gross» geworden – eigentlich ist es speziell, dass wir uns bis anhin nie ins Gehege gekommen sind. Der Grund liegt darin, dass er sich für eine Profi-Politkarriere entschieden hat und ich von Anfang an ein Miliz-Politiker sein wollte. Jetzt aber, quasi auf der Zielgeraden, werden wir doch noch zu Kontrahenten.

Stark: Ich hätte es mir auch anders gewünscht. (lacht)

Zwei Aushängeschilder der SVP Thurgau veranstalten einen Showdown um die Ständeratskandidatur. Hätte man das nicht einvernehmlich unter Männern ausdiskutieren und regeln können?

Stark: Wir haben uns nicht unter vier Augen ausgetauscht, aber im engen Zirkel der Geschäftsleitung ist sehr intensiv diskutiert worden. Ich bin jetzt im 13. Jahr Regierungsrat. Wenn ich mit dieser breiten Erfahrung politisch noch etwas anderes machen will, dann ist es der Ständerat. Und ich finde, dass ich den Thurgau gut im Ständerat vertreten könnte. Hingegen überlegte ich mir nicht, für den Nationalrat zu kandidieren. Ich möchte nicht primär Interessenvertreter sein, sondern Standesvertreter.

Regierungsrat Jakob Stark. (Bild: Reto Martin)

Regierungsrat Jakob Stark. (Bild: Reto Martin)

Sie haben vor vier Jahren ins Finanzdepartement gewechselt. Wir gingen davon aus, dass Sie das jetzt bis zur Pensionierung machen.

Stark: Wenn man das Departement wechselt, sollte man mindestens vier Jahre im neuen bleiben. Bei einem Wechsel ins Stöckli wären es bei mir dann sechs Jahre. Die eidgenössische Politik hat mich schon immer interessiert. Ich bin letztes Jahr 60 geworden. Ein Ständeratsmandat umfasst 60 bis 70 Prozent. Ich könnte mich zwei Legislaturen lang voll und ganz darauf konzentrieren – ohne weitere Ämter.

Sie würden aber die laufende Amtszeit als Regierungsrat beenden?

Stark: Ja, die Amtszeit endet Ende Mai 2020, das Ständeratsmandat würde im Dezember 2019 beginnen. Es ergäbe sich somit vorübergehend sicher eine grosse Belastung, aber ich würde es sehr gerne machen und die Interessen unseres vielfältigen Kantons in Bern einbringen. Ich bin fit, motiviert und fühle mich leistungsstark. Ich will in einem intensiven Dialog stehen mit Verbänden, der Regierung, aber auch mit der Bevölkerung des Thurgaus und der Ostschweiz. Das ist mein Angebot an meine Partei und den Thurgau.

Der Ständerat ist die Kammer der Kantonsvertreter. Als Regierungsrat ist man da bestens vorbereitet. Richtig, Markus Hausammann?

Hausammann: Man ist bestens vorbereitet, und es hat auch verhältnismässig viele ehemalige Regierungsräte im Ständerat, die den gleichen Karriereweg eingeschlagen haben wie Köbi...

Zu viele?

Hausammann: ...Ich habe nur gesagt relativ viele. Aber es ist einfach wichtig, die andere Sicht auch einzubringen. Ich darf von mir behaupten, dass ich im Leben stehe, vollkommen unabhängig bin von politischen Ämtern und mich mit der bäuerlichen und gewerblichen Basis austausche. Von daher könnte ich auch im Nationalrat bleiben. Aber ich komme als langjähriger Gemeindepräsident ursprünglich auch von der Exekutivseite her, wo die Sach- und weniger die Parteipolitik im Vordergrund steht. Ich bin mehr der Typ, der sachbezogen nach Lösungen sucht. Und ich habe die Kontakte in Bern bereits, bin im Bundeshaus hervorragend vernetzt und mit 55 im besten Alter für diesen Wechsel.

Stark: Ich gehe mit einer gewissen Demut an die Aufgabe heran. Und trotzdem kann ich sagen, dass ich ab der ersten Woche in Bern aktiv dabei sein würde. Während meiner langen Regierungszeit in drei Departementen habe ich in zahlreichen wichtigen Themen – Bildung, Verkehr, Umwelt, Finanzen, Gesundheit, Soziales – so viel Erfahrung gesammelt, dass ich dort sofort einsteigen kann. Stichwort Vernetzung: Ich war drei Jahre lang Präsident der kantonalen Baudirektoren-Konferenz, habe dabei eng mit dem Bund zusammengearbeitet, und ich war vier Jahre Präsident der Ostschweizerischen Regierungskonferenz. Ich kenne viele Leute in Bern, auch in der SVP-Fraktion.

