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Das schönste Dorf der Schweiz - Wie schön ist Fischingen wirklich?

Fischingen steht im Finale zum schönsten Dorf der Schweiz. Die Einwohner reiben sich verwundert die Augen. Und plötzlich denken sie über Selbstverständliches nach.
Ida Sandl
Das Kloster thront gleichsam über dem Dorf, vielleicht wacht es aber auch über die Bewohner. (Bilder: Reto Martin)

Das Kloster thront gleichsam über dem Dorf, vielleicht wacht es aber auch über die Bewohner. (Bilder: Reto Martin)

Mehr Wald geht nicht. Hinter fast jedem Haus erhebt sich mächtiges Grün. Tannzapfenland eben. Willy Nägeli ist hier der Gemeindepräsident. Ein bodenständiger Mann mit einem gutmütigen Lächeln, der den Kaffee für seine Besucher selber macht. Etwas erstaunt habe es ihn schon, dass von allen Dörfern der Ostschweiz Fischingen übrig geblieben ist, gibt er freimütig zu. Wie die Jungfrau zum Kind sind die Fischinger ins Finale um den Titel «Schönstes Dorf der Schweiz» gekommen. Zwölf Gemeinden haben das geschafft, dazu gehören Poschiavo Borgo in Graubünden oder Oberhofen im Kanton Bern.

Fischingen ist
in der Pole-Position

Und Fischingen. Nägeli sieht die Sache pragmatisch: «Wir müssen mit unserer Gegend punkten.» Am Montag hat er die Abstimmungs-Flyer bekommen. Unter den Fotos der Finalisten sind kleine Kästchen zum Ankreuzen aufgedruckt. «Wählen Sie Ihren Favoriten». Fischingen kommt gleich an erster Stelle: «Pole- Position», sagt Nägeli. Zu sehen ist ein Sonnenuntergang, Rot-Blau-Schattierungen über Wald und Hügel. Ein Bild wie ein Gemälde. Nägeli fühlt sich bestätigt: «Bei uns geht es weniger ums Ortsbild.» Eine Werbekampagne wird die Gemeinde nicht starten, auf der Homepage soll aber auf das Voting hingewiesen werden. Die «Schweizer Illustrierte», die den Wettbewerb organisiert, hat sich schon angekündigt. Nägeli hat eine ehemalige Schülerin gefragt, ob sie die Journalisten herumführt.

Bevor er zum Gemeindepräsidenten gewählt wurde, war Nägeli 28 Jahre Primarlehrer. Deshalb kennt er fast jeden hier und freut sich, wenn einer seiner früheren Schüler ein Bier mit ihm trinkt. Das sieht er als Beweis, dass sie es gut hatten bei ihm als Lehrer.

Es riecht nach
gutem Gewissen

Der Zusammenhalt sei gross in der Gemeinde. Und wenn es etwas zu organisieren gibt, wie den Tannzapfen-Cup, dann stehen die Vereine da wie ein Mann. Da spiele es keine Rolle, aus welchem Ortsteil einer kommt. Denn die politische Gemeinde Fischingen besteht aus den Dörfern Dussnang, Oberwangen, Tannegg, Au und Fischingen. Fast 50 Jahre als politische Einheit haben die Ortsgrenzen nicht ganz zum Verschwinden gebracht. 600 Einwohner hat der Ortsteil Fischingen, hier führt der Jakobsweg, auch Schwabenweg genannt, vorbei, der bis hinab ins spanische San­tiago de Compostela reicht. Früher wurde mehr gepilgert, da hatte es im Dorf Platz für zwei Bäckereien. Heute gibt es nur noch die «Chäs Egge», einen Dorfladen mit grosser Käsetheke. Handgemachte Butter kann man hier kaufen, Joghurts in grosser Auswahl und «Eggers Salatsauce». Es riecht nach Käse und Brot und gutem Gewissen.

Die «Chäs Egge» ist auch ein Treffpunkt für die Menschen hier. Vor dem Laden steht ein kleiner Gartentisch mit zwei Stühlen. Die Pilger rüsten hier ihren Proviant auf und die Klostergäste kommen, wenn sie die Zahnbürste vergessen haben. Doch die Idylle täuscht: «Allein vom Dorf könnten wir nicht leben», sagt Pia Egger, die mit ihrem Mann Roland das Geschäft führt. Das wirtschaftliche Standbein sind die Spezialitäten.

