Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Der Thurgauer SRF-Korrespondent Pascal Nufer ist zurück aus China: «Die Zeit hat mich viel Kraft gekostet»

Pascal Nufer war während fünfeinhalb Jahren als SRF-Korrespondent in China. Das Land und seine Menschen haben beim Thurgauer einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Florian Beer
SRF-Korrespondent Pascal Nufer ist wieder in der Schweiz angekommen. (Bild: Donato Caspari)

SRF-Korrespondent Pascal Nufer ist wieder in der Schweiz angekommen. (Bild: Donato Caspari)

«China ist meine Traumstelle.» Dieses Zitat stand über dem Artikel dieser Zeitung zu Pascal Nufers Abreise nach China im Januar 2014.

Er freue sich auf eines der spannendsten Länder der Welt, das gerade an einem Wendepunkt stünde. Aus den ursprünglich vier geplanten Jahren wurden schliesslich fünfeinhalb. Erst vor kurzem ist der 43-Jährige mit seiner Familie aus dem Reich der Mitte in die Schweiz zurückgekehrt. «Es war eine sehr interessante Zeit, die mich aber auch viel Kraft gekostet hat», sagt er.

Schlinge um die Meinungs- und Pressefreiheit zugezogen

Um das Leben in China beschreiben zu können, müsse man zwischen beruflichem und privatem Alltag differenzieren. «Oft hatte ich das Gefühl, dass ich meinen Job nicht so machen kann, wie ich ihn ursprünglich gelernt hatte», sagt Nufer. Als Journalist sei man auf Menschen angewiesen, die einem als Quellen dienen können.

«Im Verlauf der Jahre wollten aber immer weniger Menschen mit uns vor der Kamera reden. Das erschwerte unsere Arbeit sehr.»

Der Grund dafür liege in der Politik des chinesischen Präsidenten Xi Jinping. «Als ich 2014 nach China kam, hoffte man, dass es unter ihm mit der Öffnung des Landes weitergehe», sagt Nufer. Entgegen den Erwartungen sei aber das Gegenteil eingetroffen, «was vielleicht noch spannender gewesen ist.» Seit Xis Amtsantritt habe sich die Schlinge um die Meinungs- und Pressefreiheit zugezogen.

Auch die Kommunikation unter Journalistenkollegen sei deutlich schwieriger geworden. «In China sind alle westlichen sozialen Medien verboten», sagt Nufer. Man sei deshalb gezwungen, über chinesische Apps zu kommunizieren. Doch da habe der Staat vollen Zugriff auf den gesamten Datenverkehr. «Es kam immer wieder vor, dass Nachrichten mit heiklen Inhalten nicht ankamen.» Dies alles habe ihn in seiner journalistischen Arbeit eingeschränkt.

China – journalistische und emotionale Herausforderung

Auch auf emotionaler Basis habe ihn China immer wieder vor Herausforderungen gestellt. Eines der schlimmsten Erlebnisse sei die Verhaftungen zweier Menschen gewesen, die er zuvor interviewt hatte. «Der eine war ein Künstler, der mittels Malerei seine Zeit in der Armee zu Zeiten des Tiananmen-Massakers (siehe Box) verarbeitete, der andere war ein bekannter Politaktivist.»

Tiananmen-Massaker

1989 protestierten Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking gegen die kommunistische Führung. Viele traten in den Hungerstreik, sie forderten politische Reformen und mehr Demokratie – all das gewaltlos. Dennoch erschoss die Armee in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni Hunderte, wenn nicht Tausende Demonstrierende. Genaue Opferzahlen gibt es nicht. Über dieses Ereignis wird in China bis heute eisernes Schweigen bewahrt – In Schulbüchern wird über das Tiananmen-Massaker auch nicht geschrieben. (mst)

Im Gegensatz zum Künstler habe der Aktivist geahnt, dass er möglicherweise verhaftet würde. Umso mehr schockierte Nufer das Verschwinden des Künstlers, denn seine Verhaftung kam auch für dessen Umfeld völlig unerwartet. «Ich musste mich immer fragen, ob ich die Menschen durch meine Arbeit gefährde und ob die Konsequenzen tragbar sind», erklärt Nufer.

Privat sei das Leben in China nicht unangenehm. «Wir lebten in Shanghai, meine beiden Kinder gingen dort auf die deutsche Schule, an der auch meine Frau arbeitete.» Die Lebenskosten seien aber sehr hoch. «Gesundes Essen ist in China ein Luxusprodukt», sagt Nufer. Ein grosses Problem sei auch die Umweltbelastung, vor allem mit kleinen Kindern, die auch mal draussen spielen wollen.

Was er während seiner Zeit in China ebenfalls vermisste, war das Grundvertrauen in der Gesellschaft. «Das Misstrauen untereinander, auch innerhalb der Familie, ist noch ein Überbleibsel aus der Kulturrevolutionszeit», erklärt der Fernsehjournalist.

