Seitenwechsel: Der Neunforner Gemeindepräsident macht den Schritt vom Versicherungs-CEO zum Finma-Verwaltungsrat

Ab 1. Juli wird Benjamin Gentsch als Verwaltungsrat der Finma vermehrt in Bern sein. Früher ist er für einen internationalen Rückversicherer oft nach London geflogen. Als Konstante bleibt das Gemeindepräsidium.

Mathias Frei
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Am Hauptsitz der Finma in Bern. (Bild: PD/Philipp Zinniker)

Am Hauptsitz der Finma in Bern. (Bild: PD/Philipp Zinniker)

Benjamin Gentsch ist sich an Wahlen gewöhnt, ist er doch seit 1996 in politisch Neunforn im Amt, lange als Gemeindeammann, mittlerweile als Gemeindepräsident. Aber dass ihn der Bundesrat in ein Amt wählt, das ist für Gentsch ein Novum. Der 58-Jährige übernimmt per 1. Juli das derzeit vakante Verwaltungsratsmandat bei der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht, besser bekannt als Finma.

Die Wahl Gentschs sei «aufgrund seiner langjährigen Erfahrungen sowie seiner herausragenden fachlichen Qualifikationen und profunden Kenntnisse des schweizerischen und internationalen Versicherungsgeschäftes» erfolgt, heisst es in der Medienmitteilung des Eidgenössischen Finanzdepartements.

«Zudem verfügt er sowohl über strategische als auch operationelle Führungserfahrung.»

Im Sommer 2018 kam er auf den Radar der Finma

Benjamin Gentsch. (Bild: Mathias Frei)

Benjamin Gentsch. (Bild: Mathias Frei)

«Vieles läuft über das Netzwerk», sagt Gentsch. Und dann muss die Verfügbarkeit passen. Beim studierten HSG-Betriebswirtschafter stimmt beides. Im vergangenen Jahr beschloss er, sich beruflich neu zu orientieren, sich nebst dem Gemeindepräsidium zukünftig auf Verwaltungsratsmandate konzentrieren. Im Sommer 2018 kam er auf den Radar des Finma-Wahlausschusses für den fehlenden Versicherungsspezialisten im Verwaltungsrat. «Es gab ein erstes Treffen, bei dem man sich gegenseitig kennen lernte», meint Gentsch. Schliesslich erfolgte der Wahlvorschlag zuhanden des Bundesrats. Die Wahl fand Ende Januar statt.

Öffentlich-rechtliche Anstalt beaufsichtigt Schweizer Finanzwesen

Die Finma (eigentlich: Eidgenössische Finanzmarktaufsicht) bewilligt jegliche Tätigkeiten im Schweizer Finanzmarkt (von Banken, Versicherungen oder anderen Finanzunternehmen). Eine weitere Kernaufgabe dieser öffentlich-rechtlichen Anstalt des Bundes stellt die Überwachung des Finanzmarktes dar und die Gewährleistung eines funktionsfähigen Finanzmarktes. Die Finma setzt das Aufsichtsrecht durch und legt gegenüber der Bundesversammlung Rechenschaft ab. Der Finma-Hauptsitz ist in Bern, einen weiteren Standort gibt es in Zürich. Die Finma entstand 2009 aus dem Zusammenschluss der Eidgenössischen Bankenkommission (EBK), des Bundesamtes für Privatversicherungen (BPV) und der Kontrollstelle für die Bekämpfung der Geldwäscherei (Kst GwG). Die Finma ist gebühren- respektive abgabenfinanziert. 2017 betrug der Nettoertrag 133 Millionen Franken. Personell sind es 492 Vollzeitstellen. (ma)

Gentsch ist seit über 30 Jahren im Versicherungswesen tätig. Das letzte Jahrzehnt war er CEO von Scor Schweiz, dem zweitgrössten Rückversicherer der Schweiz. Die französische Firma ist weltweit die Nummer 4 in diesem Geschäft. Gentsch’ Nachfolge bei Scor wurde schon vor einem guten Jahr aufgegleist. Seine Anstellung läuft zwar derzeit noch, aber er ist nicht mehr operativ tätig. Und um etwaige Interessenskonflikte aus dem Weg zu räumen, tritt er sein Amt eben erst am 1. Juli an. Denn als Scor-Schweiz-CEO leitete er eine von der Finma beaufsichtigte Unternehmung. In Zukunft nimmt er die andere Optik ein. Er sagt:

«Man kann es gewissermassen Seitenwechsel nennen.»

«Ich habe die Finma früher nie als Feindbild betrachtet, denn sie ist um das Funktionieren des Schweizer Finanzmarktes besorgt.» Obschon es manchmal etwas zu ausdiskutieren gab.

In England ist er eine «approved person»

Laut Gentsch ist es durchaus üblich, dass langjährig operativ tätige Spezialisten später in den Finma-VR wechseln. Wichtig ist, dass man in höchstem Masse glaubwürdig sei, sagt Gentsch, «fit and proper», wie man im Finanzwesen zu sagen pflegt. Das wird auf Herz und Nieren geprüft. Der Neunforner ist «fit and proper». Das sieht auch die englische Finanzmarktaufsicht so. In England ist Gentsch eine «approved person» und darf auf dem dortigen Finanzmarkt wirken.

«Eine Parallele zum Gemeindepräsidium, für das man auch glaubwürdig sein muss.»

Er sei früher wohl öfter nach London geflogen, als dass er zukünftig an Finma-Verwaltungsratssitzungen nach Bern reisen werde, sagt Benjamin Gentsch. Gleichwohl ist der Zeitaufwand für das komplexe und fordernde Mandat nicht ohne. Das Pensum beträgt 25 Prozent. Monatlich gibt es eine zweitägige VR-Sitzung in Bern. Daneben können weitere Sitzungen stattfinden. Und daheim wartet Lektüre für die Sitzungsvorbereitung. Die Arbeit als Gemeindepräsident wolle er aber nicht missen. «Das Präsidium ist für mich so wichtig, weil es mich erdet und mir eine lokale Verankerung gibt», sagt Gentsch und wirkt dabei glücklich. Zudem würden sich Probleme so gegenseitig relativieren.