Schein oder Sein beim Frauenfelder Freilichttheater?

Die originelle Inszenierung im Freilichttheater Frauenfeld von «Kleider machen Leute» begeisterte das Publikum. Das Schauspiel nach einer Novelle von Gottfried Keller aus dem Jahr 1874 hat nichts von seiner Aktualität eingebüsst.

Christine Luley
Drucken
Teilen
Die Besucher verfolgen die Freilicht-Szenerie im Western-Saloon auf dem Konviktparkplatz vor dem Obergericht. (Bilder: Andrea Stalder)

Die Besucher verfolgen die Freilicht-Szenerie im Western-Saloon auf dem Konviktparkplatz vor dem Obergericht. (Bilder: Andrea Stalder)

Eine Gratis-Theatervorstellung am längsten Tag des Jahres: Diese Gelegenheit haben sich 220 Zuschauer bei angenehmem Wetter unter freiem Himmel nicht entgehen lassen wollen und sind der Einladung des Amtes für Kultur der Stadt Frauenfeld gefolgt. Die Interessengemeinschaft Frauenfelder Innenstadt (IG Fit), der Theaterverein, Regio Frauenfeld Tourismus und das Amt für Stadtentwicklung und Standortförderung unterstützten den Anlass.

Am Freitagnachmittag verwandelte sich der Parkplatz bei der Konvikt Turnhalle in ein Freilichttheater. Gegen 13 Uhr brachte ein weisser Camion, mit der Aufschrift «theater zürich» die Infrastruktur. Zwölf Techniker waren während fünf Stunden mit dem Aufbau beschäftigt. Wie Gastspielorganisatorin Silvia Müller erklärt, bringt die Wanderbühne Theater in die Gemeinden. Die Genossenschaft wird dabei vom Kanton Zürich unterstützt. Das Theater Zürich gastiert bereits zum vierten Mal in Frauenfeld, im Vorjahr war es mit Shakespeares «Sommernachtstraum».

Eine Szene aus «Kleider machen Leute».

Eine Szene aus «Kleider machen Leute».

Schweizer Touch im Wilden Westen

Die Autorin Dagrun Hintze hat zum 200. Geburtstag von Gottfried Keller die Novelle «Kleider machen Leute» dramatisiert und in den Western-Saloon Zur Waage verlegt. Die gespielte «Selbstzufriedenheit und Kleinkariertheit» hat Wiedererkennungswert und amüsiert die Besucher. Die Beschriftungen an den Schiefertafeln, das Aromat in der Menage, Kägifret, Chips und Biberli im Chörbli vermitteln im Wilden Westen einen Schweizer Touch.

Der Wirt, die Köchin und die Gäste sind überzeugt, «bei uns in Goldach könnte das Leben nicht besser sein». Annette, die Tochter des Amtsrates, träumt von einem anderen Leben. Eine vierspännige Kutsche fährt vor und ein gut gekleideter Fremder bringt Bewegung in die Geschichte. Sein Schweigen und sein Auftreten stacheln die Fantasie an. Ist er ein politisch Verfolgter oder ein Schriftsteller? – «Man muss die Heimat vor solchen Elementen schützen.» Solche Aussagen verbreiten einen bitteren Geschmack.

Die Besuchertribüne mit der Kantonsbibliothek im Hintergrund.

Die Besuchertribüne mit der Kantonsbibliothek im Hintergrund.

Am Schluss gibt’s ein Happy End

Da ist die selbstbewusste Kutscherin, die der patriarchalen Gesellschaft zeigt, dass es anderswo fortschrittlicher zugeht. Worauf sich Annette fragt: «Warum sollen sich immer die Männer durchsetzen?» – Sie verliebt sich in den Fremden namens Wenzel, und der hält schliesslich um ihre Hand an. «Nehmen Sie die Gans», antwortet der Vater. Das Brautpaar erlebt «einen Augenblick gross und glücklich». Doch nichts ist, wie es scheint, und der Bräutigam ist nur ein armer Schneider. Und trotzdem gibt es zum Schluss ein Happy End. Der städtische Kulturbeauftragte Christof Stillhard zum Freilichttheater sagt:

«Wir wollen Kultur für alle und fördern eine breite Palette von Veranstaltungen, nicht nur elitäre Anlässe.»
Christof Stillhard, städtischer Kulturbeauftragter. (Bild: Christine Luley)

Christof Stillhard, städtischer Kulturbeauftragter. (Bild: Christine Luley)

Eine Frau aus Bischofszell besuchte erstmals eine Theatervorstellung und war erstaunt, wie man mit nur einem Bühnenbild die Spannung halten kann. «Lässig, unterhaltsam und lustig war’s», fasste sie am Schluss zusammen. Gleich nach der Vorstellung bauen die Theatermitarbeiter die Bühne ab. Am nächsten Tag steht Mönchaltdorf auf dem Spielplan.

Aktuelle Nachrichten