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(Bilder: Reto Martin)

(Bilder: Reto Martin)

Sogar Thurgauerinnen in den Wehen nehmen den Weg hierher auf sich: Ein Besuch im Geburtshaus Zürcher Oberland

Will eine Thurgauerin in einem Geburtshaus gebären und dort das Wochenbett verbringen, liegt die nächste Option in Bäretswil. Zumindest, bis das neue Geburtshaus in St.Gallen eröffnet.
Larissa Flammer

Als Beatrix Angehrn noch im Spital Hebamme war, ist ihr die Freude an ihrem Beruf vergangen. Ging eine Geburt nicht gemäss den Standardvorgaben voran, griffen die Ärzte beschleunigend ein.

Ein Vorfall ist Beatrix Angehrn besonders in Erinnerung geblieben. Als das Ärzteteam am Morgen zur Arbeit kam, übernahm es das Heft bei der gerade laufenden Geburt.

«Jemand drückte der Frau mit dem Ellbogen in den Bauch, jemand machte einen Dammschnitt.»

Das Baby sei forciert geboren worden, die Mutter habe zusätzlich zum Schnitt einen Dammriss vierten Grades erlitten. «Und das nur, damit die Ärzte pünktlich eine andere Operation beginnen konnten.»

Nach sieben Jahren hat die Hebamme die Frau wieder gesehen. «Sie sagte mir, diese Geburt sei für sie wie eine Vergewaltigung gewesen. Aus diesem Grund habe sie kein zweites Kind gewollt.»

Kurz nach dem Vorfall im Spital erlebte Beatrix Angehrn im damals neu eröffneten Geburtshaus Zürcher Oberland eine hebammengeleitete Geburt mit – und hatte ein Wow-Erlebnis. «Ich habe im Spital sofort gekündigt und dort angefangen.»

Beatrix Angehrn horcht mit einem Pinard-Rohr nach Herztönen.

Beatrix Angehrn horcht mit einem Pinard-Rohr nach Herztönen.

Heute ist Beatrix Angehrn die Geschäftsleiterin des Geburtshauses in Bäretswil und stolz auf die Institution. «Wir sind im ganzen Haus in allen Bereichen ein Frauenteam und mit gut 45 Mitarbeiterinnen eines der grössten KMU in der Region.» Im vergangenen Jahr feierte das Geburtshaus das 25-Jahr-Jubiläum und mit 310 Geburten einen Rekord.

Zwei Geburtszimmer und neun Familienzimmer

Das Gebäude, in dem die Hebammen wirken, war früher ein Hotel. Die einladende Atmosphäre ist geblieben. Zwei Geburtszimmer warten im Erdgeschoss auf Frauen in den Wehen. Eine brennende Kerze im Flur weist darauf hin, wenn gerade der Storch im Anflug ist.

In den Zimmern steht je eine grosse Badewanne, einem Whirlpool ähnlich. Eine Sprossenwand, ein Hocker mit Matte und von der Decke hängende Tücher lassen der Frau zusätzlich die Wahl, wie sie gebären will. Auch ein grosses Bett steht da. Angehrn sagt aber: «Kaum eine Frau entscheidet sich, in Rückenlage auf dem Bett zu gebären.» Instinktiv bewegen sie sich viel und finden für jede Wehe eine Position, die ihrem Körper und dem Baby entgegenkommt.

Der Geburtspool in Bäretswil.

Der Geburtspool in Bäretswil.

Im Geburtszimmer gibt es eine Musikanlage, Kerzen, ätherische Öle für Massagen und warme Farben – Holz, Orange und Violett dominieren. Diskret verstaut steht eine Sauerstoffflasche bereit, in einem Schrank lagern Medikamente für den Notfall. Über eine Rampe könnte zudem die Ambulanz direkt vor das Zimmer fahren und wäre in sechs Minuten im Spital Wetzikon.

«Im Geburtshaus gebären die meisten Frauen aus eigener Kraft. Manchmal gibt es aber Grenzen», sagt Angehrn. Es kann sein, dass sich eine Frau mit langem Geburtsverlauf entscheidet, doch ins Spital zu fahren, um eine Betäubung in Anspruch zu nehmen oder ihr Kind per Kaiserschnitt zur Welt zu bringen.

