Kommentar
Stadtbus Weinfelden: Wer nicht wagt, bleibt unwissend

Redaktionelle Stellungnahme zur Abstimmung über den Versuchsbetrieb eines Weinfelder Ortsbusses

Sabrina Bächi
Drucken
Teilen
Ein Ausstellungsmodell des möglichen Weinfelder Stadtbusses steht auf dem Marktplatz Weinfelden.

Ein Ausstellungsmodell des möglichen Weinfelder Stadtbusses steht auf dem Marktplatz Weinfelden.

(Bild: Andrea Stalder)

Die Fetzen fliegen. Zumindest in den sozialen Medien. Die Weinfelder sind sich uneins, ob die junge Stadt nun auch einen Stadtbus erhalten soll oder nicht. Die Stadt Weinfelden stimmt am 9. Februar über eine fünfjährige Versuchsphase ab. Ein Ortsbus-Konzept mit drei Linien und einem 20-Minuten-Takt liegt vor. Die Kosten sind bekannt: 5,4 Millionen für einen fünfjährigen Betrieb mit Hybridbussen oder 7 Millionen, wenn Elektrobusse zum Einsatz kommen.

Das Argument schlechthin gegen einen Stadtbus ist der Kostenfaktor: zu teuer. Das sagen der Stadtrat und Parlamentarier aus dem bürgerlichen Lager. Sie geben zu bedenken, dass nicht nur der Busbetrieb, sondern auch dessen Nutzung kostet. Ein Einzelbillett für die Ostwindzone 924 kostet mit Halbtax 2,60 Franken. Ein Jahresabonnement wäre für 435 Franken zu haben. Im Jahr bezahlt die Stadt über eine Million an den Bus. Damit verdoppelt sie ihre Subventionen für sämtliche ÖV-Angebote.

Die Stadt kann sich den Bus leisten

Es schleckt keine Geiss weg: Ein Stadtbus kostet – und er wird höchstwahrscheinlich defizitär sein. Wer aber die Gewinne der Stadt vergangener Jahre betrachtet, der sieht: Trotz Steuerfusssenkung kann es sich die Stadt leisten.

Sparfüchse überzeugt man mit diesem Argument nicht. Doch der Bus ist auch eine Investition in die Standortattraktivität und bringt allen Vorteile. Schade ist deshalb, dass sich in solchen Debatten die Argumente vorwiegend um die Kosten drehen, statt um den Wert, den in diesem Fall ein Stadtbus bringt.

Wer nutzt den Bus?

Sabrina Bächi, Leiterin Ressort Weinfelden.

Sabrina Bächi, Leiterin Ressort Weinfelden.

(Bild: Andrea Stalder)

Die zweite kritische Frage, die sich stellt, ist: Wer nutzt den Bus? Weinfelden ist die Stadt der kurzen Wege. Viele fahren mit dem Velo oder gehen zu Fuss. Jedes Ziel ist aber auch so nicht einfach zu erreichen. Die Sportanlagen liegen weit im Osten, manche Wohnquartiere am Hang oder weiter draussen. Die Gehdistanzen von dort ins Zentrum sind weit.

Faulheit kann man heute wohl keinem mehr vorwerfen, der einen Weg von über einer halben Stunde zum Einkaufen nicht unter die Füsse nehmen will. Selbst kurze Wege sind für ältere oder gehbehinderte Personen ein Problem. Und die schweren Einkaufstaschen tragen sich auch nicht von selbst zurück.

Das Argument der Bewegungsfaulheit greift in diesem Fall zu kurz. Die Bewegung fehlt an so vielen Orten, nicht nur am fehlenden Marsch in die Migros, den ein Stadtbus ersetzt.

Gerade für Kinder, Jugendliche, ältere Personen, Gehbehinderte oder Familien mit Kinderwagen ist ein Stadtbus für eine optimale Erschliessung wichtig. Ob die Pendler aber vom Velo auf den Bus umsteigen, ist fraglich. Erhebungen während der Testphase müssen zeigen, ob und wie gut der Bus angenommen wird.

Bis klare Zahlen vorliegen, sind die Argumente auf beiden Seiten reines Kaffeesatzlesen.

Stadtbus kommt auch der Region zugute

Der Stadtrat argumentiert völlig zu Recht damit, dass das Postautonetz in Weinfelden gut ausgebaut ist. Sicherlich. Doch gerade hier könnte der Stadtbus einen grossen Mehrwert bieten. Nicht nur für den Ort Weinfelden, sondern für die Region. Würde ein Ortsbus das Stadtgebiet abdecken, könnten die Postautos die Region besser erschliessen.

Aktuelle Debatten zeigen, dass gerade die umliegenden Dörfer mit dem Busanschluss kämpfen, weil die Postautos in Weinfelden Umwege über Industrie- und Einkaufsgebiete nehmen müssen. Mit Stadtbus und guter Planung würden sich viele dieser Probleme lösen lassen.

Weinfelder müssten umdenken

Bei den vom Pro-Stadtbus-Komitee organisierten Testfahrten wurde vielen Weinfeldern bewusst, dass der 20-Minuten-Takt des Busses mehr Verkehr in die Quartiere bringt. Das ist richtig. Zumindest auf dem Papier. Das langfristige Ziel des öffentlichen Verkehrs, wozu der Stadtbus zählt, ist es, den Individualverkehr zu minimieren.

Es hängt also auch von den Weinfelderinnen und Weinfeldern ab, ob es tatsächlich mehr Verkehr in den Quartieren gibt – oder es doch zur erhofften Verkehrsreduktion kommt.

In den gleichen Topf gehört auch das ökologische Argument: Wenn Weinfelderinnen und Weinfelder den Bus statt des Autos nutzen, dann hat er einen ökologischen Mehrwert. Wenn die Weinfelder weiterhin nur mit dem eigenen Auto fahren, bringt ein Bus nichts.

Keine Türen verbarrikadieren

Doch genau dafür ist die Versuchsphase da. Es geht darum, herauszufinden, ob es in der Stadt einen Bedarf für den Stadtbus gibt. Am 9. Februar entscheiden die Weinfelder Stimmbürger deshalb nicht, ob es einen Bus braucht oder nicht – vielmehr ob man eine Antwort auf genau diese Frage will oder nicht.

Im Falle eines Neins würde ein Türchen verbarrikadiert, ohne zu wissen, was sich dahinter verbirgt. Die Gegner haben auch bei einem Ja einen klaren Vorteil: Bringt der Bus nichts, ist er nach fünf Jahren wieder Geschichte. Der Schaden hält sich in Grenzen.

Bei einem Nein spart die Stadt Geld, doch die Unwissenheit über die verpasste Chance bleibt. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Es lohnt sich den Versuch zu wagen – auch wenn er viel kostet.