Markus Hausammann, Sie verzichten auf eine erneute Nationalratskandidatur und setzen allein auf den Ständerat. Warum dieses alles oder nichts?

Hausammann: Weil es nicht glaubwürdig wäre zu sagen: Ich probier mal ein bisschen Ständerat und im Notfall gehe ich zurück in den Nationalrat. Dann wäre doch von Anfang an klar gewesen, wohin es mich wieder spült.

«Mit dem Auf-Tutti-Gehen beweise ich, dass ich das wirklich will.»

Und wenn es nicht klappt?

Hausammann: Meine Frau hat es treffend gesagt: Es wird immer ein Türlein aufgehen und wenn es nur daheim die Stalltüre ist.

Hat das nicht etwas von einer Erpressung gegenüber Ihrer Partei, wenn Sie sagen: Ständerat oder nichts. Und Sie setzen den dritten Nationalratssitz der SVP auf Spiel.

Hausammann: Nein. Wir haben eine sehr gute Nationalratsliste mit dem Bauernvertreter Daniel Vetterli, der ohne weiteres das Potenzial hat, in meine Fussstapfen zu treten. Ich denke auch an den «halben» Bauernvertreter Manuel Strupler. Die beiden haben das Potenzial, die bäuerlichen Stimmen abzuholen. Mein Entschluss für den Ständerat zu kandidieren ist schon früh gefallen. Die parteiinternen Gespräche sind geführt worden, und es war niemand von uns beiden bereit, dem anderen den Vortritt zu lassen.

Diese öffentliche Inszenierung eines parteiinternen Duells ist schon speziell.

Stark: Die öffentliche Inszenierung machen die Medien. Einen Zweikampf hat es im Übrigen schon vor acht Jahren gegeben, damals mit Roland Eberle und Urs Schneider. Ein Stück weit hat es also Tradition. Andererseits ist das auch ein Zeichen von innerparteilicher Demokratie. Natürlich:

«Ich wäre sehr froh gewesen, wenn wir uns in der Partei hätten einigen können. Und ich hätte auch gerne mit Markus in Bern zusammengearbeitet.»

Mit Markus Hausammann im Nationalrat?

Stark: Ja, natürlich. Dann hätten wir weiter zusammenarbeiten können. Aber am Schluss war es sein Entscheid und den muss man akzeptieren.

Hausammann: Ich wäre offen gewesen für gleich lange Spiesse, indem man sagt: Wer die Ständeratsnomination nicht schafft, der verstärkt die SVP-Nationalratsliste. Aber da hatte Köbi andere Vorstellungen. Ich will damit nochmals klarstellen: Mein Vorgehen ist nicht gegen die Partei gerichtet. Mit meiner Erfahrung und meiner Art zu politisieren, könnte ich im Ständerat für den Thurgau viel mehr bewirken als in der 70-köpfigen SVP-Nationalratsfraktion.

Nationalrat Markus Hausammann. (Bild: Reto Martin)

Nationalrat Markus Hausammann. (Bild: Reto Martin)

Herr Stark, Sie fahren mit Ihrer Kandidatur ebenfalls eine Risikostrategie. Scheitern Sie bei der Nomination, sind Sie auch als Regierungsrat angeschlagen.

Stark: Dann würde ich den Kopf für einen Moment sicher ein bisschen hängen lassen, darauf aber meine Aufgaben als Regierungsrat weiterhin gewohnt engagiert, pflichtbewusst und mit Freude wahrnehmen. Wenn man sich einer Wahl stellt, besteht immer das Risiko zu verlieren. Das gehe ich ein. Ich glaube aber, dass das Vertrauen in meine Arbeit als Regierungsrat auch nach einer Nichtnomination intakt bliebe.

Ständeräte sitzen in zahlreichen Kommissionen und müssen auf vielen politischen Feldern zu Hause sein. Passt man da als Landwirtschaftsvertreter ins Profil, Herr Hausammann?

Hausammann: Ich lasse mich nicht auf den Landwirtschaftsvertreter reduzieren. Obwohl ich nicht in der betreffenden Kommission bin, politisiere ich beispielsweise auch in Raumplanungsfragen mit und mache eigene Vorschläge. In Finanzfragen bin ich sowieso stark engagiert und voll auf SVP-Kurs, wonach man haushälterisch mit dem Geld umgehen muss. Andererseits täte es dem Ständerat mit Sicherheit gut, wenn wieder einmal jemand dorthin kommt, der von der Landwirtschaft eine praktische Ahnung hat.

