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Interview

«Seriöse Politik ist langweilig – aber gut»

Thurgauer Parteien vor der Wahl (7/9): Den Vorteil der BDP sieht Präsident Jürg Schumacher darin, dass sie sachlich an Themen herangeht. Er ist stolz darauf, dass der Atomausstieg der Schweiz auf eine Sitzung der BDP Thurgau zurückgeht.
Larissa Flammer
Jürg Schumacher im Garten seines Zuhauses in Märstetten. (Bild: Andrea Stalder)

Jürg Schumacher im Garten seines Zuhauses in Märstetten. (Bild: Andrea Stalder)

Die BDP hat im Thurgauer Grossen Rat nur noch zwei Sitze, der dritte ging durch einen Parteiwechsel verloren. Muss man befürchten, dass sie bald nicht mehr vertreten ist?

Jürg Schumacher: Ich hoffe natürlich nicht. Im Thurgau hatten wir von Anfang an einen schwierigen Stand, niemand von uns war zuvor bereits in einer anderen Partei. Im Scherz habe ich immer gesagt, wir seien die Partei der Parteilosen. Lange Zeit war die BDP aber die Partei, die das Wählerverhalten mit ihren Parolen am besten vorausgesehen hat. Wenn man parteilos ist, hat das ja meist den Grund, dass man von Fall zu Fall und in der Sache entscheiden will.

Was ist das Ziel der BDP für die nächsten Grossratswahlen im März 2020?

Das ist noch etwas weit entfernt. Aber grundsätzlich ist klar, wir hätten gerne wieder Fraktionsstärke. Das ist wahrscheinlich ein frommer Wunsch. Aber bei den Grossratswahlen sind unsere Chancen sicher realistischer als bei den Nationalratswahlen.

Sie selber sind gerade nach zwölf Jahren als Gemeindepräsident von Märstetten zurückgetreten und nun im Vorruhestand. Haben Sie genug von der Politik?

Nein, das nicht. Aber ich geniesse jetzt meine neu gewonnene Freiheit und auch die Möglichkeit, meine zwei Töchter häufiger zu sehen und auch die Enkel.

Das Parteipräsidium ist noch Ihr einziges Amt. Behalten Sie dieses?

Sicher bis nach den Grossratswahlen. Nächsten Frühsommer haben auch wir Legislaturwahlen und dann werde ich entscheiden, ob ich noch Lust habe.

Sie stehen auf der Nationalratsliste. Haben Sie dort Ambitionen?

Für den Nationalrat hatte ich immer mehr Ambitionen als für den Grossen Rat. Denn während meiner Amtszeit als Gemeindeammann gab es viele neue Gesetzesvorlagen vom Bund, welche in den Kantonen umgesetzt werden mussten. Im Nachhinein zu jammern nützt ja nichts, man hätte in Bern etwas verändern müssen.

Zusammen mit der Jungpartei hat die BDP drei Listen. Reicht es für einen Sitz?

Vor acht Jahren hätten wir um ein Haar einen Nationalratssitz gemacht, wenn die junge Liste der Grünliberalen das Resultat beim Auszählen nicht noch im letzten Augenblick gekippt hätte. Diesen Fehler wollte ich nicht noch einmal machen, weshalb wir nun auch eine junge Liste haben. Neu ist auch unsere Liste «Best Agers». Im Thurgau sind ja über 50 Prozent der Stimmberechtigten über 50 Jahre alt. Bei dieser Altersgruppe ist also das grösste Potenzial vorhanden. Die Zukunft ist zwar sicher bei den Jungen. Aber es ist schwierig, sie überhaupt für Politik zu begeistern.

Die BDP geht eine Listenverbindung mit CVP und EVP ein. Lautet das vordergründige Ziel, den Sitz von Christian Lohr zu halten?

Bei uns lautete das Motto schon fast: Was ist das kleinere Übel? Grundsätzlich wollen wir ganz klar – wenn es schon keinen eigenen Sitz geben sollte – die Parteien stärken, die am ehesten Sachpolitik in unserem Sinn machen.

Ihre Partei hat sehr wenige Frauen auf den Listen.

Ich glaube, das ist nicht nur bei der BDP das Problem: Man muss ja nicht einfach nur Frauen finden, sondern Frauen, die auch wollen. Meine Grossmutter war im Vorstand des Schweizerischen Frauenstimmrechtsverbands. Ab und zu habe ich heute bei Genderthemen das Gefühl, sie würde sich im Grab umdrehen. Weil häufig geht es nicht mehr um die Sache, sondern es ist eine Modeerscheinung geworden. Das Frauenthema ist bei uns sicher wichtig, aber man kann es nicht erzwingen.

Die Thurgauer Kleinparteien versuchen gemeinsam, das Grossratspräsidium zu erhalten. Wie würde diese Solidarität aussehen, falls ein Sitz im Regierungsrat frei wird?

Wieso einfach nur die grössten Parteien im Regierungsrat sein sollen, kann eigentlich niemand erklären. Wenn die Kleinparteien gemeinsam einen Kandidaten aufstellen, der valabel ist, glaube ich, dass auch die BDP mitmachen würde.

Sind da bereits Gespräche geführt worden?

Nein.

Die BDP Schweiz lancierte im Frühling die Kampagne «Langweilig, aber gut», die sehr gut ankommt.

Ich bin sogar selber nicht ganz unschuldig, dass dieser Slogan tatsächlich zum Tragen kam. Als die Partei ihn zum ersten Mal präsentiert hat, gab es viele – vor allem ältere Semester – die das Gefühl hatten, wir seien doch nicht langweilig. Ich habe dann darauf aufmerksam gemacht, dass Ermatingen mal mit dem langweiligsten Feriendorf der Schweiz geworben hat. Unser Ziel müsste sein, nicht von anderen Parteien Leute abzuwerben, sondern die bisher Parteilosen zu überzeugen, bei uns mitzumachen. Seriöse Politik ist eben langweilig – aber gut.

Wie steht die BDP zum Thema der Stunde, dem Klimaschutz?

Leider ist die BDP da etwas ambivalent. Die älteren Herren, die früher schon bei der SVP im Stände- und Nationalrat waren, haben teilweise Mühe mit diesem Thema. Für mich persönlich ist das Thema Umwelt das wichtigste. Es nützt ja nichts, wenn es einem geschäftlich gut geht, aber man allen Nachkommen eine Ruine hinterlässt. Ich bin immer noch stolz darauf, dass der Auslöser für den Atomausstieg der Schweiz eine Sitzung des Vorstandes der BDP Thurgau in Weinfelden war.

Wie das?

Kurz nach Fukushima haben wir an unserer Sitzung eher zufällig herausgefunden, dass kein einziges Vorstandsmitglied je für Atomenergie war. Regula Marty, die damals noch im Thurgau gewohnt hat, brachte das Thema dann an der nationalen Fraktionssitzung ein. Ich dachte, ich höre nicht recht, als zwei Tage später die Mitteilung kam, die Bundesversammlung habe auf Antrag der BDP den Atomausstieg beschlossen.

Ein grosser Wurf für die BDP.

Das war natürlich ein bisschen fies. Die Grünen waren schon lange für den Atomausstieg, aber es kommt halt immer eine Abwehrreaktion gegen alles, was von links und den Grünen kommt. Das ist genau der Vorteil einer Mittepartei, die eher sachlich an das Thema herangeht und dafür sorgt, dass auch eine Mehrheit gefunden wird.

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