Trockenheit wird zum Problem: Die Ostschweiz wartet auf einen Dauerregen

Die Frühlingstrockenheit zeigt sich bei fast allen Flüssen in der Ostschweiz. Die Gemüseproduzenten müssen fleissig bewässern.

Sebastian Keller und Christoph Zweili
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Die Schotterbänke sind ein Indiz für einen tiefen Wasserstand: Hier die Thur bei Weinfelden.

Die Schotterbänke sind ein Indiz für einen tiefen Wasserstand: Hier die Thur bei Weinfelden.

Andrea Stalder

Im Januar war es augenfällig: Thur, Murg und Co. führten ungewöhnlich wenig Wasser. Die Situation ist Mitte April kaum anders, wie ein Blick auf das Wasserportal der Kantone Thurgau-Schaffhausen zeigt. Der Pegel der Murg bei Fischingen liegt im Bereich von 5 bis 25 Prozent des langjährigen Tagesmittelwertes. Gleiches gilt für die Thur bei Eschikofen oder den Giessen bei Bürglen. Heinz Ehmann leitet die Abteilung Gewässerqualität und –nutzung beim Kanton. Er sagt:

«Grundsätzlich haben wir im ganzen Kanton Trockenwasserstände.»

Das sei dem seit Wochen fehlenden Niederschlag geschuldet. Alarmierend sei die Situation nicht. Und doch wird sie beobachtet. «Nun beginnt die Bewässerungszeit in der Landwirtschaft, wir müssen darauf achten, dass die Oberflächengewässer nicht übernutzt werden.» Gemeint sind Seen, Weiher, Bäche und Flüsse.

Ein Wasserentnahmeverbot – wie es 2018 für fast fünf Monate galt – sei derzeit noch kein Thema. «Doch bei Fliessgewässern kann jetzt nur eine Phase mit anhaltendem Dauerregen einen nachhaltigen Wiederanstieg der Pegel bewirken», sagt Ehmann.

In der Region Weinfelden ist der Grundwasserträger gut gefüllt

Der Thurtal-Grundwasserleiter ist eine zentrale Säule in der Trinkwasserversorgung. «In der Region Weinfelden haben wir einen gut gefüllten Grundwasserträger.» So liegt der Grundwasserstand beim Messpunkt «KVA Weinfelden» im Bereich von 75 bis 95 Prozent des langjährigen Tagesmittelwertes.

Vorsicht beim Umgang mit Feuer und Rauchwaren

(red) Wegen der anhaltenden Trockenheit wird die Waldbrandgefahr im Kanton Thurgau neu als erheblich – was der Stufe drei von fünf entspricht – eingestuft. Wie das kantonale Forstamt in einer Mitteilung schreibt, sei im Umgang mit Feuer im Wald und am Waldrand grösste Vorsicht geboten. Das Feuern ist nur noch auf befestigten Feuerstellen erlaubt. Zudem soll bei starkem Wind ganz auf das Feuern im Wald verzichtet werden. Von einem absoluten Feuerverbot, wie es etwa der Kanton Graubünden ausgerufen hat, ist derzeit noch keine Rede. 

Beim Messpunkt Grueben in Felben liegt er unter fünf Prozent. Andernorts im Raum Frauenfeld liegt er zwischen fünf und 25 Prozent. Ehmann sagt: «Dort sind die kurzfristigen Schwankungen deutlich grösser.»Nach einem intensiveren Regen könne sich die Situation rasch entspannen.

Hoffen auf Landregen: «Der Natur täte es gut»

Kopfsalat, Weisskabis, Bohnen, Gurken: Das ist eine Auswahl dessen, was Hans Ott in Basadingen anbaut. Die Trockenheit sei noch kein Problem, sagt der Präsident der Gemüseproduzenten-Vereinigung Thurgau und Schaffhausen. «Wir können überall bewässern, müssen aber auch mehr bewässern.» Geregnet hat es in seinem Dorf auch: in der Nacht auf Dienstag 17Millimeter. Dennoch hofft Ott auf einen Landregen.

«Der Natur täte es gut.»

