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Gletscher, See, Fluss – die Thur bei der Allmend Frauenfeld hat sich über die Jahre gewandelt

Nach den Hochwasserereignissen vor rund einem Monat ist die Thur wieder in den Fokus gerückt. Der 130 Kilometer lange Fluss quer durch den Kanton ist durch Menschenhand geradegerückt und sicher vor Hochwasser gemacht worden. Doch ein Überschwemmungsort muss bleiben, denn er ist wichtig: beim alten Auenwald der Allmend.

Janine Bollhalder
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Die Brücke führt von Frauenfeld nach Warth-Weiningen. Darunter die Thur, in die von links die Murg fliesst.

Die Brücke führt von Frauenfeld nach Warth-Weiningen. Darunter die Thur, in die von links die Murg fliesst.

Bild: PD

Es ist eine einmalige Gewässerkonstellation, die man in der Allmend Frauenfeld vorfindet: das Zusammenspiel von Thur, Murg, Binnenkanal und Grundwasser. Diese Konstellation ermöglicht den Resten eines alten Auenwalds auf dem Gelände weiterhin zu bestehen und dass ein Teil des Gebiets regelmässig überflutet wird. Das schafft vielfältige Nassstandorte und Feuchtbiotope. Die Situation, wie man sie heute vorfindet, ist durch Menschenhand geschaffen worden. Es ist das Ergebnis von baulichen Landschaftseingriffen und Hochwasserschutzmassnahmen.

Wie die Thur entstanden ist und das heutige Bild der Allmend Frauenfeld prägt, darüber schreibt der Geologe Marco Baumann in seinem Kapitel des 70. Bands der Thurgauischen Naturforschenden Gesellschaft. Ein Buch, publiziert zu Ehren des 100-jährigen Bestehens des Naturschutzgebiets Allmend Frauenfeld.

Die Thur als letzte Zeugin des Thurtalsees

Wo heute Häuser stehen, Familien wohnen und Landwirtschaft betrieben wird, war einst ein Gletscher – der Thurtalgletscher. Er erstreckte sich bis nach Andelfingen. Zum Ende der Eiszeit, also vor etwa 18'000 Jahren, schmolz der Gletscher und bildete den Thurtalsee. Dieser erstreckte sich von Weinfelden bis ins zürcherischen Dätwil. Es war ein seichter See mit seinen 50 Metern Tiefe. Zum Vergleich: Die tiefste Stelle des Bodensees liegt bei 251 Metern.

Die Allmend als See beim Hochwasser im Juni 2013.

Die Allmend als See beim Hochwasser im Juni 2013.

Bild: PD

Der Thurtalsee hatte rund 12'500 Jahre Bestand, bevor er der Erosion zum Opfer fiel. Die Thur ist die letzte Zeitzeugin jenes Zustandes. Sie schlängelte sich durch die Landschaft bis nach Gütighausen, wo der Fluss dann den Moränenwall des Gletscherstandes von Dätwil-Gütighausen durchbrach. Die Thur hat auf ihrem Weg natürlich auch Gestein transportiert und abgelagert. Die Mächtigkeit des Thurschotters nimmt von Weinfelden gegen Westen ab und vermischt sich in Frauenfeld mit sandreichem Murgschotter.

Thur reichert Grundwasser an

Unter der Thur fliesst noch mehr Wasser – das Grundwasser. Das Vorkommen reicht von Bürglen bis nach Gütighausen. Die Thur spielt eine wichtige Rolle für die regelmässige Erneuerung des Grundwassers: Das Wasser versickert als Thurinfiltrat ins unterirdische Grundwasser. Das Grundwasservorkommen ist im Raum Weinfelden gegen 20 Meter mächtig und wird gegen Westen kontinuierlich kleiner. Parallel dazu kommt der Grundwasserspiegel näher an die Oberfläche, bis zu weniger als fünf Metern in Frauenfeld. Das geschieht, weil sich der Durchflussquerschnitt des Grundwassers talabwärts, also gegen Westen, verengt. Ungefähr 1,5 Meter schwankt der Grundwasserspiegel bei der Abwasserreinigungsanlage (ARA) Frauenfeld, das in einem Durchschnittsjahr. Bei einem Hochwasserereignis kann sogar eine Differenz zwischen Minimum und Spitze von bis zu 2,5 Metern resultieren.

Die Thur bei Hochwasser in Weinfelden.

Die Thur bei Hochwasser in Weinfelden.

Bild: Mario Testa

Die Thur durchströmt auf ihrer 130 Kilometer langen Strecke keinen See, der den Wasserstand ausgleichen könnte. Daher steigt das Wasser bei starken Niederschlägen sehr schnell an, eine Überschwemmung droht. Um Überschwemmungen grösseren Ausmasses zu verhindern, wurden Dämme sowie unterhalb von Eschikofen seitliche Binnenkanäle errichtet. Sie liegen hinter dem Hochwasserdamm und dienen dazu, die Thurtalebene zu entwässern. Der Binnenkanal nimmt das Wasser aller Bäche auf, die von Süden her kommen. Südlich der Allmend münden der Haupt-Binnenkanal sowie die Murg in der Thur. Beide Gewässer durchbrechen an jener Stelle die Dämme und können zusammen bei Hochwasser der Thur für eine Überschwemmung des Auenwaldes sorgen. Es bildet sich ein See in der Frauenfelder Allmend. Nach sechs bis zwölf Stunden geht das Wasser wieder zurück.

Sommerserie – Teil 3

Die Lokalredaktion Frauenfeld widmet sich in einer achtteiligen Serie dem 100-jährigen Bestehen des Naturschutzgebiets Allmend in Frauenfeld. Die nächsten Teile drehen sich um Biodiversität, Säugetiere auf der Allmend, das Pächterehepaar, Vereine und Veranstaltungen sowie die Arbeit der Aufsichtsverantwortlichen. (sko/jab)

Diese Überflutung ist wichtig, um die natürlichen Prozesse im Auenwald zu ermöglichen – wie sie vor der Thurkorrektion stattfinden konnten, jedoch ohne die dynamische Zerstörung durch die Kraft der Wassermassen. Die Thurkorrektion erfolgte zwischen 1867 und 1893 und zwang die einst wendige Thur in ihr heutiges, gerades Bett. Um natürliche Prozesse der Landschaftsveränderung wie jene im Frauenfelder Auenwald zu ermöglichen, ist eine Umgestaltung der Thur vorgesehen. Das unter dem Konzept mit dem Namen «Thur+». Das Vorhaben soll während 30 Jahren umgesetzt werden und 340 Millionen Franken kosten.

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