Interview

«Sprinter müssen das Risiko ausblenden»: Thurgauer Radprofi Stefan Bissegger zum schweren Sturz bei der Polen-Rundfahrt

Der schwere Sturz des niederländischen Radprofis Fabio Jakobsen überschattete die erste Etappe der Polen-Rundfahrt. Sein Thurgauer Berufskollege Stefan Bissegger leidet mit – und schätzt die Geschehnisse von gestern ein.

Stefan Marolf
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Der Moment des Unglücks: Dylan Groenewegen im gelben Trikot drängt Fabio Jakobsen von der Fahrbahn.

Der Moment des Unglücks: Dylan Groenewegen im gelben Trikot drängt Fabio Jakobsen von der Fahrbahn.

Tomasz Markowski / AP

Stefan Bissegger, Fabio Jakobsen ist beim Zielsprint der ersten Etappe der Polen-Rundfahrt in Katowice schwer gestürzt und liegt im Koma. Was ging Ihnen durch den Kopf?

Im ersten Moment habe ich sofort gedacht: Das hätte jetzt nicht sein müssen.

Der Thurgauer Radprofi und Sprintspezialist Stefan Bissegger.

Der Thurgauer Radprofi und Sprintspezialist Stefan Bissegger.

Peter Schneider / KEYSTONE

Wie nahe geht Ihnen der Unfall?

In solchen Momenten macht man sich schon Gedanken. Mir wurde das Risiko, dem wir uns aussetzen, plötzlich wieder bewusst. Wenn sich alle an die Regeln halten würden, sähe das Ganze allerdings anders aus.

Dylan Groenewegen wird Absicht unterstellt. Zurecht?

Groenewegen hat Jakobsen schon ziemlich abgedrängt, hatte den Ellbogen sehr weit draussen. Das ist alles andere als regelkonform. Auf jeden Fall wusste Groenewegen, dass Jakobsen von hinten kommt und er spürte wohl, dass Jakobsen ihn überholen würde. Vermutlich hat er versucht, die Lücke zu schliessen und gehofft, sein Gegner würde abbremsen.

So kam es zur Kollision mit mehreren Verletzten. Sind Massensprints zu gefährlich?

Die reinen Sprinter, die da vorne mitfahren, sind Psychos. Sie müssen kurz vor dem Ziel das Risiko ausblenden. Wenn man sich in solchen Momenten die Gefahr vor Augen führt, ist man weg vom Fenster. Es ist gang und gäbe, dass Sprinter mit 60 Kilometern pro Stunde auf der Zielgeraden unterwegs sind und immer wieder Kontakt mit Gegnern haben. Es kann immer zu Stürzen kommen.

Dylan Groenewegen sorgte mit seiner rücksichtslosen Aktion für einen Massensturz. Hinter ihm ist Fabio Jakobsens Rad zu sehen.

Dylan Groenewegen sorgte mit seiner rücksichtslosen Aktion für einen Massensturz. Hinter ihm ist Fabio Jakobsens Rad zu sehen.

Tomasz Markowski / AP

Und trotzdem geht es meist glimpflich aus.

Es ist tatsächlich erstaunlich: Die Sprinter halten sich fast immer auf dem Rad, auch wenn sie bei hoher Geschwindigkeit heftig aneinandergeraten. Gefährlich wird es dann, wenn andere Fahrer versuchen, mitzumischen. Ein Bergspezialist mit 60 Kilogramm kann nicht mithalten, wenn es zum Kontakt kommt.

In Katowice sprinteten die Fahrer auf der abschüssigen Zielgeraden sogar mit 80 Sachen.

Je schneller die Fahrer sind, desto gefährlicher natürlich die Unfälle. Die Organisatoren in Polen haben wahrscheinlich nicht die beste Zielankunft gewählt, denn bei einer so hohen Geschwindigkeit kann kein Fahrer mehr reagieren.

Der Radkalender wurde von Corona komplett auf den Kopf gestellt. Erhöht die schwierige Saisonvorbereitung das Risiko für die Athleten?

Niemand weiss, wie viele Rennen es geben wird. Fahrer, die für das kommende Jahr noch keinen Vertrag haben, wollen unbedingt Resultate liefern. Sie sind bereit, ein sehr hohes Risiko einzugehen. Gut möglich, dass dadurch die Aggressivität im ganzen Feld höher ist als normalerweise.

Am Freitag starten Sie an der Tour de l’Ain. Werden Sie vorsichtiger sein?

Das darf eigentlich nicht passieren. Ich bin vom Typ her auch ein Sprinter und muss deshalb im Finale eines Rennens alles ausblenden können.

Die erste Etappe endete mit mehreren Verletzten und mit der Disqualifikation Groenewegens.

Die erste Etappe endete mit mehreren Verletzten und mit der Disqualifikation Groenewegens.

Andrzej Grygiel / EPA
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