Reorganisation bei Agroscope: Das Heu in Tänikon ist noch nicht im Trockenen

Thurgauer Politiker bewerten die Verzögerung beim Agroscope-Umbau unterschiedlich. Der CVP-Kantonsrat Josef Gemperle befürchtet ein Sterben in Raten.

Sebastian Keller
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Agroscope betreibt in Tänikon zum Beispiel Forschung zum Weidemanagement. (Bild: Andrea Stalder)

Agroscope betreibt in Tänikon zum Beispiel Forschung zum Weidemanagement. (Bild: Andrea Stalder)

Der Umbau der bundeseigenen Forschungsanstalt zieht sich hin. Wie Bundesrat Guy Parmelins Departement diese Woche mitteilte, brauchen die Gespräche und Verhandlungen mit den Kantonen zu den Versuchsstationen von Agroscope «etwas mehr Zeit als ursprünglich geplant».

Statt Ende 2019 soll der Bundesrat spätestens im zweiten Quartal 2020 über Detailkonzept und Umsetzungsplanung entscheiden. Tänikon in der Gemeinde Aadorf soll zu einer Versuchsstation umgewandelt werden. Nach der Reorganisation werden rund 50 von 85 Arbeitsplätze erhalten bleiben.

Der ursprüngliche Plan war radikaler: Im Frühling 2018 sickerte durch, dass der Bund an den meisten Agroscope-Standorten das Licht ausknipsen wollte. Nach enormem Gegenwind ging er über die Bücher. Der neue Plan sieht vor, dass die Standorte Posieux (FR), Changins (VD) und Reckenholz (ZH) eine entscheidende Rolle spielen. Das entschied der Bundesrat Ende 2018.

Widerstand im Bauernland

Gegen das Lichterlöschen in Tänikon setzte sich auch Walter Schönholzer an vorderster Front zur Wehr. Die Verzögerung im Fahrplan ist für den Thurgauer Regierungsrat kein schlechtes Zeichen. «Es zeigt, dass der Bundesrat realisiert hat, dass ein Schnellschuss der falsche Weg wäre.» Doch: «Wir dürfen uns auf keinen Fall zurücklehnen», betont Schönholzer. Ein Zusammenstehen der ganzen Ostschweiz sei weiterhin notwendig.

«Wir wollen, dass möglichst viele Arbeitsplätze erhalten bleiben.»
Regierungsrat Walter Schönholzer. (Bild: Reto Martin)

Regierungsrat Walter Schönholzer. (Bild: Reto Martin)

Das Dreigestirn Bildung, Beratung und Forschung an den Standorten Arenenberg, Güttingen und Tänikon sei ein Vorteil, welchen der Thurgau habe. Gerade die Swiss Future Farm (SFF) in Tänikon erachtet Schönholzer als Trumpf. Diesen Bauernhof der Zukunft betreibt der Kanton mit zwei Industriepartnern. «Die SFF ist unterdessen total anerkannt», sagt Schönholzer. Diesen Trumpf will er bei Bundesrat Parmelin ausspielen. Der Termin für das nächste Gespräch stehe bereits, bestätigt der Regierungsrat.

Hausammann sieht es positiv

Dass mehr Zeit benötigt wird, darüber ist Markus Hausammann «nicht unglücklich», wie der SVP-Nationalrat und Bauernpräsident sagt. «Damit kann sich auch der Agroscope-Rat im Detail mit der Standortstrategie auseinandersetzen und muss nicht einfach den Entscheid des Bundesrates durchwinken.» Im begleitenden Gremium wirkt auch Hausammann selber mit.

Markus Hausammann, SVP-Kantonsrat und Bauernpräsident. (Bild: Andrea Stalder)

Markus Hausammann, SVP-Kantonsrat und Bauernpräsident. (Bild: Andrea Stalder)

Ab dem 1. Dezember – dann ist er nicht mehr Nationalrat. Der Agroscope-Rat setzt sich aus Vertretern der landwirtschaftlichen Praxis, der Forschung und der Bundesverwaltung zusammen. Mit dem Einbezug der betroffenen Kreise wurde eine Forderung des Parlamentes erfüllt. Hoffnungen, dass Tänikon dadurch einen Vorteil habe, muss er zerstreuen:

«Ich bin nicht in erster Linie Standortvertreter, sondern Vertreter der Landwirtschaft.»

Wie beurteilt er die Chance, dass rund 50 Arbeitsplätze in erhalten bleiben? «Es kommt auf den Output an», sagt der Nationalrat. Wenn Agroscope mit der Swiss Future Farm beim Thema Digitalisierung den Lead im Land übernehme, könne er sich vorstellen, dass sogar neue Arbeitsplätze geschaffen werden. «Das ist aber eine persönliche Beurteilung.»

Er ist optimistisch, dass nach der Reorganisation in der Forschungsanstalt Ruhe einkehrt. «Das gilt zumindest für die Infrastruktur und die Organisationsform.» Die Forschung müsse Antworten auf aktuelle und künftige Fragestellungen der Praxis finden.

Gemperle fordert geschlossenes Auftreten

Josef Gemperle organisierte den Widerstand gegen den Agroscope-Rückzug im Grossen Rat. Den Optimismus teilt der Kantonsrat (CVP) und Landwirt nicht. In einer Stellungnahme schreibt er: Es finde eine schwergewichtsmässige Verlagerung der Agrarforschung von der Deutschschweiz in die Westschweiz statt.

«Das ist aus meiner Sicht absolut inakzeptabel!»
Josef Gemperle, CVP-Kantonsrat. (Bild: Andrea Stalder)

Josef Gemperle, CVP-Kantonsrat. (Bild: Andrea Stalder)

So werde die heute in Tänikon angesiedelte Agrarökonomie nach Posieux verschoben. Gleiches befürchtet er für das Zentrum tiergerechte Haltung. «Das wird zu einem Wissensverlust führen.» Denn: Viele Mitarbeitende seien familiär in der Ostschweiz verankert. Weiter fehlt ihm eine Aussage, was am Thurgauer Standort noch stattfindet.

Gemperle fordert: Die Forschung von Agroscope müsse zurück zu den praktizierenden Landwirten und zur Ernährungswirtschaft. Deshalb brauche es ein geschlossenes Auftreten der Ostschweiz, «um dieses verordnete Sterben in Raten in Tänikon noch zu verhindern».

Lichtblick für Agroscope-Standort Tänikon

Die Wirtschaftskommission des Nationalrats ist einverstanden damit, die landwirtschaftliche Forschung im Gesetz zu verankern. Sie hat einer Motion aus dem Ständerat mit 19 zu 6 Stimmen zugestimmt.