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«Die Investitionen lohnen sich»: Die Thurgauer Sprachheilschule hat ihr Schulgebäude in Frauenfeld ausgebaut

Ins Stocken geratene Sprache: Dagegen kümmern sich die Mitarbeitenden der Sprachheilschule Thurgau. Die Sonderschule in Frauenfeld hat eine Erweiterung erfahren. Ein Rundgang.

Samuel Koch
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Primarschulkinder lernen mit besonderem Fokus auf das Sprachverständnis.

Primarschulkinder lernen mit besonderem Fokus auf das Sprachverständnis.

Bild: Andrea Stalder

«Was ist unsere Wochenaufgabe, Samuel?» – «Prellen», antwortet der Erstklässler auf die Frage von Lehrerin Regula Steffen. Eine Handvoll Kinder sitzt auf kleinen Holzstühlen im Kreis und arbeitet am Spracherwerb. «Ich habe heute bis 200 gezählt», sagt Ardi etwas vorlaut.

Alle lachen, auch Rainer Nobs. Er führt durch die neuen Räumlichkeiten der Sprachheilschule im Schollenholzquartier in Frauenfeld, einem von drei Standorten der Institution.

Unterricht in Kleingruppen oder alleine

Rainer NobsGesamtleiter der Sprachheilschule Thurgau.

Rainer Nobs
Gesamtleiter der Sprachheilschule Thurgau.

Bild: Andrea Stalder

Samuel, Ardi und ihre Gspänli nehmen während der ganzen Woche in Kleingruppen am Unterricht teil. «Sie haben die gleichen Fächer wie in der Regelschule», sagt Nobs. Zudem erhalten sie Unterstützung in Bewegung, Koordination und Wahrnehmung. Nobs sagt:

«Die Kinder hier sind nicht weniger intelligent als jene in den Regelklassen.»

Anders als beim Schreiben seien die sprachlichen Defizite nicht auf den ersten Blick erkennbar. Einige der Sprachheilschüler bekunden Mühe mit Lesen, andere mit Hören, wiederum andere mit dem kognitiven Verständnis. Nebst Gruppen- gibt es auch Einzelunterricht, gerade in der Logopädie, in der Regel drei Mal pro Woche.

In der Logopädie lernen Kinder, wie etwas gesprochen wird.

In der Logopädie lernen Kinder, wie etwas gesprochen wird.

Bild: Andrea Stalder

Ein höherer Prozentsatz an Kindern mit Migrationshintergrund negiert Nobs: «Der Anteil ist nicht höher als der Durchschnitt im Kanton.» Dafür kostet einer der derzeit 125 Sprachheilschüler im Thurgau durch die intensive Begleitung zirka das Fünffache eines Schüler in der Regelklasse. Aber Nobs sagt:

«Die Investitionen lohnen sich.»

Denn unabhängig vom Alter der Schüler müsse das Ziel sein, die Kinder möglichst rasch wieder zurück in die Regelklasse zu bringen. Nobs bezeichnet das als reintegrativ.

Psychomotorikraum mit Bällen, Matten und einem Kletterturm

Investiert hat die Sprachheilschule, die überwiegend mit Steuergeldern finanziert ist, zuletzt am Standort Frauenfeld. Für 2,2 Millionen Franken hat die Sonderschule über die Sommermonate auf dem bisherigen Gebäude eine weitere Etage erhalten. Nobs führt durch den neuen Psychomotorikraum mit Bällen, Matten und einem Kletterturm. «Hier lernen die Schüler im motorischen Bereich», erklärt Nobs.

Blick in den Therapieraum für Psychomotorik.

Blick in den Therapieraum für Psychomotorik.

Bild: Andrea Stalder

Drei Mal pro Woche essen die Kinder dank eines Mittagstischs in der Schule, während des Abwaschs riecht es immer noch nach Lasagne. In einem anderen Raum unterrichten Aurelia Gemperli und Brigitte Hunziker acht Schüler im Kindergartenalter beim Rechnen. «Wir zählen», sagt Hunziker und widmet sich direkt wieder den wissbegierigen Kindern.

Brigitte Hunziker und Aurelia Gemperli lehren Kindergärtlern das Zählen.

Brigitte Hunziker und Aurelia Gemperli lehren Kindergärtlern das Zählen.

Bild: Andrea Stalder

Hell, einladend und modern ausgerüstet

Seit August hat sich der Schulbetrieb nach dem von Architekt Armin Schmid geplanten Umbau wieder eingespielt. Während der rund viereinhalb Monate dauernden Bauzeit wich die Schule in externe Räumlichkeiten aus. Nobs sagt:

«Den ganzen Juni und Juli waren wir im Exil.»

Nebst neuen Schulräumen weist das Obergeschoss ein neues Therapiezimmer und einen neuen Materialraum auf, alles über eine grosse Treppe erreichbar. Hell, einladend und modern ausgerüstet startet die Sprachheilschule in Frauenfeld also in ein neues Kapitel.

Im Obergeschoss ist alles feinsäuberlich aufgeräumt.

Im Obergeschoss ist alles feinsäuberlich aufgeräumt.

Bild: Andrea Stalder

Einzig die Wiese westlich vom Gebäude ist derzeit gesperrt, weil die Schulen Frauenfeld nebenan während zwei Jahren die Anlage Schollenholz sanieren. «Die Kinder brauchen Bewegung, auch im Freien», sagt Nobs. Dafür seien ihnen die Schulen Frauenfeld mit einer anderen Spielfläche entgegengekommen, wo sich die Kleinsten während der Pause austoben können.

125 Kinder an drei Standorten

Die Sprachheilschule Thurgau ist eine vom gleichnamigen Verein getragene Bildungsinstitution mit sonderpädagogischem Auftrag des Kantons. Seit dem Jahr 1968 finden dort Kinder vom Kindergartenalter bis zum Ende der Mittelstufe mit komplexen Spracherwerbsstörungen nach Abklärungen des Schulpsychologischen Dienstes einen Platz mit dem Ziel, möglichst rasch wieder in die Regelklasse zurückkehren zu können. Derzeit besuchen 125 Kinder einen der drei Standorte in Romanshorn, Märstetten und Frauenfeld mit insgesamt 100 Mitarbeitenden. Die Sprachheilschule am Oberwilerweg 22 in Frauenfeld existiert seit 1999. Das Jahresbudget von rund 6,8 Millionen Franken finanziert, abgesehen von kleineren Spenden, überwiegend der Kanton. (sko)