Kulturrevolution

1966 hat Parteiführer Mao Zedong die Kulturrevolution ausgerufen. Er forderte dazu auf, die Gegner des Kommunismus aus dem Weg zu räumen. Besonders die chinesische Jugend konnte er für dieses Gedankengut begeistern: Diese war zu dieser Zeit unzufrieden und von einer grossen Arbeitslosigkeit geplagt. Es bildete sich die rote Garde, 10 Jahre lang verbreitete deren roter Terror Angst und Schrecken. Fanatiker töteten sogar ihre Eltern. Insgesamt soll die Kulturrevolution 1,7 Millionen Opfer gefordert haben. (mst)

Nichtsdestotrotz ginge es den Menschen in China zumindest finanziell so gut wie noch nie. Die Menschen gehorchen dem immer autoritärer regierenden Regime, weil sie ihren Wohlstand nicht durch einen Aufstand verlieren wollen. Unruhen entstünden oft dann, wenn das Volk das eigene Wohlbefinden in Gefahr sehe. Aus diesem Grund setze sich die chinesische Regierung stark für den Umweltschutz ein, eines der grössten Probleme in China.

Die Regierung fürchtet nichts mehr, als unkontrollierbare Proteste, wie zum Beispiel im Moment in Hongkong, wegen des umstrittenen Auslieferungsabkommens. Ein Thema, das Nufer auch aus der Schweiz mit grossem Interesse verfolgt. Er selber wäre jetzt gerne in Hongkong, wie er verrät. Nufer glaubt, dass die Proteste gegen die chinesische Regierung und ihre autoritäre Politik erst der Anfang sind. «Es bleibt, abzuwarten, wie Xi Jinping darauf reagiert und wie es weitergeht.»

Während seiner Zeit in China hat Pascal Nufer viele unterschiedliche Menschen kennen gelernt. Eine Frau, deren zwölfjährige Tochter entführt und zwangsprostituiert wurde, ist ihm aber besonders in Erinnerung geblieben.

«Die Polizei sagte ihr, dass es keine Hoffnung für die Tochter mehr gäbe. Die Mutter gab aber nicht auf und fand schliesslich das Bordell, in dem sie ihre Tochter vermutete.»

Tagelang versteckte sie sich auf einem gegenüberliegenden Balkon und beobachtete das Gebäude, bis sie ihre Tochter sah. Über die sozialen Medien teilte sie ihr Schicksal, das bald viele Anhänger fand und die Polizei dazu brachte, die Tochter zu befreien. Die Mutter allerdings wurde wegen Anstiftung zur sozialen Unruhe verhaftet. Wiederum über soziale Netzwerke formierte sich ein Aufstand dagegen, man fand das Arbeitslager, in dem sie inhaftiert war und forderte erfolgreich ihre Entlassung.

Dieser Mut und Wille imponierte Nufer besonders. Wenn man von China rede, müsse man immer zwischen dem Regime und den Menschen unterscheiden. «Die Chinesen geben nie auf und glauben immer an das Gute und arbeiten dafür, dass ­alles noch besser werden kann.» Darin sehe er auch einen der Gründe für den wirtschaftlichen Aufschwung des ­Landes.

Ankunft in der Schweiz zeigt Veränderungen

Im Juli endete schliesslich das China-Abenteuer für die Familie Nufer, von Schanghai ging es nach Effretikon ZH. Pascal Nufer wird allerdings noch bis Ende Jahr mit China in Verbindung sein. Er dreht für 3sat eine vierteilige Dokumentationsserie und blickt darin hinter die Kulissen seiner Arbeit und die des Landes. Was danach auf ihn zukommen wird, ist noch offen.

Vermissen wird er die chinesische Küche, welche entgegen den chinesischen Restaurants hierzulande, sehr vielseitig ist. «Das chinesische Essen ist nicht bloss Ente süss-sauer, sondern reicht von Dim Sum über röstiartige Fladen bis hin zu scharfen Gemüsepfannen.»

In der Schweiz schätze er die friedliche Stimmung und die Freundlichkeit, vor allem die der Behörden. Dass er lange Zeit weg war, merke er daran, dass er von einigen schief angeschaut werde, wenn er eine Bratwurst auf den Grill legt. Viele in seinem Umfeld seien mittlerweile Vegetarier. «In diesen Momenten merke ich, dass sich hier einiges ­verändert hat», meint er lachend. Rückblickend sei es aber trotz aller Schwierigkeiten ein Traumjob gewesen. «Ich würde es wieder machen.»

Zur Person

Pascal Nufer Pascal Nufer ist 1976 zur Welt gekommen und in Kradolf aufgewachsen. Er hat eine Lehrerausbildung absolviert und arbeitete parallel als Korrespondent für die «Thurgauer Zeitung». Nach einem Studium in der Medienwissenschaft, hat er für verschiedene Radiostationen gearbeitet und ist anschliessend mit seiner Frau nach Thailand gezogen. Sie nahm eine Stelle an der Schweizer Schule in Bangkok an. Sieben Jahre lang lebten sie in Südostasien. Nufer arbeitete als freier Journalist für Radio, Zeitung und Fernsehen. Nach ihrer Rückkehr 2011 lebte die Familie während zweier Jahre in der Schweiz, bevor Pascal Nufer die ausgeschriebene China-Stelle des SRF annimmt. Er hat zwei Kinder. (fbe)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.