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Rickenbacher Milchmann: Seit 30 Jahren Frühaufsteher

Es gibt sie noch, die echten Milchmänner, welche Lebensmittel noch direkt vor die Haustüre liefern. Einer von ihnen ist Anton Scherrer. In der Region ist er einer der Letzten, die diesen Beruf noch ausüben.
Claudio Weder
Ob Milch, Rahm, Eier, Butter oder Joghurt: Milchmann Anton Scherrer liefert seine Produkte direkt vor die Haustüre. (Bild: Claudio Weder)

Ob Milch, Rahm, Eier, Butter oder Joghurt: Milchmann Anton Scherrer liefert seine Produkte direkt vor die Haustüre. (Bild: Claudio Weder)

Sie sind ein Blickfang: die mobilen Kühlschränke mit der auffälligen, dem Fell einer schwarz-weiss gefleckten Kuh nachempfundenen Lackierung und dem nicht weniger auffälligen Schriftzug «Milchboy». Sie gehören Anton alias Toni Scherrer, der, zugegeben, einer heutzutage eher seltenen Berufsgattung angehört: Er ist Milchmann – und seinerseits einer der letzten der Region Wil.

Vier Mal pro Woche beliefert der Rickenbacher gemeinsam mit seiner Frau Brigitte, einer Praktikantin sowie zwei Aushilfen die insgesamt 600 Kunden – Privatkunden, aber auch Restaurants und Heime. Wenn Not am Mann ist, hilft sogar die 87-jährige Schwiegermutter des Rickenbachers bei der Belieferung der Kunden mit.

Durch Zufall Milchmann geworden

Im Angebot hat Toni Scherrer die gesamte Palette: von Milch, Joghurt, Rahm, Butter bis hin zu Eiern und Brot. Milchmann geworden ist der gelernte Zeichner, Maurer und Hochbaupolier aber eher durch Zufall. «Eigentlich war mein Bruder als Nachfolger für meinen Vater vorgesehen, der das Milchgeschäft von 1947 bis 1988 betrieben hatte. Doch leider starb er im Alter von 23 Jahren an einem Asthmaanfall – also sprang ich ein.»

Seit 30 Jahren ist Anton Scherrer nun im Geschäft – und Milchmann mit Leib und Seele. Er liebt seinen Beruf: «Ich bin mein eigener Chef, ständig an der frischen Luft, kann mit Kunden in Kontakt treten. Letzteres hat den Vorteil, dass man immer wieder neue Geschichten erfährt.» Und vielleicht das Wichtigste: «Wir können davon leben.»

Täglich bis sechs Stunden mit Bus unterwegs

Für Toni Scherrer und seine Frau Brigitte beginnt der Tag um 4.50 Uhr morgens. Dann werden die Busse beladen, bevor es zu den Kunden geht. Als Milchmann muss man nicht nur Frühaufsteher sein, sondern auch Ausdauer haben. Denn die fünf- bis sechsstündige Tour verlangt so einiges ab.

Anton Scherrer legt auf seiner täglichen Tour etwa 40 Kilometer zurück. (Bild: Claudio Weder)

Anton Scherrer legt auf seiner täglichen Tour etwa 40 Kilometer zurück. (Bild: Claudio Weder)

«Ich persönlich habe mich an den Stress gewöhnt, aber unsere Praktikantinnen leiden jeweils in den ersten Wochen. Der Job ist nicht zu unterschätzen.» Zusätzlich zu den 40 Kilometern, die der Rickenbacher auf der Tour mit seinem Bus zurücklegt, macht er noch 10000 bis 11000 Schritte zu Fuss. «Zum Glück gibt es noch das gute alte Milchbüechli. Wenn jeder einzelne Kunde bar bezahlen würde, würde die Tour zwei Stunden länger dauern».

Für die Pastmilch müssen Scherrers Kunden zwar etwas tiefer in die Tasche greifen, doch dafür wird sie direkt vor die Haustüre geliefert. «Viele Leute schätzen diese Dienstleistung. Nicht nur aufgrund ihres Alters. Viele legen auch Wert darauf, zu wissen, woher die Produkte stammen, die sie konsumieren», sagt der Milchmann. Sämtliche Produkte bezieht Toni Scherrer von lokalen Lieferanten.

Ein vom Aussterben bedrohtes Metier

Natürlich hat das Milchmann-Dasein auch seine Schattenseiten. «Milchmann ist ein vom Aussterben bedrohtes Metier: Von ursprünglich zehn Milchmännern gibt es heute noch zwei in der Region Wil. Und dies, obwohl es in der heutigen Zeit wieder voll im Trend ist, sich Lebensmittel nach Hause liefern zu lassen, da viele Leute keine Zeit mehr haben, die Einkäufe selber zu tätigen», sagt Anton Scherrer.

Einer der Gründe, warum man die waschechten Milchmänner immer seltener auf der Strasse antrifft, ist der soziale Wandel, der allen Detailhändlern, nicht nur dem Milchgeschäft des Rickenbachers, zu schaffen macht. «Die Familienstrukturen veränderten sich über die Zeit. Heute arbeiten sowohl Mann als auch Frau den ganzen Tag über. Niemand ist mehr da, um die Milch, die gekühlt werden muss, an der Haustüre entgegenzunehmen», erklärt Toni Scherrer.

Anton Scherrer mit seiner Frau Brigitte (Bild: Claudio Weder)

Anton Scherrer mit seiner Frau Brigitte (Bild: Claudio Weder)

«Aber auch die Essensgewohnheiten und Bedürfnisse der Menschen haben sich verändert.» Ob früher denn alles besser war? «Das würde ich nicht behaupten. Vielleicht anders, aber nicht besser.» Das Einzige, was früher besser war: «Man konnte getrost in die Zukunft blicken. Heute fehlt diese Sicherheit: Man weiss nie, was der Morgen bringt.»

Auch Lehrstellen-Coach

Tatkräftige Unterstützung erhalten Toni und Brigitte Scherrer jeweils von einer festangestellten Praktikantin. «Meistens sind es Schülerinnen, die nach der dritten Sekundarstufe keine Lehrstelle finden oder aber noch nicht genau wissen, welchen Beruf sie erlernen wollen. Sie nutzen dann die Zeit bei uns als Orientierungs- oder Zwischenjahr», erzählt Brigitte Scherrer.

Während des einjährigen Praktikums wohnen die Jugendlichen bei den Scherrers zu Hause. Dabei werden sie so gut es geht in den familiären Alltag einbezogen. «So lernen sie das ‹normale› Familienleben kennen. Wir essen gemeinsam, schauen zusammen fern. Für viele ist das etwas völlig Neues.» Und nicht zuletzt geben Toni und Brigitte Scherrer alles daran, ihre Praktikantinnen auch beruflich zu fördern. Sie helfen bei der Stellensuche, beim Schreiben von Bewerbungen, begleiten sie zu Vorstellungsgesprächen.

«Ich bin also nicht nur Milchmann, sondern nebenbei noch Lehrstellen-Coach», sagt Toni Scherrer. Ein Nebenjob, der sich auszahlt: «Die meisten finden nach dem Praktikum eine Lehrstelle, schliessen die Lehre dann sogar mit richtig guten Noten ab. Das macht uns stolz.»

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