Regio Frauenfeld
«Es geht nicht um Bewegung als Sport, sondern um Alltagsbewegung»: Wie Frauenfeld, Matzingen und Neunforn den Fussverkehr stärken wollen

Die Regio Frauenfeld gehört zu einem von 31 Projekten für eigenständige Fussgängernetzwerke, die der Bund finanziell unterstützt. Sabina Ruff gibt Einblick in konkrete Beispiele in den Pilotgemeinden Frauenfeld, Matzingen und Neunforn und zeigt, wie Fusswege punktuell verbessert werden sollen.

Samuel Koch
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Ein Fussweg entlang der aktuell mitreissenden Murg, der dank Bundesgeldern entwickelt werden soll.

Ein Fussweg entlang der aktuell mitreissenden Murg, der dank Bundesgeldern entwickelt werden soll.

Benjamin Manser

Umwege sind bei Fussgängern alles andere als beliebt. Oft führten sie entlang von Strassen, seien unattraktiv und gefährlich. Das sagt Sabina Ruff, Bereichsleiterin Sozialraum des Frauenfelder Amtes für Kommunikation und Wirtschaftsförderung. «Dabei sollten Fusswege schnell, bequem und explorativ sein», sagt Ruff. Man soll also auf Spaziergängen auch noch etwas entdecken können.

Die Regio mit ihren 15 Gemeinden und der Stadt Frauenfeld als Zentrum hat sich zum Ziel gesetzt, ein eigenes Fusswegnetz zu spannen. Das Hauptaugenmerk liegt dabei zunächst auf den drei Pilotgemeinden Frauenfeld mit speziellem Fokus aufs Quartier Kurzdorf, auf Matzingen und Neunforn, kann aber später bei Interesse für jede andere Regio-Gemeinde übernommen werden.

Die 15 Gemeinden der Regio Frauenfeld.

Die 15 Gemeinden der Regio Frauenfeld.

Bild: Screenshot

Diesem Ziel für ein eigenständiges Fusswegnetz unabhängig des motorisierten Individualverkehrs kommt die Regio Frauenfeld näher durch die Unterstützung des Bundes im Förderprojekt «Mein Weg – unser Netz» für nachhaltige Raumentwicklung. Sabina Ruff, die mit Regio-Geschäftsführerin Judith Janker die Co-Leitung macht, sagt:

«Es geht nicht um Bewegung als Sport, sondern um Alltagsbewegung.»

Über 100 Projekte sind eingereicht worden, die Regio Frauenfeld gehört zu einem von 31 ausgewählten, das bis 2024 mit 120'000 Franken aus Bern unterstützt wird. «Es ist ein Herzensprojekt», sagt Ruff. Die Bevölkerung soll durch eine gebaute Umwelt zur Bewegung angeregt werden, was wiederum der Gesundheit der Menschen zugutekomme.

Vor baulichen Massnahmen gibt es Gespräche

Die Bundesgelder fliessen aber nicht in bauliche Massnahmen, sondern primär in Planungsarbeiten, die laut Sabina Ruff vor allem mit der fachlichen Unterstützung für die Gemeinden und die Sensibilisierung zu tun haben. Ruff sagt:

«Es geht um viel mehr als nur um schöne Fusswege.»
Sabina Ruff, Bereichsleiterin Sozialraum beim Frauenfelder Amt für Kommunikation und Wirtschaftsförderung.

Sabina Ruff, Bereichsleiterin Sozialraum beim Frauenfelder Amt für Kommunikation und Wirtschaftsförderung.

Bild: Kevin Roth

Es gehe darum, die Bevölkerung abzuholen, gemeinsam theoretische Grundlagen zu schaffen und die Mitmenschen als Experten in ihrem Lebensumfeld zu befragen. Wie bewegte sich die Bevölkerung im Dorf, früher und heute? Wo gibt es verborgene Wege? Wo gibt es Hindernisse, wie plötzlich endende Fusswege oder gefährliche Übergänge?

Antworten auf diese Fragen sollen an gemeinsamen Spaziergängen oder an Workshops gefunden werden, die in Matzingen und Neunforn bereits stattgefunden haben. «Zum Auftakt arbeiteten wir bereits mit Schlüsselpersonen und haben so wertvolle Erkenntnisse gewonnen», sagt Ruff. Diese Schlüsselpersonen kamen aus Gemeinderäten, Schulgemeinden, Lehrern, aber auch aus Seniorenverbänden oder Sportvereinen, eine kunterbunte Mischung also. «Hauptsächlich interessieren sich die Projektverantwortlichen aber für die Bevölkerung mit ihren Gewohnheiten in ihrer Lebenswelt», sagt sie.

Strassen und Gleise mit starkem Trennungscharakter

In Matzingen sind beispielsweise die bestehenden Fusswege entlang der Murg nicht durchgängig. Ausserdem trennt die Frauenfeld-Wil-Bahn das Dorf im Murgtal. «Sie gilt als Zug und hat deshalb zusammen mit der Hauptstrasse einen starken Trennungscharakter», sagt Ruff. In Frauenfeld hingegen ist das Wiler-Bähnli als Tram deklariert und so von Fussgängern grundsätzlich auch abseits der Übergänge zu passieren.

In Frauenfeld liegt der Fokus auf dem Kurzdorf mit einem Dorfcharakter, sagt Ruff. Ein bestehender Fussweg im Sonnmatt endet kurz vor einer unverbauten Wiese mit einem Zaun. «Da wollen wir auch mit Liegenschaftseigentümern schauen, was möglich ist», sagt Ruff. Ein anderer Bereich liegt am Ufer der Murg, dessen Zugang die Bevölkerung bereits in den Cafés des Visions als Wunsch geäussert und die Stadt mittlerweile mit der Murgraum-Aufwertung angepackt hat.

Fussgängerüberführung über die Murg zwischen Schlosspark und Schlossmühlestrasse.

Fussgängerüberführung über die Murg zwischen Schlosspark und Schlossmühlestrasse.

Bild: Andrea Stalder

Vorbeugen vor Krebs, Diabetes und Atemwegerkrankungen

Für ein funktionierendes Fusswegnetz zeigen beim Bund vor allem das Bundesamt für Gesundheit sowie das Bundesamt für Strassen (Astra) grosses Interesse, bezüglich der naheliegenden Themen Gesundheit und Mobilität. Insgesamt fliessen bis ins Jahr 2024 knapp 4 Millionen Franken in diese schweizweit sogenannten Modellvorhaben für nachhaltige Raumentwicklung. «Es geht darum, das Bewegungsverhalten zu fördern und nichtübertragbaren Krankheiten wie Krebs, Diabetes oder Atemwegerkrankungen vorzubeugen», erklärt Ruff, die zu diesen Themen oft an Tagungen des Bundes oder an Schweizer Hochschulen referiert.

Bis Ende 2022 sollen die Planungsarbeiten in den Gemeinden fertig sein, die Erkenntnisse für ein Fusswegnetz vorliegen. Dann geht es in den einzelnen Gemeinden an die Umsetzung, was über die ordentlichen Gemeindebudgets finanziert werden soll, wie Ruff sagt. Das ist aber Zukunftsmusik. Jetzt geht es um Ideen und Anregungen aus der ganzen Bevölkerung. Denn Fusswege sollen keine Umwege, nicht unattraktiv und gefährlich sein, sondern schnell, bequem und explorativ.

Kinder bewegen sich in Frauenfeld über die bestehenden Fusswege entlang der Murg.

Kinder bewegen sich in Frauenfeld über die bestehenden Fusswege entlang der Murg.

Bild: PD