Seerücken entzweit den Bezirk Frauenfeld

Viele Bezirksparteien tun sich schwer, Kandidierende von Untersee und Rhein aufzustellen. Aus diversen Gründen.

Samuel Koch
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Blick auf den Untersee: Nur wenige der Kandidierenden aus dem Bezirk Frauenfeld stammen aus dieser Region.

Blick auf den Untersee: Nur wenige der Kandidierenden aus dem Bezirk Frauenfeld stammen aus dieser Region.

Bild: PD

Bergsteiger brächen in Gelächter aus, den Seerücken mit seiner Höhe von 721 Metern in Salen-Reutenen als unüberwindbar zu bezeichnen. Genau der Seerücken jedoch stellt einige Parteien im Bezirk Frauenfeld vor grosse Herausforderungen.

Bei genauerer Betrachtung der Listen der elf Parteien hinsichtlich der Grossratswahlen vom kommenden Samstag, 15. März, fällt auf, dass sich der Seerücken bei vielen Bezirksparteien quasi als Graben bewahrheitet und nur ein Bruchteil der insgesamt 267 Kandidierenden in Gemeinden der Region Untersee und Rhein wohnt. Einige Parteien wiederum bekunden Mühe damit, Kandidierende ausserhalb Frauenfelds zu portieren.

Von derzeit 32 Kantonsräten aus dem Bezirk stammen lediglich fünf aus Gemeinden nördlich des Seerückens.

«Wir leben nicht hinter dem Mond»

sagt SP-Kantonsrätin Christine Steiger zum Stadt-Land-Graben. Neues Feuer entfachte die Bezirksreorganisation 2011 mit der Angliederung der ehemaligen Bezirke Steckborn und Diessenhofen zum Bezirk Frauenfeld mit rund 68'000 Einwohnern. Bei den Wahlen vor vier Jahren waren 43'000 davon stimmberechtigt.

EDU, GLP und EVP mit mässiger Landabdeckung

Die schlechteste Abdeckung mit Vertretern von Gemeinden, die an Untersee und Rhein grenzen, haben EDU, GLP und EVP. Letztere zeichnet sich immerhin durch eine gute Verteilung im Stadt-Land-Verhältnis von über 50 Prozent aus. EVP-Bezirksparteipräsidentin Elisabeth Rickenbach sagt:

Elisabeth Rickenbach, EVP-Bezirksparteipräsidentin.

Elisabeth Rickenbach, EVP-Bezirksparteipräsidentin.

(Bild: PD)
«Wir rekrutieren junge Leute aus den Randregionen.»

Sie spricht aber gleichzeitig von Knochenarbeit und von der Schwierigkeit, ohne Ortsparteien so richtig Fuss fassen zu können.

Der Grossteil der Kandidierenden von GLP und EDU wohnt gar in der Stadt Frauenfeld. Von einer reinen grünliberalen Stadtpartei möchte GLP-Bezirksparteipräsident Andreas Schelling nichts wissen, obschon er das Problem längst erkannt hat. Er sagt:

Andreas Schelling, GLP-Bezirksparteipräsident.

Andreas Schelling, GLP-Bezirksparteipräsident.

(Bild: PD)
«Wir versuchen seit längerem, unsere Aktivitäten am See zu stärken»

An Untersee und Rhein macht er den Wirtschaftsstandort Schaffhausen für den Aderlass mitverantwortlich.

Als tief darf der Stadt-Land-Graben auch bei den Grünen bezeichnet werden, die mit Vertretern von Landgemeinden verhältnismässig knapp hinter GLP und EDU folgen. «Wir haben keine Ortsparteien im Raum Steckborn und Diessenhofen», sagt Bezirksparteipräsident Michael Pöll. Er hätte gerne mehr als die drei verbleibenden Kandidierenden von Gemeinden an Untersee und Rhein aufgestellt. «Viele wollten aber nicht auf die Liste», ergänzt er. Vergeblich bemüht hat sich auch die EDU, wie Bezirksparteipräsident Christian Mader sagt.

Regierungsparteien trotzen der Entwicklung

Kaum überraschend die höchste Vertretung aus Landgemeinden bei ihren Kandidierenden kann die SVP ausweisen, als einzige Bezirkspartei mit über 70 Prozent. Bezirksparteipräsident Benjamin Spitteler ist sich sicher:

Benjamin Spitteler, SVP-Bezirksparteipräsident.

Benjamin Spitteler, SVP-Bezirksparteipräsident.

(Bild: PD)
«Für den Einzug in den Grossen Rat benötigen die Kandidierenden nicht nur Stimmen aus Frauenfeld, sondern auch vom Land.»

