Bei der Familie Tokay aus Steckborn kriechen Schildkröten durch den Weinberg

Vom Untersee ganz weit in den Süden: Mit der Beherbergung von Gästen sowie der Produktion von Wein und Oliven will Familie Tokay in Südafrika Fuss fassen. Der Fernsehsender SRF porträtiert die Auswanderer in der Sendung «Auf und davon».

Interview: Stefan Hilzinger
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Doris (46) und Tibor Tokay (51) mit ihren Kindern Miika (8) und Annikki (12) in Südafrika. (Bild: PD)

Doris (46) und Tibor Tokay (51) mit ihren Kindern Miika (8) und Annikki (12) in Südafrika. (Bild: PD)

Doris und Tibor Tokay, was hat Sie bewogen, von Steckborn nach Südafrika auszuwandern?

Doris Tokay: Tibor und ich beschäftigten uns seit rund 25 Jahren damit, eines Tages nach Südafrika auszuwandern. Tibor hat sehr gute Erinnerungen aus seiner Jugendzeit, und wir reisten unzählige Male nach Südafrika, um seine Familie zu besuchen, und verbrachten Monate damit, das südliche Afrika zu bereisen. Auch unsere Kinder waren seit dem Babyalter mit auf Reisen durch das südliche Afrika.

Sendung im Schweizer Fernsehen SRF

Der Weg der Familie Tokay vom Untersee nach Südafrika ist auch Thema der neuesten Stafel der Auswanderer-Sendung «Auf und davon» vom Schweizer Fernsehen SRF. Die ersten Sendungen strahlte SRF vergangenen Freitag aus. Weitere Sendungen folgen nun freitags, 21 Uhr. Nebst den Steckbornern porträtiert SRF eine junge Familie, die aus dem Luzernischen nach Schweden auswandern, und zwei Baselbieter, die in Mexiko ihr Glück versuchen. (hil)

Dem Namen nach haben Sie wohl ungarische Wurzeln. Sie sind also bereits einmal ausgewandert?

Tibor Tokay: Mein Vater war Ungar, meine Mutter Deutsche. Mein Vater ist 1956 aus Ungarn in die Schweiz geflüchtet, wo er meine Mutter kennen gelernt hat. Ich selbst bin in der Schweiz geboren. Jedoch sind wir im Februar 1981 zum ersten Mal nach Südafrika ausgewandert, wo ich naturalisiert wurde und somit die südafrikanische Staatsbürgerschaft erhielt. Nach Abschluss meiner Schulzeit habe ich Ende 1987 Südafrika aus politischen Gründen wegen des Apartheid-Regimes verlassen und bin Anfang 1988 in die Schweiz zurückgekehrt. Heute sind ich und unsere beiden Kinder Doppelbürger der Schweiz und von Südafrika.

Womit verdienen Sie nun Ihren Lebensunterhalt?

Doris Tokay: In einem ersten Schritt haben wir unsere Farm und Lodge soweit aufgebaut, damit wir sie Anfang Oktober eröffnen konnten. Wir haben vier Doppel- und ein Familien-Cottage. Zudem produzieren wir Wein und Oliven. Wir mögen den beruflichen Ansatz, sich zu diversifizieren. Zudem ist Tibor mit Leib und Herz zuständig für Reisetouren von Kleingruppen im südlichen Afrika, was unsere Gäste zunehmend in Anspruch nehmen. Ausserhalb der Hauptsaison und in Teilzeit übernimmt Tibor Mandate im IT-Bereich. Zudem habe ich eine eigene Firma gegründet. Ich coache und berate Personen, die sich mit der Thematik Auswanderung befassen oder die sich mit einer veränderten Lebensgestaltung auseinandersetzen möchten.

Welches sind die grössten Schwierigkeiten, wenn man in einem neuen Land, einer neuen Kultur Fuss fassen will?

Doris Tokay: Ich persönlich musste erst einmal meine Sprachkenntnisse in Englisch erweitern. Die Sprache ist das Wichtigste, um Fuss zu fassen in der neuen Heimat. Ich höre gerne zu und diskutiere mit. Dies war für mich anfangs nicht immer so einfach, da es Zeit braucht, um eine Sprache fliessend sprechen zu können. Bis das Leben normal funktioniert, braucht es Zeit und Geduld. Angefangen mit der Eröffnung von Bankkonten, funktionierendes Internet zu haben, Handynummern zu lösen, Autos zu kaufen und einzulösen und so weiter. Alles braucht hier viel mehr Zeit, das kann viel Energie kosten. Zudem war die Einschulung der Kinder sicher eine grosse Herausforderung, man litt mit den Kindern, als sie sich anfangs nicht so wohl fühlten

Was schätzen Sie am Leben in Ihrer neuen Heimat?

Tibor Tokay: Mit viel Aufwand und persönlichem Einsatz hat sich uns eine nie gedachte Vielfalt an Möglichkeiten eröffnet. Durch die Mithilfe in sozialen Projekten haben wir schnell neue Freunde gewonnen. Unsere Kinder sprechen heute fliessend Englisch. Natürlich schätzen wir unser Farmleben. Schildkröten wandern durch unsere Weinberge. Wir geniessen eine Vielfalt von Flora und Fauna auf unserer Farm, derer wir uns auf unserem Morgenspaziergang immer wieder bewusst werden. Auch die Hilfsbereitschaft der Südafrikaner, wie sich die Menschen umeinander kümmern, ist beeindruckend. Wir erlebten dies erst vor kurzem wieder, als sich kurz vor Neujahr ein grosser Buschbrand entfachte.

Was vermissen Sie aus der Schweiz?

Doris Tokay: In erster Linie Familie und Freunde. Die Schweiz ist ein Juwel von einer gut funktionierenden Demokratie. Da sollte man keine Vergleiche mit Südafrika anstellen, weil es sonst frustriert – ohne dass wir etwas ändern könnten. Wir haben die Schweiz immer geschätzt, und es bleibt auch unsere Heimat. Zu wandern, reisen und sich überall frei bewegen zu können, das fehlt hier manchmal.

Tibor Tokay: Ich würde es unheimlich begrüssen, wenn Auslandschweizer künftig elektronisch stimmen und wählen dürfen – und das sieht ja nun sehr gut aus. Denn bisher trafen die Stimmunterlagen viel zu spät bei uns ein, um diese dann auch noch rechtzeitig zurückzusenden!

Was könnte Sie dazu bewegen, wieder in die Schweiz zurückzukehren?

Doris Tokay Eine Rückkehr in ein Leben wie zuvor in der Schweiz können wir uns kaum vorstellen. Allerdings erwägen wir, während der Wintersaison in Südafrika in der Schweiz zu arbeiten. Wir wollen auf jeden Fall mit der Schweiz in Verbindung bleiben. Auch für unsere Kinder soll die Schweiz ein Land sein, in dem sie sich immer willkommen fühlen sollten. Sie sollen später entscheiden können, wo sie leben möchten. Wirtschaftlich ist es schwer abzusehen, wie es hier in den nächsten Jahren vorangeht. Wir möchten unser Leben so gestalten, dass wir uns zwischen Südafrika und Europa flexibel bewegen können. Unsere Lebensgestaltung als Familie ist noch längst nicht abgeschlossen. Uns steht je länger je mehr die Welt offen.

Hinweis: Das Interview wurde schriftlich geführt.

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