Schulweg
Immer mehr Elterntaxis: Vor der Primarschule Rickenbach wird es manchmal richtig gefährlich

Immer wieder geben sie zu reden: die Elterntaxis. An der Primarschule in Rickenbach hat ihre Zahl im vergangenen Jahr deutlich zugenommen. So sehr, dass sich die Schulleiterin Stephanie Schildknecht vor Unfällen fürchtet.

Lara Wüest
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Wenn es regnet, bringen besonders viele Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Primarschule Rickenbach.

Wenn es regnet, bringen besonders viele Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Primarschule Rickenbach.

Bild: Ralf Hirschberger/Keystone

Es ist kurz vor zwölf an einem Freitagmittag vor der Primarschule Rickenbach. Die Glocke hat eben geläutet, nun laufen Kinder über den Pausenplatz auf die Quartierstrasse vor der Schule. Sie haben wohl Hunger und wollen so rasch wie möglich nach Hause. Die zahlreichen Autos, welche das kleine Strässchen, Tempo 30, verstopfen, scheinen sie kaum zu bemerken. Auch nicht, wenn die Lenker aufs Gaspedal drücken und davonbrausen. Rasch huschen die Kinder zwischen den Fahrzeugen hindurch.

Für den schwarzen Schulbus gibt es wegen der Elterntaxis manchmal fast kein Durchkommen.

Für den schwarzen Schulbus gibt es wegen der Elterntaxis manchmal fast kein Durchkommen.

Bild: Lara Wüest

Die Lenker, das sind Trauergäste, die an einer Beerdigung in der Kirche neben dem Schulhaus teilgenommen haben. Es sind Lehrerinnen und Lehrer, die über Mittag nach Hause fahren. Und es sind die Eltern. Durch sie, oder besser ihre Elterntaxis, wird es vor dem Schulhaus in Rickenbach manchmal richtig gefährlich, weil sie viel zusätzlichen Verkehr verursachen.

Ein Zwischenfall ängstigt die Eltern

Stephanie Schildknecht, Schulleiterin der Primarschule Rickenbach.

Stephanie Schildknecht, Schulleiterin der Primarschule Rickenbach.

Bild: Lara Wüest

«Es ist ein Wunder, dass es noch nie einen Unfall gab», sagt Stephanie Schildknecht. Seit bald 13 Jahren leitet sie die Rickenbacher Primarschule. Die Elterntaxis bereiten ihr schon länger Bauchschmerzen. Doch seit einem Jahr, sagt sie, sei es schlimmer geworden. Damals wurde in der Gegend ein Mann beobachtet, der die Kinder ansprach. Was genau vorfiel, weiss Schildknecht nicht. Doch in den sozialen Medien, sagt sie, habe das hohe Wellen geworfen. Viele Eltern seien besorgt gewesen. Zwar hat die Polizei den Mann kurz darauf verhaftet. Doch nach diesem Vorfall stieg die Zahl der Elterntaxis deutlich an.

An diesem Vormittag steht Schildknecht auf dem Trottoir und beobachtet besorgt, was sich vor der Schule abspielt. Sie sagt:

«Die Kinder sind klein und die Eltern sind zum Teil so mit dem Wenden und Manövrieren ihrer Autos beschäftigt, dass sie nicht auf die Kleinen achten.»

Manchmal herrsche ein riesiges Chaos.

Durch die Elterntaxis hat der Verkehr auf der Quartierstrasse deutlich zugenommen.

Durch die Elterntaxis hat der Verkehr auf der Quartierstrasse deutlich zugenommen.

Bild: Lara Wüest

An diesem Freitag hält es sich in Grenzen. Zumindest sagt das Schildknecht. Sie ist sich Schlimmeres gewohnt. Etwa dann, wenn es regnet oder schneit. Sie sagt:

«Manchmal fahren dann bis zu zwanzig Eltern mit ihren Autos vor.»

