Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Interview

Spaziergang am Euphrat: Interview mit dem Frauenfelder Autor Usama Al-Shahmani

Der Schriftsteller Usama Al-Shahmani vermisst Familie, Freunde und die Natur im Irak. Er weiss, dass man Lügen verschieden definieren kann, und ist sich sicher, man sollte dankbar sein, in einem Land geboren zu sein, in dem Lügen vermeidbar ist.
Tizian Fürer
Der Schriftsteller Usama Al-Shahmani im botanischen Garten in Frauenfeld. (Bilder: Reto Martin)

Der Schriftsteller Usama Al-Shahmani im botanischen Garten in Frauenfeld. (Bilder: Reto Martin)

Was hat Sie in den vergangenen Wochen beschäftigt?

Ich schreibe und versuche, mich in die Figur einzuleben und mir zu überlegen, wie sie mit Dingen in bestimmten Situationen umgeht. Doch das Schreiben entführt mich natürlich nicht von meinem Alltag. Ich bin auch als Vater und Ehemann in der Pflicht.

Wie lange brauchen Sie, um ein Buch fertigzustellen?

Das bleibt offen. Geschichten entwickeln sich und sind nicht abhängig von der Zeit, sondern von der Reife. Mal werden Geschichten schnell reif, manchmal in einer längeren Zeitspanne. Wenn ich gewusst hätte, wie lange es dauert, würde ich nicht schreiben. Das blockiert mich. Ich kann einiges unter Druck gut machen – schreiben gehört nicht dazu.

Warum wohnen Sie in Frauenfeld?

In Frauenfeld lebt meine Familie. Seit 14 Jahren bin ich hier und ich liebe diese Stadt, ich habe hier Wurzeln geschlagen. Freunde, Orte und Erinnerungen, wie auch die Geburt meiner Kinder sind diese Wurzeln. Ich bin gern hier und fühle mich auch dazugehörig. Verstärkt wurde dies durch den Förderpreis, den ich vergangenes Jahr von der Stadt erhalten habe. Ich fühle mich sehr geehrt.

Lügen Sie manchmal?

Was ist eigentlich Lügen? Nicht die Wahrheit sagen? Das Geschehen anders formulieren? Etwas nicht sagen? Gerade im Irak musste man manchmal aus der Not heraus lügen.

Ein Beispiel: Im Irak muss man nach dem Studium ins Militär gehen, ausser wenn man schwer krank ist. Ein guter Freund von mir erklärte mir unter vier Augen, dass er nur über seine Leiche eine Waffe tragen wird. Er wusste aber auch, dass man für Dienstverweigerung hingerichtet wird.

Also stellte er sich auf die Strasse und spielte einen Verrückten. Er beschimpfte nackt Leute auf der Strasse und wurde von heute auf morgen der Verrückte aus dem Quartier. Nach langem Hin und Her kam er auf eine geschlossene Station und blieb dort zwei Jahre, obwohl er vernünftig war. Dank dieser Lüge ist er Mensch geblieben und musste keinen anderen Menschen töten.

Was ich damit sagen will, ist, dass man dankbar sein muss, wenn man in einem Land geboren wird, in dem Lügen vermeidbar ist. Es gibt keinen Grund, in der Schweiz seine Meinung anders zu formulieren.

Zur Person

Usama Al-Shahmani wurde 1971 in Bagdad geboren und wuchs in Qalat Sukar auf. Er studierte arabische Sprache und moderne arabische Literatur, bevor er 2002 als Flüchtling in die Schweiz kam. Er arbeitet als Autor, Dolmetscher und Kulturvermittler. Mit seiner Ehefrau und seinen beiden Kindern lebt er in Frauenfeld.

Was vermissen Sie am meisten am Irak, Ihrer Heimat?

Natürlich vermisse ich in erster Linie meine Eltern und meine Geschwister. Die Wärme dieser Personen, das Gespräch mit meiner Mutter beim Abendessen, ihre Rituale, wie sie Tee serviert. Und ihre wiederholenden Sätze, zum Beispiel beim Essenausschöpfen. Diese Sätze haben immer eine brillante Form, wie sie es ausspricht.

Ich vermisse natürlich auch alte Freunde, die ich lange nicht mehr gesehen habe. Auch einen Spaziergang den Euphrat entlang oder den Blick von einer Brücke über den Tigris in Bagdad vermisse ich. Das tut mir manchmal auch weh, denn das sind Lücken, von welchen einige unfüllbar sind.

Was denken Sie, ist der grösste Unterschied zwischen der irakischen und der Schweizer Kultur?