Auch Väter können die ersten fünf Tage im Geburtshaus bleiben

In den ersten 25 Jahren des Geburtshauses wurden 552 Frauen ins Spital verlegt, was 12,42 Prozent entspricht. Bei 0,63 Prozent der Geburten mussten die Hebammen einen Dammschnitt machen, in 1,82 Prozent der Fälle wurde das Neugeborene zur Überwachung in ein Kinderspital verlegt. Bei den über 4500 Entbindungen im Geburtshaus ist nie eine Mutter oder ein Baby verstorben.

Ist die Geburt geschafft, kann das Neugeborene in aller Ruhe ankommen. Die Familie hat Zeit, eine emotionale Bindung aufzubauen. Angehrn sagt:

«Wir durchtrennen auch die Nabelschnur nicht sofort, wir wissen um die wichtige Versorgung.»

Wenn alle so weit sind, trägt die Mutter oder der Vater das Baby in eines der neun Familienzimmer. Fünf Tage verbringen die Frauen dort im Normalfall – die Männer sind ausdrücklich auch willkommen. Während dieser Zeit stehen die Hebammen rund um die Uhr mit Rat und Tat zur Seite. Stillberatungen, Wochenbettskontrollen und erste Rückbildungsübungen können im Haus gemacht werden.

Eines der Familienzimmer.

Eines der Familienzimmer.

Die meisten Frauen, die im Geburtshaus Zürcher Oberland gebären, machen zumindest einen Teil der Schwangerschaftskontrollen bei den Hebammen in Bäretswil. Falls nötig, ist ein Ultraschallgerät für eine Lagekontrolle im Haus. Die häufigen Ultraschalluntersuchungen sieht Angehrn aber kritisch. Der Nutzen sei nicht erwiesen und es gebe Befürchtungen, dass die Strahlung eine schädliche Wirkung auf das Ungeborene haben könnte. In Deutschland werden Wunsch-Ultraschalle deshalb ab 2021 gesetzlich verboten. Angehrn sagt: «Viele Tests mit solchen Maschinen zu verrechnen, ist natürlich lukrativ.»

Obligatorische Versicherung zahlt auch für Geburtshaus

Die Geschäftsleiterin des Geburtshauses kritisiert, dass es bei der Entbindung oft nur ums Geschäft gehe, nicht um die Qualität. In den Kliniken werde weder die nötige 1:1-Betreuung durch Hebammen sichergestellt, noch der werdenden Mutter die nötige Zeit gewährt. Angehrn spricht von «viel zu vielen unnötigen Kaiserschnitten und Interventionen zur Beschleunigung», die in Kliniken durchgeführt werden.

Dabei habe eine natürliche Geburt viele Vorteile: Ein nur dann ausgeschüttetes Hormon präge die Mutter-Kind-Bindung, das Sterberisiko sei geringer, das Immunsystem des Babys besser und eine zweite Schwangerschaft wahrscheinlicher. Der Eingriff in den Geburtsablauf könne zudem nachhaltige Auswirkungen auf das körperliche und seelische Befinden der Frau haben. Mit einer natürlichen und sanften Geburt werde viel Präventionsarbeit geleistet und Geld gespart. Dies seien die Hauptgründe für Eltern, um ins Geburtshaus zu kommen.

Utensilien der Hebammen für eine Schwangerschaftskontrolle.

Utensilien der Hebammen für eine Schwangerschaftskontrolle.

Im nationalen Krankenversicherungsgesetz sind Geburtshäuser den Kliniken gleichgestellt; Schwangerschaftsvorsorge, Geburt und Wochenbett sind von der Grundversicherung gedeckt. Auch wenn eine Verlegung ins Spital nötig wird, betont Angehrn. Das Einzugsgebiet des Geburtshauses Zürcher Oberland ist gross, viele Frauen kommen aus anderen Kantonen. «Die Zusammenarbeit mit dem Thurgau und St.Gallen funktioniert sehr gut. Die Rechnungen werden gerne bezahlt, weil sie am günstigsten sind.»

