«Solch einen wunderschönen Baum gibt es kein zweites Mal»: Die wohl älteste Thurgauer Eiche steht in Braunau

Im Braunauer Weiler Ueterschen steht eine rund 300 Jahre alte Eiche. Sie hat sich längst als Wahrzeichen der Gemeinde etabliert.

Urs Oskar Keller
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Die mächtige Stieleiche in Ueterschen lässt ein vorbeifahrendes Auto sehr klein wirken.

Die mächtige Stieleiche in Ueterschen lässt ein vorbeifahrendes Auto sehr klein wirken. 

(Bilder: Urs Oskar Keller)

Mit ihrer Höhe von 30 Metern ist sie ein Naturdenkmal. Und sie verdient das Prädikat «orts- und landschaftsbildprägend». Ausserhalb des Dörfchens Braunau steht die vermutlich älteste Eiche im Kanton Thurgau. Der Baum steht auf dem Land der Familie Halter in Ueterschen. Zum idyllischen Weiler gehören ein Hof, fünf Häuser, ein knappes Dutzend Bewohner sowie aktuell 68 Kühe und 25 Mastrinder.

Ursula Halter

Ursula Halter

Um die bis ins Jahr 1802 zurückgehende Familiengeschichte zu erhalten, schreibt Ursula Halter eine Hofchronik. Das Dach der Geschichte soll die alte Stieleiche bilden. Dies auch, weil sie in der Dorfchronik aus dem Jahr 1999 vergessen ging. «Ich lernte den Baum vor 58 Jahren kennen, als ich als angehende Lehrerin für ein Jahr im Dorf unterrichtete», erzählt die 76-Jährige. «Die Eiche gehörte aber schon immer zu unserer Familie.»

Auch ihr Sohn Andreas Halter, der den elterlichen Hof 2002 übernommen hat, ist stolz auf den Baum:

Andreas HalterLandwirt und Besitzer der Eiche

Andreas Halter
Landwirt und Besitzer der Eiche

«Wir schützen und pflegen unsere Eiche seit Jahrzehnten, denn weit und breit gibt es solch einen wunderschönen Riesenbaum kein zweites Mal.»

1999 hielt die Eiche im Braunauer Gemeindehaus Einzug. Damals wurde die Politische Gemeinde gegründet. Gemeindepräsident David Zimmermann erzählt: «Auf der Suche nach einem Gemeindesignet war für den damaligen Gemeinderat schnell klar, dass die alte Braunauer Eiche ein ideales Symbol darstellt. Er hat sich daher kurzerhand für den mächtigen Baum entschieden, welcher seither unseren Briefkopf ziert.» Längst hat sich die Eiche als Wahrzeichen des Dorfes etabliert.

Welche Bedeutung der Baum in führen Zeiten gehabt hat, beispielsweise als Versammlungstreffpunkt, ist nicht bekannt. Gemeindepräsident Zimmermann aber sagt mit einem Schmunzeln: «Eine gewisse Symbolkraft kann man unserer Eiche meiner Meinung nach nicht absprechen. Denn wir waren schon immer und sind auch heute noch ein wenig ‹anders›.» Eigenständige Entscheide seien den Braunauern wichtig und was andere denken, werfe sie nicht gleich aus der Bahn.

Zum schönsten freistehenden Baum im Kanton gewählt

Ins Rampenlicht rückte die Eiche 2006. Damals absolvierte Matthias Künzler aus Weinfelden im Rahmen seines Geografiestudiums ein Praktikum beim Kanton Thurgau. Während einigen Monaten erstellte er das «Thurgauer Bauminventar» mit 166 besonders schönen Einzelbäumen.

Im Anschluss an die Inventarisierung führte das kantonale Amt für Raumentwicklung eine öffentliche Ausschreibung durch. Die Bevölkerung durfte den schönsten freistehenden Baum im Kanton bestimmen. Wenig verwunderlich, dass die meisten Stimmen auf die Braunauer Eiche entfielen.

Eine Besucherin umarmt den massiven Stamm der Stieleiche.

Eine Besucherin umarmt den massiven Stamm der Stieleiche.

Das Alter ist eine Schätzung

Wer die Eiche und ob sie überhaupt jemand gepflanzt hat, weiss heute niemand mehr. Das Alter von 300 Jahren ist eine Schätzung. Klarheit über das exakte Alter könnte eine Bohrkernentnahme bringen. Diese möchte man aber dem Baum nicht zumuten. Denn durch das Anbohren würde man ihm eine Wunde zufügen.

Die Stieleiche befindet sich nach wie vor in einer sehr guten Verfassung, bestätigt Baumfachmann Fabian Wick, Inhaber eines Baumpflege-Unternehmens. «Im vergangenen Jahr haben wir den Baum in Ueterschen zum letzten Mal gepflegt. Wir haben vor allem tote Äste beseitigt, ausladende Kronenpartien entlastet und für die Verkehrssicherheit wieder hergestellt.»

Besitzer Andreas Halter sagt:

«Wirtschaftlich gesehen bringt uns die historische Eiche nichts.»

Wegen der riesigen Wurzeln und des Schattenwurfs der 35 Meter breiten Krone sei eine Bearbeitung des Ackers nicht möglich. Kein Problem für die Familie Halter, denn man freut sich einfach an der Schönheit des Baumes.

Der dickste Stamm im Land

In der Schweiz gibt es nur wenige alte und mächtige Obstbäume. Einer davon ist der 250jährige Birnbaum auf dem Bauernhof der Familie Nater in Hugelshofen. Noch gilt er als der dickste seiner Sorte – die Frage ist, wie lange noch.
Donat Beerli