Interview

Stadträtin Ursi Senn-Bieri: «Ich will Weinfelden im Kleinen lebendig halten»

Als Legislaturziel hat sich Stadträtin Ursi Senn-Bieri vorgenommen, die Quartierarbeit in Weinfelden zu stärken.

Sabrina Bächi
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Stadträtin Ursi Senn-Bieri erläutert ihre Ideen zur Quartierarbeit.

Stadträtin Ursi Senn-Bieri erläutert ihre Ideen zur Quartierarbeit.

(Bild: Andrea Stalder)

Wie sind Sie auf das Thema Quartierarbeit in Weinfelden gekommen?

Ursi Senn-Bieri: Ich treffe mich zwei Mal jährlich mit den Vereinen und Institutionen rund ums Alter, es nennt sich Seniorennetz. Dort erfahre ich von aktuellen Projekten und Angeboten, aber auch, wo der Schuh drückt. Das Thema «Vereinsamung im Alter» kommt immer wieder zur Sprache, weshalb ich mir zum Ziel gesetzt habe, der Vereinsamung mit einem umfassenden Projekt ein bisschen entgegenzuwirken.

Wie genau wollen Sie das anpacken?

Ich habe schon lange immer wieder Ideen gesammelt, aber die Schwierigkeit ist immer: Was ist die Rolle der Stadt und wo kann sie helfen? Es stellt sich auch die Frage, was die Gründe für die Vereinsamung sind. Bisher hatte ich einfach keine zündende Idee. Dann bin ich in der Zeitung auf einen Artikel über die Quartierarbeit in Frauenfeld gestossen. Das hat mich inspiriert, ich will es jedoch nicht gleich machen, wie die Verantwortlichen in der Hauptstadt.

Weshalb nicht? Was spricht dagegen?

Ich will keine Strukturen aufbauen wie etwa ein Dachverband. Ich will zuerst die bestehenden Strukturen in den Quartieren untersuchen und mit den Einwohnern sprechen. Dazu teile ich das Stadtgebiet in vier Teile auf. Dann lade ich die Bewohner dieser Quartiere ein und höre mir an, wie das Quartierleben ist, wo es harzt, was funktioniert und welche Ideen bereits vorhanden sind.

Warum wollen Sie keine Strukturen bestimmen?

Ich will nicht von oben herab den Leuten etwas überstülpen, dass sie nicht gebrauchen können. Aufgrund allfälliger Kosten gäbe so ein Projekt bestimmt auch politischen Gegenwind. Es tönt vielleicht etwas mutlos, aber ich finde, es soll gemeinsam mit der Bevölkerung entstehen.

Das Projekt dreht sich also nicht nur um ältere einsame Menschen?

Nein. Gegen die Vereinsamung können wir von der Stadt auch gar nicht so viel leisten wie andere bereits bestehende Organisationen. Ich denke aber, es tut Weinfelden gut, sich mit dem Quartierleben zu beschäftigen. Gerade weil die Stadt immer grösser wird, sollte es im Kleinen lebendig bleiben.

Auch wenn Sie nichts bestimmen oder vorschreiben wollen, haben Sie dennoch Ideen, wie man lebendige Quartiere erreichen könnte?

Ja, das habe ich natürlich. Ich selbst habe in meinem Quartier gesehen, wie vergangenen Sommer das Quartierfest auf grossen Anklang stiess. Hier kann die Stadt helfen und etwa Infrastruktur wie Festbänke zur Verfügung stellen. Organisieren müssen es aber Quartiervereine. Es wäre toll, wenn sich aufgrund meiner Gespräche mit der Bevölkerung solche Quartiervereine bilden würden. Zudem braucht es Orte der Begegnung. Bei uns ist es das Quartierlädeli. Es kann aber auch ein Spielplatz sein. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass solche Orte für die Kontaktaufnahme und gegen das Vereinsamen enorm wertvoll sind.

In welchem Zeithorizont wollen sie die geplanten Gespräche in den Quartieren durchführen?

Das hängt noch etwas davon ab, ob wir von «Engagement local» Unterstützung erhalten. Ich habe dort das Weinfelder Projekt eingereicht. Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft fördert mit diesem Projekt die Freiwilligenarbeit. Rund zehn Gemeinden in der Schweiz werden pro Jahr unterstützt. Sollten wir in die Kränze kommen, hätten wir finanziell und personell natürlich einen Vorteil und das Projekt könnte schneller angegangen werden. Das gäbe eine Art Initialzündung.

Und wenn es diese Unterstützung nicht gibt?

Das Projekt kommt sowieso, die Frage ist dann eher, wann. Für mich ist die Quartierarbeit ein langfristiges Projekt. Zudem sind wir nicht in einer Notsituation. Vieles in Weinfelden funktioniert sehr gut. Und für sehr vieles haben wir zahlreiche gute Organisationen, die sich um das Wohl der Gesellschaft kümmern. Dafür bin ich sehr dankbar. Es geht mir aber dennoch um die Frage nach Verstärkung, ums Kräftebündeln und darum, den Weinfeldern einen Mehrwert zu bieten. Es geht schliesslich um die gegenseitige Wertschätzung, um die Hilfe beim Posten oder ums Zusammensein, zusammen Jassen oder Ähnliches – dafür muss man sich kennen und genau dort will ich einhaken und starten.

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