Zum Gedenken an TZ-Redaktorin Inge Staub: Sie hatte die Fähigkeit, einen Missstand zu erkennen und den Biss, ihn aufzudecken

Nachruf auf Inge Staub, eine herausragende Journalistin und liebenswerte Kollegin. Sie arbeitete zwischen 2009 und 2017 für die «Thurgauer Zeitung» und das «St.Galler Tagblatt».

David Angst
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Inge Staub.

Inge Staub.

Bild: Nana Do Carmo (30.Dezember 2009)

Am 15. September ist im Alter von 62 Jahren die Journalistin Inge Staub verstorben. Von 2009 bis 2017 arbeitete sie – mit einem kurzen Abstecher zum St.Galler Tagblatt – hauptsächlich für die Thurgauer Zeitung. Dabei leistete sie bemerkenswerte Arbeit. Bei ihrem zweiten Engagement von 2012 bis 2017 hat sie – notabene mit einem 70-Prozent-Pensum – rund 500 Artikel verfasst.

Sowohl bei unserer Leserschaft sowie bei Politikern und Informanten war sie bekannt für ihre sorgfältig recherchierten Nachrichtentexte. In Erinnerung bleiben beispielsweise ihre Recherchen über den angeblichen (oder echten) «Grafen von Luxburg» oder über den Feuerwehrkommandanten von Erlen, der mit gefälschten Mails seinen Arbeitskollegen in Misskredit bringen wollte.

Ein Meisterstück journalistischen Schaffens gelang Inge Staub mit ihrer Recherche über die Medikamentenversuche, die der Klinikdirektor Roland Kuhn in den 70er-Jahren in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen durchgeführt hatte. Sie verbrachte dafür mehrere Tage im Staatsarchiv. Ihre Artikelserie löste politische Aktivitäten aus, welche den Regierungsrat schliesslich dazu bewogen, die Geschichte historisch aufarbeiten zu lassen. Angestachelt wurde Inge Staub zu dieser Recherche, weil führende Politiker zunächst sagten, sie sähen keinen Handlungsbedarf.

Inge Staub tat nicht nur in diesem Fall das, was gute, hartnäckige, unbequeme Journalistinnen und Journalisten tun müssen.

Sie stellte Öffentlichkeit her, auch wenn dies nicht allen gefiel.

Auch verschaffte sie oft jenen Menschen ein Gehör, die nicht schon im Rampenlicht der Öffentlichkeit standen.

Schon drei Jahre vor dem Fall Hefenhofen schrieb sie über den Pferdezüchter

Leider zwang die Krebserkrankung sie zu weiteren Therapien, bis sie schliesslich im August 2017 die Arbeit aufgeben musste. Bezeichnenderweise genau in jenem Monat, in dem der Kanton Thurgau einen anderen Skandal durchmachte, nämlich die Tierhalteraffäre von Hefenhofen.

Bereits drei Jahre bevor die Schweiz auf den Thurgau blickte, schrieb Inge Staub einen Artikel über den besagten Tierhalter. Der Titel lautete: «Wie lange schaut der Kanton noch zu?» Wer weiss, vielleicht wäre dem Thurgauer Steuerzahler eine weitere kostspielige Untersuchung erspart geblieben, wenn sie die Kraft gehabt hätte, diese Affäre hartnäckig weiter zu verfolgen.

Inge Staub hatte die Fähigkeit, einen Missstand zu erkennen und den Biss, ihn aufzudecken. Im Jahr 2009 kam sie als Blattmacherin zur «Thurgauer Zeitung», wurde dann beim Zusammenschluss mit dem «St.Galler Tagblatt» stellvertretende Leiterin des Ressorts Ostschweiz. Bald darauf musste sie aus gesundheitlichen Gründen ein erstes Mal die Arbeit niederlegen, bevor sie dann 2012 als Reporterin wieder zur «Thurgauer Zeitung» stiess. Damals hatte sie bereits eine 25-jährige, beeindruckende Karriere mit vielen Stationen hinter sich. Ihre grosse Neugier und ihr breites Allgemeinwissen kamen Inge Staub bei der täglichen Arbeit zu Gute, so gab es wohl nur wenige Themen, über die sie noch nie einige Zeilen verfasst hatte.

Studium der Ethnologie, Philosophie und Vergleichenden Religionswissenschaften

Inge Staub wurde am 2. März 1958 in Münsingen auf der Schwäbischen Alb geboren, wo sie auch ihre Kindheit verbrachte. Nach dem Abitur studierte sie in Tübingen Ethnologie, Philosophie und Vergleichende Religionswissenschaften. Bereits während des Studiums schrieb sie für die Südwest Presse in Ulm. In die Schweiz kam sie erstmals 1989 als Redaktorin der Schweizerischen Bodensee-Zeitung in Arbon. Ihre weiteren Stationen waren der Schwarzwälder Bote, die Südwest Presse, die Luzerner Zeitung und die Wiler Nachrichten, wo sie Chefredaktorin war.

Die Redaktorinnen und Redaktoren der «Thurgauer Zeitung» werden Inge Staub nicht nur als herausragende Journalistin in Erinnerung behalten, sondern auch als liebe Kollegin, die immer für jeden da war, der Rat oder Hilfe suchte. Und ihre grosse Zuversicht und ihren Humor, die sie sich durch keinen Rückschlag ihrer Krankheit nehmen liess, hat uns alle tief beeindruckt.