Sertanejos erhalten Hilfe aus Eschlikon

Dreissig Jahre lebten Ursula und Beat Roggensinger im Nordosten Brasiliens. In der Krise sammelt das Ehepaar für seine alte Heimat.

Christoph Heer
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Ursula und Beat Roggensinger sind zurück in Eschlikon.

Ursula und Beat Roggensinger sind zurück in Eschlikon.

(Bild:Christoph Heer)

Sie könnten stundenlang erzählen, was sie alles erlebt haben. Viel Trauriges, aber auch viel Schönes, ist den beiden Eschlikern hängen geblieben. Das erstaunt nicht, haben Ursula und Beat Roggensinger doch rund drei Jahrzehnte im Nordosten Brasiliens verbracht.

«Wir lebten und arbeiteten bei den Sertanejos, die eine ganz eigene Kultur zu pflegen wissen und deren Region zu der ärmsten der ganzen Welt zählt. Wir haben Kirchgemeinden gegründet, Bauten erstellt und die Bildung gefördert und lokal verbessert», sagt Beat Roggensinger. Der gelernte Maschinenschlosser und Theologe verbrachte sein halbes Leben in Brasilien und bereut es nicht.

«Schlimmste Armut, krasse Dürreperioden und keine Bildung, also der totale Gegensatz zu unserem Wohlstand, haben wir angetroffen.»

Das sei nicht immer einfach zu akzeptieren gewesen. «Doch für mich war und ist es Berufung, anderen Menschen zu helfen. Es lohnt sich nämlich, in Mitmenschen zu investieren, dadurch erfährt man eine tiefe, innere Befriedigung und ein wahres Glücksgefühl.»

Ursula und Beat Roggensinger haben sich in all den Jahren verändert. Vor allem die Beziehung zum Materiellen ist heute anders. «Du bist nicht glücklicher, je mehr du besitzt. Wahres Glück widerspiegelt sich in Dingen wie Helfen, Unterstützung bieten, oder der Wertschätzung», sagt die gelernte Lehrerin Ursula Roggensinger.

Ursula Roggensinger (rechts) unterrichtete in Brasilien unter anderem an staatlichen Schulen Methodik.

Ursula Roggensinger (rechts) unterrichtete in Brasilien unter anderem an staatlichen Schulen Methodik.

(Bild: PD)

Wegen Corona fehlt die Nahrung

Seit knapp zwei Jahren ist das Ehepaar, das drei Söhne grossgezogen hat, wieder zurück in Eschlikon. «Doch unser Herz schlägt immer noch für die Ärmsten und Schwächsten in Brasilien.» Infolge der aktuellen Ausgangssperre wegen der Coronapandemie würden nämlich die Menschen dort in noch grössere Not geraten. «Keine Nahrung für die Bewohner in unserer ehemaligen Heimat, das tut weh», sagt Beat Roggensinger.

Auch vom Hinterthurgau aus versucht er weiterhin zu helfen: «Wir wollen so viele Familien wie möglich mit Grundnahrungsmitteln versorgen. Ein Warenkorb für 20 Franken hilft einer vierköpfigen Familie eine ganze Woche zu überstehen und dem ganzen Elend wenigstens für eine kurze Zeit auszuweichen.»

Die Hoffnung Roggensingers ist gross, dass genau in dieser Zeit diejenigen etwas spenden werden, denen es an nichts fehlt. «Solidarität, Nächstenliebe und Empathie. Helfen macht wirklich glücklich», betonen die beiden.

Die Roggensingers gründeten eine Organisation mit Namen «Pro Sertão». Durch diese Organisation sollen Brasilianer das «Zepter» selber in die Hand nehmen und ihrer benachteiligten Bevölkerung helfen. Diese macht jetzt auch die Geldsammlungen in Brasilien. «Uns war immer klar, dass wenn wir einen Leiternachfolger gefunden haben, wir uns dann zurückziehen. Schliesslich soll die Organisation nicht von der Schweiz aus, oder durch einen Schweizer gelenkt sein.»

Weitere Informationen unter: www.sam-global.org/prosertao

Im Dienste der Ärmsten

Die Eschliker Beat und Ursula Roggensinger leben seit 26 Jahren in Brasilien. Im armen Nordosten unterrichten sie, beteiligen sich am Bau von Brunnen und bilden Pastoren aus. Ihre Zukunft planen sie dennoch in der Schweiz.
Adrian Grzonka

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