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Sprache auf der Grossen Allmend über dem Limit

Die Fluchwort-Dichte auf den Open-Air-Bühnen ist unanständig hoch. Obwohl auch Ami-Hip-Hopper gerne verbal den Zweihänder auspacken, ecken die deutschsprachigen Künstler mehr an. Weil man sie versteht.
Desirée Wenger
Harter Rap mit Maske: Genetikk aus dem deutschen Saarbrücken. (Bild: PD)

Harter Rap mit Maske: Genetikk aus dem deutschen Saarbrücken. (Bild: PD)

Rap provoziert. Dies hat mit dem Hintergrund des Genres zu tun, das in den 1980er-Jahren in den amerikanischen Grossstadt-Schluchten entstand. «Viele Karrieren von Rap-Künstlern sind darauf aufgebaut, dass sie aus dem Ghetto kamen. Ohne diese Geschichte wären sie kaum erfolgreich. Aufgrund dieser sozialen Hintergründe bleiben ihre Texte spannend, kontrovers und kraftvoll», erklärt Benjamin Wurm. Er schreibt derzeit seine Bachelorarbeit über Rap im Schweizer Klassenzimmer.

«Die Sprache provoziert, indem sie Dinge benennt, die skandalträchtig, anstössig und tabuisiert sind.»
(Saskia Waibel, Dozentin an der PH Zürich)

Längst ist Rap wohnzimmertauglich geworden und wird auf Mainstream-Radiosendern gespielt. Und dabei dringen die ungeschliffenen Seiten von Rap immer wieder durch. Bei englischen Wörtern wie «bitch» (Schlampe), «whore» (Hure), «nigger» (Neger), wie sie zum Beispiel in den Texten von Acts wie Lil Uzi Vert vorkommen, wird nicht mit der Wimper gezuckt. Der Ami-Rapper stand am Freitag auf der Bühne in der Grossen Allmend. Hingegen stossen manchen Leuten die Ausdrucksweise von deutschen Rappern auf. Benjamin Wurm erklärt dieses Phänomen so: «Englisch wird durch den Gebrauch in den Medien für uns Europäer als Entertainmentsprache verwendet. Wir haben mehr Distanz zu englischen Fluchwörtern, da es nicht unsere Erstsprache ist. Wir identifizieren uns also emotional weniger mit englischen Fluchwörtern.»

Zieht gerne mal einen durch: Lil Uzi Vert aus Philadelphia/USA. (Bild: PD)

Zieht gerne mal einen durch: Lil Uzi Vert aus Philadelphia/USA. (Bild: PD)

Schockprinzip ermöglicht schnelle Verbreitung

Rapper, die kontroverse Texte schreiben, benutzen die Sprache als Waffe, indem sie diese von der Alltags-, Schul- und Zeitungssprache abheben, sagt Saskia Waibel, Dozentin für Deutsche Sprache an der Pädagogischen Hochschule (PH) Zürich. «Die Sprache provoziert, indem sie Dinge benennt, die skandalträchtig, anstössig und tabuisiert sind.» Doch wo sind die Grenzen? Welche Botschaft wollen Skandal-Rapper wie Haftbefehl oder Genetikk, die heuer in Frauenfeld zu sehen sind, mit ihren gewaltverherrlichenden und frauenverachtenden Texten verbreiten? Ein Beispiel dafür ist diese Strophe von Haftbefehl: «Finger eure Fotzen mit Kalaschnikows / Ich zersplitter eure Fressen mit ‘ner Gorbatschow / Unser Block ist wie Alcatraz / Unsere Brüder tragen Belstaff in Einzelhaft.»

Ein ganz böser Junge: Haftbefehl aus dem deutschen Offenbach. (Bild: PD)

Ein ganz böser Junge: Haftbefehl aus dem deutschen Offenbach. (Bild: PD)

Den Erfolg solcher Rapper erklärt Student Benjamin Wurm mit dem Schockprinzip. Übertriebene, extreme Texte würden sich schneller verbreiten. Weshalb also sorgte die antisemitische Zeile «mein Körper definierter als von Ausschwitzinsassen» der Rapper Farid Bang und Kollegah, die 2013 auf der Grossen Allmend gastierten, für Aufschrei, wo doch bei deren frauenverachtenden Texten nur mit der Schulter gezuckt wird. Ist Sexismus im Rap weniger schlimm als Antisemitismus? Der Holocaust sei in Deutschland ein sehr heikles Thema, und es gebe immer noch grosse Probleme mit Neonazis und Holocaust-Leugnern, sagt die PH-Dozentin. «Wenn nun jemand im Zusammenhang mit Ausschwitz von definierten Körpern spricht, wird damit das Leiden der Menschen verhöhnt. Viele junge Menschen streben in der heutigen Zeit des Instagram-Körperkults nach gut definierten Muskeln. Diese Gleichsetzung ist deshalb absolut unmöglich», erklärt Waibel. Wiederum habe das Beleidigen von Frauen im Rap eine lange Tradition. Dieses Dissen wirke deshalb nicht mehr sonderlich provozierend. Ausserdem sei im Rap Authentizität wichtig, man müsse «real» sein und könne nur über Dinge rappen, die man kenne.

Deutschlands grosse Städte und ihre Ghettos

Dass Schweizer Rapper im Vergleich zu ihren deutschen Kollegen so harmlos erscheinen, erklärt Benjamin Wurm damit, dass Deutschland eine andere urbane Kultur habe als die Schweiz. «Bei uns hat man eine grössere Hemmschwelle, da man sich Sorgen macht wegen der Berufschancen oder der Reaktionen im persönlichen Umfeld.» Saskia Waibel ergänzt: «In der Schweiz gibt es noch keine Ghettoisierung, wie sie in grösseren Städten Deutschlands vorkommt. Das hat auch damit zu tun, dass es in Deutschland grössere Städte mehr Menschen mit Migrationshintergrund, mehr sozial Schwächere und somit mehr Probleme gibt.»

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