Stark: Hier unterscheiden wir uns schon. Es ist wichtig, dass im Ständerat der ganze Kanton vertreten ist und man auch so wahrgenommen wird. Als Baudirektor hatte ich viel mit dem Gewerbe und der übrigen Wirtschaft zu tun. Die Landwirtschaft wird sich von mir auch vertreten fühlen. Ich bin Bauernsohn, habe auf dem Hof gearbeitet, als mein Bruder in Kanada war. Ich habe einen Hobby-Rebberg und Wald. Die Nähe zur Landwirtschaft ist da. Ausserdem kenne ich sehr viele Menschen in der Partei und im ganzen Kanton, dieser direkte Kontakt bedeutet mir viel.

Wo unterscheiden Sie sich sonst voneinander?

Hausammann: Wie gesagt: Wir kamen uns nie ins Gehege, so gesehen dürften die Unterscheide tatsächlich nicht so gross sein. Bis auf das, dass Köbi die Sachfragen vielleicht etwas stark verwaltungsgeprägt betrachtet. Umgekehrt hatte ich in der Legislatur 2011-2015 das beste Rating als Gewerbevertreter von sämtlichen Thurgauer Nationalräten. Das zeigt, dass ich nicht nur auf landwirtschaftlichem Gebiet politisiere. Köbi muss dafür besorgt sein, dass die Verwaltung mit den Bauern und Gewerblern zurande kommt. Ich hingegen vertrete Bauern und Gewerbler gegenüber der Verwaltung.

Stark: Ich würde es nicht auf die Verwaltung reduzieren. Ein Exekutivpolitiker sollte auch unternehmerisch führen und politisieren. Das habe ich immer getan, auch wenn mir dies zuweilen Kritik eingetragen hat. Nehmen Sie das Projekt BTS/OLS. Ein Projekt mit riesigen Dimensionen, das ich von A bis Z betreut habe. Jedem Problem sind wir nachgegangen und jedem Einwand. Zur grossen Überraschung haben wir damals mit fast 55 Prozent die Volksabstimmung gewonnen. Nun ist die Strasse im Netzbeschluss und im Richtplan drin. Die wichtige Folgearbeit muss nun in Bern geleistet werden. Auch ein Grund, weshalb ich im Ständerat am richtigen Ort wäre.

Markus Hausammann denkt hier an den drohenden Kulturlandverlust?

Hausammann: Sicher denke ich auch daran. Aber ich bin ein Befürworter von BTS/OLS so wie sie jetzt aufgegleist ist. Nicht akzeptiert hätte ich, dass man nur von einer BTS spricht und nicht auch von einer OLS und den Gemeinden auf dem Seerücken so den Verkehr quasi vor die Türe knallt. Aber es gibt hier bei Detailplanung und Finanzierung noch viel zu tun. Vor allem innerhalb des Kantons, weshalb Köbi eigentlich im Thurgau bleiben könnte.

Die BTS-Abstimmung war ein grosser Erfolg für Sie, Herr Stark. Weniger brilliert haben Sie beim Kunstmuseum.

Stark: Mich als Baudirektor betraf das öffentliche Beschaffungswesen. Und hier habe ich auch eingeräumt, dass das Vorgehen nicht sorgfältig genug gewesen ist. Wobei ich nicht so sicher bin, ob es im Thurgau immer gescheit ist, einen Fehler zuzugeben, weil die Medien dann noch intensiver dahinter gehen. Aber es ist schon so: Da hat es Fehler gegeben, die hat der Regierungsrat aufgearbeitet und die Konsequenzen gezogen. Unter anderem mit dem Antrag an den Grossen Rat, das Lotteriegesetz zu revidieren.

Markus Hausammann, mit 55 ist man noch viel zu jung, um aufs politische Altenteil zu gehen. Einverstanden?

Hausammann: Ich will auch nicht aufhören. Ich will als Ständerat weiter machen.

Politik lässt einen ein Leben lang nicht los. Stimmt’s, Jakob Stark?

Stark: Das ist so. Ich habe immer noch grosse Freude an der Politik. Und wenn ich sehe, dass Bundesrat Maurer mit 69 noch eine so gute Leistung bringt, dann sage ich mir: Nach zwei Legislaturen im Ständerat wäre ich genauso alt wie Ueli Maurer heute.

Ständerat: Zweikampf in der Thurgauer SVP

Bei der Thurgauer SVP kommt es zu einer internen Ausscheidung für die Nomination in den Ständerat. Sowohl Nationalrat Markus Hausammann als auch Regierungsrat Jakob Stark wollen ins Stöckli.
Silvan Meile