Im eigenen Kanton stand das Geburtshaus jedoch immer wieder unter Druck. Angehrn verweist darauf, dass Kantone Aktien an ihren Spitälern haben und daher wollen, dass möglichst viele Frauen dort gebären.

«Man versucht, uns Hebammen Kompetenzen wegzunehmen. Aber wir sind Fachexpertinnen mit einem Bachelorabschluss.»

Im Gesetz steht ausdrücklich, dass Geburtshäuser hebammengeleitet sind und die Mitarbeiterinnen selber entscheiden, wann weitere Fachpersonen beigezogen werden. Eine ärztliche Aufsicht wäre daher nicht zulässig.

Im heimeligen Haus in Bäretswil geht der Alltag weiter. Planbar ist dieser nicht. Mal ist viel los, mal weniger. Während sich eine junge Familie auf den Heimweg macht, meldet eine andere ihre baldige Ankunft an. In den freien Räumen finden Schwangerschaftskontrollen statt, in einem Familienzimmer lernt ein Vater wickeln und in einer Ecke steht ein gepackter Koffer – falls eine Hebamme zu einer ungeplanten Hausgeburt ausrücken muss.

Nachgefragt bei einer frischgebackenen Mutter aus dem Thurgau: «Im Spital hat dafür niemand Zeit»

Vor wenigen Tagen hat Jessica aus Eschenz im Geburtshaus Zürcher Oberland ihr zweites Kind zur Welt gebracht. Für sie, die selber in einem Spital arbeitet, kam ein anderer Ort für die Geburt nicht in Frage.

Jessica mit ihrem zweiten Kind.

Jessica mit ihrem zweiten Kind.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie in einem Geburtshaus gebärt haben?

Bevor ich das erste Mal schwanger wurde, habe ich nie über die Geburt nachgedacht. Dann war für mich ausschlaggebend, dass ich nach der Geburt stillen wollte, weshalb ich mir ein Stillbuch gekauft habe. Darin wurde ich auf Geburtshäuser aufmerksam. Ich wusste nicht einmal, dass es so etwas gibt. Nach einigen Erkundigungen war klar, dass das Geburtshaus in Bäretswil für mich das nächste ist, in dem man auch das Wochenbett verbringen kann.

Was hat Sie am Geburtshaus Zürcher Oberland überzeugt?

Ich wollte die entspannte und persönliche Atmosphäre hier. Im Geburtshaus können die Hebammen voll auf mich eingehen. Ich arbeite ja selber im Spital und weiss, wie der Alltag dort aussieht.

Vom Untersee nach Bäretswil ist es ein ziemliches Stück Weg. War das ein Problem?

Es ist tatsächlich eine gute Stunde Autofahrt. Aber das geht schon. Bei der ersten Geburt war es heftiger, ich weiss fast nichts mehr von jener Fahrt. Dieses Mal ging es besser, ich konnte mich noch gut unterhalten. Aber natürlich wäre es toll, wenn ein Geburtshaus in der Nähe wäre. Von mir aus könnte es noch viel mehr in der Schweiz geben. Weil man macht sich schon Gedanken, ob die Zeit für die Anfahrt noch reicht und die Witterung spielt ja auch eine Rolle.

Wie sind Ihre Erfahrungen im Geburtshaus Zürcher Oberland?

Wir wurden herzlich empfangen und bei der Geburt unterstützt, wenn ich es gebraucht habe. Ich hatte aber auch viel Ruhe und Zeit mit meinem Partner. Die Hebammen hier haben ein Gespür dafür. Ich weiss nicht, wie das im Spital wäre.

Und wie war es im Wochenbett?

Das kann ich sowieso nur in den höchsten Tönen loben. Alle haben sich immer Gedanken gemacht und geholfen und Tipps gegeben. Im Spital hat dafür niemand Zeit, dort ist es im Leben nie so wie hier. Alleine schon die ausgewogene Ernährung hier ist super. Gerade für Frauen ist das ja wichtig.

Was entgegnen Sie Kritikern?

Diejenigen, die sagen, dass es ein Geburtshaus nicht braucht, haben vermutlich noch nie ein Kind zur Welt gebracht. Niemand hat mir zu sagen, wo ich gebären soll. Das will ich für mich entscheiden können.

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