SOZIALPROJEKT
«Hier sind die Betroffenen nicht mehr so ausgestellt»: Restessbar Frauenfeld zieht in ihre neue Räumlichkeiten ein

Der gemeinnützige Verein hat seine Restessbar an die Grabenstrasse gezügelt. Für die Bezüger hat die neue Lokalität im Stadtzentrum mehrere Vorteile.

Samuel Koch
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Eine Bezügerin nimmt in den neuen Restessbar-Räumlichkeiten Lebensmittel von Stephan Deliga, Urs Geser und Rolf Tiefenbacher entgegen.

Eine Bezügerin nimmt in den neuen Restessbar-Räumlichkeiten Lebensmittel von Stephan Deliga, Urs Geser und Rolf Tiefenbacher entgegen.

Bild: Reto Martin

Grüne Gemüsekisten und Bananenschachteln stapeln sich, im Gestell reihen sich gelbe Tetrapackungen Sauce Hollandaise an Konservendosen mit Randensalat an Verpackungen mit Senf, Backnüssen und Schoggi. Die Lebensmittel in den neuen Räumlichkeiten der Frauenfelder Restessbar stehen bereit, um im Kampf gegen Foodwaste erst noch knurrende Mägen von Bedürftigen zu füllen. «Die Lebensmittelretter» steht auf dem grossen Plakat im Hintergrund.

Der 2015 gegründete Verein Restessbar ist seit dieser Woche neu an der Grabenstrasse 12 domiziliert, im gleichen Gebäude wie die Gassenküche.

«Diese Lokalität ist perfekt für uns», sagt Restessbar-Präsident Urs Geser beim Rundgang am Montagabend. Da ist einerseits der grössere Platz, sowohl für die Lebensmittel als auch für die Bezüger. Im Gegensatz zum bisherigen Standort im alten Wartehäuschen beim Schaffhauserplatz können sie im Trockenen auf die Essenausgabe warten. Und Geser erwähnt noch einen zweiten grossen Vorteil:

Urs Geser, Präsident Restessbar Frauenfeld.

Urs Geser, Präsident Restessbar Frauenfeld.

Bild: Andrea Stalder
«Sie sind nicht mehr so ausgestellt wie am alten Ort.»

Denn beim Anstehen für Gratislebensmittel an der Hauptverkehrsachse kamen bei vielen Bezügern Schamgefühle auf. Das ist jetzt vorbei, in einem Gebäude an zentralerer Lage mit rollstuhlgängigem Zugang, wo mit der Gassenküche und dem Café Salem bereits andere etablierte Sozialprojekte integriert sind.

Neuerdings Platz für 100 bis 150 Personen

Entstanden ist die Idee für den Umzug durch den persönlichen Kontakt Gesers mit Gassenküchen-Leiterin Sandra Kern, die sich von der Arbeit bei der städtischen Berufsbeistandschaft kennen. Wo die Restessbar zuvor am Schaffhauserplatz wöchentlich 60 bis 80 Personen mit zwar abgelaufenen, aber einwandfreien Lebensmitteln bedienen konnte, sind es laut Geser am neuen Ort «locker 100 bis 150». Er meint:

«Natürlich hoffen wir nicht auf noch mehr.»

Die Pandemie mit ihren Auswirkungen hat aber leider dazu geführt, dass die Anzahl Bezüger weiter angestiegen ist und es möglicherweise noch weiter tut, wie auch Rolf Tiefenbacher befürchtet.

Im Grundsatz erhält eine Person von der Restessbar Essen für einen Tagesbedarf, das zweimal wöchentlich von verschiedenen Firmen in bis zu 15 Kisten geliefert wird. Per Losglück dürfen die Bezüger vom Dienstag bis Freitag jeweils bis zur Essensausgabe um 19 Uhr coronakonform hintereinander anstehen und nach und nach vorhandene Lebensmittel auswählen, welche die Helferinnen und Helfer in Einkaufstaschen verpacken. Die Losverteilung habe sich bewährt, sagen die Verantwortlichen. Denn hie und da komme schon vereinzelt Missgunst auf, wenn jemand vor einem noch das letzte saftige Stück Fleisch bekommt.

Jahresmiete kommt aus dem städtischen Covid-19-Fonds

Fleisch, Milchprodukte und sonstige Frischwaren wie Früchte oder Gemüse können die Restessbar-Helfer mittlerweile in einem grossen Gastrokühlschrank lagern. Und bald soll noch ein zweiter dazukommen, damit die triviale Handhabung mit hundskommunen Kühlschränken, wie sie jedermann von zu Hause kennt, bald ein Ende hat. «Wir hatten bisher viel zu wenig Kühlkapazitäten», sagt Stephan Deliga.

Nebst der ganzen Züglete, wofür die Partnerfirma Swiss Around Service den Restessbar-Verantwortlichen unter die Arme griff, hat der Verein rund 8000 Franken in den neuen Standort investiert. Den Grossteil der Ausgaben decken Spenden. Das Preisgeld vom städtischen Förderpreis vom vergangenen Jahr floss ebenfalls in dieses Projekt. Zudem wird die Restessbar vom städtischen Covid-19-Fonds begünstigt, wie Stadtpräsident Anders Stokholm auf Anfrage bestätigt. Geser sagt:

«Die Miete fürs erste Jahr in Höhe von 6000 Franken ist jedenfalls so schon bezahlt.»