Dank Bumann gibt es
die Sternenrolle jetzt jeden Tag

Fischingen war einst die Gemeinde mit der grössten Restaurant-Dichte im Thurgau: Auf 100 Einwohner kam eine Gaststätte. Doch das Beizerleben ist härter geworden und so haben sich in den letzten Jahrzehnten viele Beizen-Türen für immer geschlossen. Der «Sternen» ist geblieben. Letztes Jahr kam Restaurant-Tester Daniel Bumann. Davon schwärmt Wirtin Beatrice Mahler noch heute. Sie ist eine Frau mit grauen Locken und wachen blauen Augen. Dank Bumann steht die «Sternenrolle» jetzt jeden Mittag auf der Speisekarte. Das ist die Spezialität des Hauses, eine Art gerolltes Cordon Bleu. Der Käse läuft nicht raus, das sei der grosse Vorteil, sagt Beatrice Mahler.

Sie kennt fast alle Fischinger: Beatrice Mahler, die Wirtin des «Sternen».

Sie kennt fast alle Fischinger: Beatrice Mahler, die Wirtin des «Sternen».

Vor 20 Jahren haben die Mahlers das Restaurant gekauft. Seitdem wirtet Beatrice Mahler hier und bis auf ein paar Zugezogene kennt sie jeden im Dorf. Obwohl sie keine Fischingerin ist, weil sie aus Dussnang kommt, keine zwei Kilometer entfernt. Aber trotzdem.

Der kälteste Friedhof
der Ostschweiz

Beatrice Mahler wundert sich nicht über Fischingens Nomination. «Es ist wirklich ein schönes Dorf», sagt sie. So viel Grün, so viel Natur. Und dann natürlich das Kloster, mit der prächtigen Kirche. Die mächtige Anlage thront auf der Anhöhe, überstrahlt den Ort. Vor der Idda-Kapelle liegt der kleine Friedhof. Hier weht trotz der Hitze ein kühler Wind. «Der kälteste Friedhof der Ostschweiz», sagt Werner Ibig, der Manager des Klosters. Sicher auch einer der schönsten.

Er kennt alle und jeden: Werner Ibig ist Direktor des Klosters und Präsident des Verkehrsvereins.

Er kennt alle und jeden: Werner Ibig ist Direktor des Klosters und Präsident des Verkehrsvereins.

Ibig ist auch Präsident des Verkehrsvereins Fischingen, er kennt alle und jeden hier. Vor dem Friedhof steht eine Holzbank. Von hier aus hat man den besten Blick aufs Dorf. Mittendrin wie eine Narbe aus grauem Asphalt die Strasse, die sich zwischen die Häuser zwängt. Zwischen unscheinbaren Bauten ein paar Schmuckstücke mit blauem oder rotem Riegel. Das «Häxehüsli», in dem man jetzt Yoga-Stunden besuchen kann. Ein bisschen Kleingewerbe, Handwerksbetriebe, eine Tankstelle mit Garage. Auf der Bank vor Eugster Holzbau sitzt ein junger Mann im schwarzen Wams eines Wandergesellen. Jan aus Norddeutschland ist Schreiner und arbeitet seit drei Wochen hier. Findet er Fischingen schön? Er zuckt mit den Schultern. «Es ist abgeschieden hier, das ist ganz cool.»

Zum Jahrmarkt kommen
die Heimweh-Fischinger

Am zweiten Montag im Oktober ist in Fischingen richtig viel los. Dann ist Jahrmarkt, die Strasse gesperrt und voll mit bunten Ständen. Dann nehmen sich die Fischinger frei und die Weggezogenen auch. Man trifft sich und tauscht neue und alte Geschichten aus.

Das Kloster spielt im Dorfleben eine Rolle. Es ist in den letzten Jahren näher zu den Fischingern gerückt. Ibig misst es etwa daran, dass viele Klassentreffen innerhalb der Klostermauern gefeiert werden. Oder dass die Turner oder die Sänger im Kloster einkehren. Durch das Seminarhotel ist es auch zu einem der grössten Arbeitgeber in der Region geworden.

Pater Gregor Brazerol ist der Prior einer kleinen Gemeinschaft von fünf Benediktinern. Gleichzeitig ist er der Fischinger Dorfpfarrer. Vor zehn Jahren kam er aus Disentis in den Hinterthurgau. Ein Mann mit einer angenehm tiefen Stimme, der Ruhe ausstrahlt, auch wenn sein Handy klingelt.

Dass Fischingen eines der zwölf schönsten Dörfer der Schweiz sein soll, hat ihn «schon es bizzele erstaunt». Doch dann erzählt er von der faszinierenden Hügellandschaft, die immer wieder neue Blicke ermöglicht. Fischingen sei keine heile Welt, sagt Pater Gregor. Aber überschaubar. «Die Menschen geben hier aufeinander acht.»

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