In dieselbe Kerbe schlägt CVP-Bezirksparteipräsident Stefan Geiges, dessen Partei zwar im Stadt-Land-Verhältnis den leicht tieferen Wert aufweist als die SVP. Mithalten kann sie jedoch bei der Anzahl Kandidierenden aus Gemeinden der ehemaligen Bezirke Steckborn und Diessenhofen.

Nebst der SVP am meisten Kandidierende aus Gemeinden an Untersee und Rhein stellt die FDP, die nebst der EVP die Liste mit dem ausgewogensten Stadt-Land-Verhältnis präsentiert. Eine Konzentration Richtung Frauenfeld stellt Bezirksparteipräsident Stefan Hanselmann nicht fest. Er sagt:

Stefan Hanselmann, FDP-Bezirksratspräsident.

Stefan Hanselmann, FDP-Bezirksratspräsident.

(Bild: PD)
«Wir decken den ganzen Bezirk ab, denn Stimmen vom Land sind ebenso wichtig.»

Die vier Regierungsparteien trumpfen im Bezirk mit den höchsten Prozentzahlen – sowohl bei den Vertretern von Landgemeinden als auch bei jenen aus Gemeinden an Untersee und Rhein.

Einzig die SP hinkt mit sechs von 25 Kandidierenden von ennet des Seerückens etwas hinterher. Für Bezirksparteipräsidentin Marianne Guhl gibt’s diese Untervertretung der Seeregion aus zwei Gründen. «Wir tun uns schwer, neue Mitglieder zu finden», sagt sie. Zudem erwähnt sie die mangelhafte Organisation von Ortsparteien und bringt es für die meisten Bezirksparteien auf den Punkt:

«Vor Ort sind leider zu wenige politisch aktiv.»

Amtierende kämpfen gegen Untervertretung

Fünf von 32 amtierenden Kantonsräten aus dem Bezirk wohnen in einer der acht Gemeinden von Untersee und Rhein. Das entspricht einer Vertretung von 15,6 Prozent. Im Gegensatz dazu kommen Berlingen, Steckborn, Mammern, Eschenz, Wagenhausen, Diessenhofen, Schlatt und Basadingen-Schlattingen prozentual auf einen Einwohneranteil im Bezirk von knapp 23,9 Prozent.

Warum Untersee und Rhein im Grossen Rat untervertreten ist, kann sich Christine Steiger (SP, Steckborn) nicht erklären. Sie sagt:

«Die Leute vom See sind genauso politisch engagiert.»
Christine Steiger, SP-Kantonsrätin aus Steckborn.

Christine Steiger, SP-Kantonsrätin aus Steckborn.

(Bild: PD)

Es gebe viele Themen, welche an Untersee und Rhein interessierten wie etwa die Windparks. «Wir leben zwar hinter dem Seerücken, aber nicht hinter dem Mond», sagt Steiger.

Ähnlich tönt es bei Maja Bodenmann (CVP, Diessenhofen). Als Gründe sieht sie etwa den Mangel an funktionierenden Ortsparteien oder das Magnet von ausserkantonalen Städten wie Stein am Rhein oder Schaffhausen. «Aber wir haben auch viele gute Kandidaten aus unserer Region», meint sie.

Obschon gerade die vier Regierungsparteien eine gute Abdeckung in sämtlichen Landgemeinden aufweisen, hat die FDP kürzlich die Idee von je einer Stadt- und einer Landliste diskutiert. Kantonsrat Andreas Wenger (FDP, Diessenhofen) sagt:

«Die Bezirkspartei hat sich aber schliesslich dagegen entschieden, weil die Kandidierenden aus Frauenfeld sonst ein Problem haben.»
Andreas Wenger, FDP-Kantonsrat aus Diessenhofen.

Andreas Wenger, FDP-Kantonsrat aus Diessenhofen.

(Bild: PD)

Gegen die Untervertretung kämpft auch Gottfried Möckli (SVP, Basadingen): «Das Problem schwelt seit der Bezirksreorganisation 2011.» Gerade mit regionalen Themen und der Organisation von Podien vor Ort mit Vertretern aus der Region könne entscheidend entgegengewirkt werden.

Kein Patentrezept kann hingegen Daniel Vetterli (SVP, Rheinklingen) liefern. Selbst mit einem Bekanntheitsgrad über die weniger besiedelte Region hinaus benötige es für den Einzug in den Grossen Rat Stimmen von Stadt und Land. Vetterli meint: «Das ist mir bei den Nationalratswahlen zum Verhängnis geworden.» (sko)