An diesem Tag sind es neun. Schildknecht hat sie gezählt. Zusammen mit den Fahrzeugen der Trauergäste werden es gegen die zwanzig Autos, die kurz vor zwölf über die Strasse manövrieren. Später fährt noch der Schulbus vor, auch ein Lastwagen rollt vorbei.

Auch manche Eltern ärgern sich

Eine Mutter, die wie üblich mit ihrer kleinen Tochter zu Fuss zur Schule gekommen ist, um ihren Sohn abzuholen, blickt etwas ungläubig auf das Autoschulkindgemenge. Sie sagt:

«Ich kann nicht verstehen, warum die nicht zu Fuss kommen.»

Vor einiger Zeit hat sie beobachtet, wie ein Knabe an einem Regentag fast unter ein Auto kam. Seither holt sie ihren Sohn stets von der Schule ab, wenn das Wetter schlecht ist. Sie sagt: «Da sind jeweils so viele Autos, ich habe Angst, dass die Fahrer meinen Sohn nicht sehen.»

Manche Autolenker achten kaum auf die Kinder, wenn diese aus der Schule kommen.

Manche Autolenker achten kaum auf die Kinder, wenn diese aus der Schule kommen.

Bild: Lara Wüest

Auch eine andere Mutter ist überrascht über die vielen Fahrzeuge. Sie ist zwar auch mit dem Auto hier. Doch das sei eine Ausnahme, sagt sie. Eines ihrer Kinder muss zum Arzt. Damit sie es rechtzeitig zum Termin schaffen, hat sie ausnahmsweise das Auto genommen. Sonst kommen ihre Kinder alleine zur Schule. Die Mutter sagt, sie finde das wichtig: «Das fördert die Selbstständigkeit.»

Selbstständig zur Schule fördert das Selbstvertrauen

Die Kinder sollen selbstständig zur Schule. Am besten zu Fuss oder mit dem Velo. Dieser Meinung ist auch Patrick Keller. Er ist Co-Präsident des kantonalen Lehrerverbands St.Gallen. Die Elterntaxis, sagt er, seien in vielen Schulgemeinden im Kanton ein «wiederkehrendes Thema». Eines, das zwar nicht erst seit gestern diskutiert werde, doch eines, bei dem es eben auch keine Veränderung oder Verbesserung gebe.

Dabei wäre es wichtig – darin sind sich viele Fachleute einig –, dass die Eltern ihre Kinder den Schulweg selbstständig bewältigen lassen. Keller sagt:

«Die Kinder lernen so, wie sie sich im Strassenverkehr richtig verhalten müssen.»

Zugleich ist es wichtig für die soziale Entwicklung der Kinder, dass sie ab und zu ganz unter sich sind. Ohne die Erwachsenen. Keller sagt: «So können sie Selbstvertrauen aufbauen.» Der Schulweg sei dafür ideal.

Katze überfahren

Schulleiterin Schildknecht kann es sogar verstehen, wenn die Eltern ihr Kind begleiten wollen. Gerade nach einem Zwischenfall wie jenem vom letzten Jahr, als ein fremder Mann mehrere Kinder ansprach. Doch sie versteht nicht, dass es dafür das Auto braucht. «Die Schulwege sind für die meisten nicht weit. Da kann man doch zu Fuss kommen.» Und für jene, die weiter entfernt leben, gebe es den Schulbus.

Wenn es so weitergeht, fürchtet Schildknecht, ist es eine Frage der Zeit, bis es zu einem Unfall kommt. Und obwohl noch kein Kind zu Schaden kam, gab es vor einiger Zeit einen Zwischenfall: Eine Mutter hat eine Katze überfahren. Ein paar Kinder haben das beobachtet. Schildknecht sagt, diese seien danach richtig unter Schock gestanden.

Durch die Parkplätze auf der rechten Strassenseite wird das schmale Strässchen vor der Primarschule Rickenbach noch schmaler.

Durch die Parkplätze auf der rechten Strassenseite wird das schmale Strässchen vor der Primarschule Rickenbach noch schmaler.

Bild: Lara Wüest