So tönt Papier: Die Herdermer Klangkünstlerin Rahel Kraft macht es im Eisenwerk in Frauenfeld vor

Die Klangkünstlerin Rahel Kraft hat am Samstagabend ihr neues Buch mit einer Performance im Eisenwerk in Frauenfeld zum Klingen gebracht.

Dieter Langhart
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In der Shedhalle: Urban Lienert und Rahel Kraft in Aktion.

In der Shedhalle: Urban Lienert und Rahel Kraft in Aktion.

(Bild: Dieter Langhart)

Einfach ist das nicht: Papier zum Tönen zu bringen. Rascheln, blättern, zerknüllen kann jeder  – aber Rahel Kraft kann noch mehr. Die Musikerin und Klangkünstlerin aus Herdern hat es mit einer besonderen Performance belegt, am Samstag in der Shedhalle im Eisenwerk: Ihr Künstlerbuch «Paradoxical Creatures» hatte Vernissage, herausgegeben hat es die Thurgauer Kulturstiftung als Band 19 ihrer Reihe «Facetten». Das Buch – ein Totschläger mit über einem Kilo Lebendgewicht und fast 500 Seiten stark – diente Rahel Kraft als Script, als Partitur für ihre Performance vor drei, vier Dutzend Zuschauern und Zuhörern. Sie war zugleich leichte und schwere Kost, unterlief Erwartungen im Publikum, überraschte das Publikum mit Ungehörtem, Ungewohntem.

Rahel Kraft.

Rahel Kraft.

(Bild: PD)

Alle Ohren sind gespitzt. In der Halle ist kaum Licht, die Farben der Pullover und Mäntel tauchen im Dunkel unter. Rahel Kraft und ihr Partner Urban Lienert tragen weisses Hemd, schwarze Hose, ergreifen je ein Buch: schwarze Schrift auf weissem Papier. Dann trennen ihre Finger Doppelseite um Doppelseite sachte auf, denn die Kanten des Buchs sind bewusst nicht geschnitten – ein Buchbinderbrauch, der beinahe ausgestorben ist.

«Ritsch» macht es und «ratsch» macht es: So tönt Papier, das von seiner Perforation befreit wird.

Und wenn man mit dem Daumen über die rauen Kanten streicht, sind das neue Töne. Jetzt halten die beiden ihr Buch über den Kopf, dass die Seiten sich öffnen, und hier oder da fällt ein dünnes Blatt Seidenpapier heraus, zögert in der Luft, schwebt zu Boden – fast lautlos, aber nicht ganz lautlos.

Es raunt, es zischt, es flattert

Insgesamt vier Papiersorten hat Rahel Kraft mit den Gestaltern des St.Galler Verlags Jungle Books für ihr Buch ausgewählt, und jede tönt anders oder lässt sich anders in Szene setzen. Lässt sich zum Beispiel zerknüllen, was wiederum auch optisch wirkt. Kraft und Lienert greifen sich weiteres Papier und lassen es raunen, zischen, flattern. Papier ist ein leichtes, leises Medium, doch auch das dünnste Blatt unterliegt der Schwerkraft: Der alte, zerfurchte Holzboden in der Raummitte empfängt Blatt um Blatt, Seidenpapierbogen um Seidenpapierbogen.

Auch das Wort hat seinen Raum. Rahel Kraft liest einige der Sätze aus dem Buch, legt sie wie einen Schleier über das Material:

«Klang wird zur Luft...»
Rahel Kraft spielt bei der Überreichung Thurgauer Kulturförderpreise 2016 im Eisenwerk in Frauenfeld.

Rahel Kraft spielt bei der Überreichung Thurgauer Kulturförderpreise 2016 im Eisenwerk in Frauenfeld. 

(Bild: Andrea Stalder, 31.Mai 2016)

Auch die Elektronik erhält ihren Raum, verstärkt oder verzerrt die Geräusche des Papiers oder kommt mit ihrem eigenen Klang ins Spiel. Auch wenn die Elektronik die Performance um mehr als eine Klangebene erweitert, durchaus auch spielerisch bis ironisch – sie will nicht recht passen zum Haptischen, Althergebrachten des Papiers. Sie drängt sich vor, heischt Aufmerksamkeit einer anderen Art, aber sie ist nie sichtbar und lässt sich von der Hand nicht greifen. Weitere Ebenen bilden gesprochene Passagen aus dem Off und Projektionswände.

Gioia Dal Molin.

Gioia Dal Molin.

(Bild: PD)

Rahel Krafts Buchprojekt hat noch Gioia Dal Molin betreut, bis Dezember 2019 Beauftragte der Kulturstiftung. Ihr Nachfolger Stefan Wagner führt nach der Performance ein kurzes Gespräch mit der Künstlerin. Er fragt: «Was mache ich mit einem Buch?» Rahel Kraft habe erst an eine Tonaufnahme auf Vinyl gedacht, sich dann für ein Buch entschieden. Es solle die Frage beantworten: «Was machst du eigentlich? Und wie machst du es?» Als Klangkünstlerin interessiere sie sich für jede Art von Klang und die Fragilität von Klängen, und sie untersuche den Raum zwischen den Sinnen: «Wer etwas sieht, hat sofort einen inneren Klang.»

Rahel Kraft: Paradoxical Creatures, Jungle Books, 482 Seiten, 32 Franken.

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