Es gibt grundsätzliche Hintergründe, die uns Menschen überall ähnlich machen. Vor allem emotionale Reaktionen wie Liebe, Freunde, Traurigkeit oder Glücklichsein. Es gibt diese Prinzipien zwischen uns, die alle Menschen gleichstellen. Doch gibt es auch grosse kulturelle Unterschiede. Zum Beispiel sind wir im Irak den Fremden gegenüber nicht so zurückhaltend. Das hat aber nichts mit Vertrauen zu tun.

Im Irak vertraut man den Fremden gar nicht. Im Gegenteil. In der Schweiz vertraut man meistens den Fremden, aber geht trotzdem zurückhaltend mit ihnen um, und verkleinert, wenn möglich, den Spielraum zu Fremden.

Damit will ich nicht sagen, dass Schweizer keine neuen Freundschaften suchen. Aber sie sind ein bisschen vorsichtiger, als sie sein sollten. Das ist in der arabischen Kultur nicht der Fall. Wir erzählen zwei, drei Witze und sind dann Freunde.

Wie ist denn der arabische Humor?

Der Humor orientiert sich, wie fast überall, an Orten. Manchmal ist er sogar ein bisschen rassistisch. Die Araber lachen über Kurden, die Kurden lachen über Araber. Der Humor hat aber auch viel mit Geschlechterrollen zu tun. Verheiratete Männer etwa lacht man meistens aus, und sagt, sie wären willenlos und gefesselt. Bedingt haben sie da auch Recht.

Aber es gibt auch sonst viele Parallelen zum Schweizer Humor, wie beispielsweise Witze über die Sprache. Wenn es um Tabus geht, bleiben aber viele Witze unter Freunden. Das heisst Sexualität und Religion. Wir haben darüber sehr viele Witze, aber die bleiben meistens unter vier Augen.

Der Schriftsteller Usama Al Shahmani in der Kantonsbibliothek in Frauenfeld.

Der Schriftsteller Usama Al Shahmani in der Kantonsbibliothek in Frauenfeld.

Welcher Film hat Sie zuletzt berührt?

Das war am Flüchtlingstag in Kreuzlingen. Was mich besonders berührt hat, war, dass der Kameramann sich auf die Augen der Kinder fokussiert hat. Man sah darin Leben, Licht und Hoffnung. Ich bin ein Mensch, der immer nach den Spuren der Hoffnung sucht.

Ich selbst blieb nur am Leben dank meinem Vertrauen in die Hoffnung. Es berührte mich sehr, dass diese Kinder trotz einer schlimmen Situation, Orte zum Spielen fanden. Trotz grosser Verzweiflung findet der Mensch immer wieder ein Loch, durch das Licht scheint.

Worüber kann man mit Ihnen nicht reden?

Ich rede auch über Themen, die mir nicht gefallen. Aber ich bin Velofahrer und kann von einem Gespräch, das mir nicht gefällt, davonfahren. Dann mache ich zwei Schritte zurück, steige auf mein Velo und fahre los.

Passiert das oft?

Ich bin während Diktaturzeit im Irak aufgewachsen. Ich lernte, nicht «Nein» zu sagen oder mich zurückzuziehen von Sachen, die einem mir nicht gefallen. Hier habe ich aber gelernt, Grenzen zu setzen und auch mal jemandem zu sagen, dass ich über ein gewisses Thema nicht mehr weitersprechen will, oder ich gebe keine Antwort.

Auch meine Kinder sagen manchmal: «Nein, das will ich nicht.» Mich stört das nicht, denn Neinsagen ist nicht unanständig. Mich stören eher Leute, die nicht ehrlich sind, «Ja» sagen, aber «Nein» meinen.

Was schätzen Sie an Ihrer Partnerin?

Dass sie treu und zuverlässig ist. Ich kann ihr alles anvertrauen. Bei ihr fühle ich Sicherheit und kann auch vor ihr weinen. Für mich ist sie der sichere Hafen, auch wenn mein Schiff gerade mit hohen Wellen kämpft.

Wann können Sie ruhig einschlafen?

Wenn ich ein reines Gewissen habe. Ein gutes Schlafmittel ist ein gut gemeisterter Tag.

Was soll auf Ihrem Grabstein stehen?

Nur mein Name in zwei Sprachen.

Denken Sie oft an den Tod?

Der Tod ist Teil des Lebens und immer präsent. Wenn ich vor meinen Eltern sterben soll, will ich im Irak begraben werden. Meine Eltern haben das Recht, mein Grab zu besuchen. Sollte ich nach meinen Eltern sterben, will ich hier begraben werden. Meine Kinder haben das Recht, mein Grab zu besuchen. Das ist mir wichtig.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.