Mehr Kummer bereiten den Produzenten die kalten Nächte. «Wenn es deutlich unter null Grad geht, können Schlag- oder Frostschäden die Folge sein.» Selbst bei abgedeckten Kulturen. Das Pendeln zwischen Frostnächten und warmen Tagen beeinflusst die Entwicklung der Kulturen. Ott sagt:

«Wir sind nicht voraus.»

So kurbelt die Sonne zwar das Wachstum an, aber die frostigen Nächte und die Bise bremsen wieder.

Ralph Gilg, Präsident des Thurgauer Obstverbandes.

Ralph Gilg, Präsident des Thurgauer Obstverbandes.

(Bild. Kbr)

Ralph Gilg schneidet Kirschbäume, als er den Anruf entgegennimmt. Der Präsident des Thurgauer Obstverbandes wohnt in Fruthwilen. Er weiss von Betrieben, die mit Frost zu kämpfen hatten. Das führte zu Ausfällen bei Aprikosen.

Die Trockenheit sei für Jungbäume ein Problem. «Wir müssen darauf achten, dass sie ausreichend Wasser bekommen», sagt Gilg. Ältere kommen dank ihres Wurzelwerkes an Wasser.

Das sonnige und warme Wetter bringe im Obstbau weitere Vorteile. «Wir kommen mit weniger Fungiziden durch.» Die unerwünschten Pilze wachsen weniger rasch. «Auch der Bienenflug ist super.» Die Befruchtung der Birnen-, Kirsch- und Zwetschgenblüten komme gut voran. Auf eine Ernteprognose angesprochen sagt Gilg: «Die Sonne ist in der Frucht.» Die Chancen auf süsse Früchte stehen also nicht schlecht.

Kanton St.Gallen: In kleinen Bächen bald Notabfischungen nötig

Kleine Gewässer wie die Goldach und die Steinach führen im Kanton St.Gallen aktuell sehr wenig Wasser. Die Niederschläge in der Nacht von Ostermontag auf Dienstag wirkten sich zwar kurzfristig positiv aus, sind aber bereits wieder verpufft. Andreas Herold vom Amt für Wasser und Energie im Kanton St.Gallen sagt:

«Der übliche Schneepuffer fehlt.»

Die übliche Trockenheit beginnt immer früher, weil es den abschmelzenden Schnee nicht mehr gibt. Die Prognose des Abteilungsleiters: Weil in den nächsten Tagen kaum mit Niederschlägen zu rechnen ist, werden die Abflussmengen in den kleinen Bächen weiter zurückgehen.

Wegen der Trockenheit ist mit Notabfischungen zu rechnen. Die Fischerei hat die Augen offen: Auch die über den Winter aufgezogenen Jungfische können nicht mehr überall ausgesetzt werden. Mittlere Gewässer wie der Rheintaler Binnenkanal, die Thur und die Sitter führen im Moment auch wenig Wasser, leiden aber noch nicht unter der Trockenheit: «Noch kommen die Fische da gut über die Runden», sagt Herold.

«Nicht noch einmal ein Futterjahr wie 2018 erleben»

Unter der Trockenheit gelitten haben auch die Böden. «Aber dramatisch ist es hier noch nicht», sagt Christoph Gämperli vom Landwirtschaftlichen Zentrum St.Gallen in Flawil. Die Region ist bekannt für ihre ertragreichen Naturwiesen. Die Ostschweizer Landwirte hätten traditionell ein gutes Fachwissen, wie man eine Naturwiese pflegen muss, damit Qualität und Quantität für die Fütterung der Tiere stimmen. Aber auch die Natur müsse das ihre dazu beitragen.

Fehle die Bodenfeuchtigkeit, seien empfindliche Ertragseinbussen für die Futterbauer zu erwarten. Bis zum ersten Schnitt der Wiesen dauert es laut Gämperli keinen Monat mehr.

«Damit Substanz gebildet werden kann, bräuchte es nun tatsächlich Wasser. Es bleibt nur zu hoffen, dass wir nicht noch einmal ein so schlechtes Futterbaujahr wie 2018 erleben.»

Gämperli vertraut darauf, dass die Landwirte «die richtigen Schlüsse» aus dem Trockenjahr 2018 gezogen haben und im sehr guten Raufutterjahr 2019 mehr Vorräte angelegt haben, als das in den Jahren vor 2018 üblich war.

Entnahmen aus Fliessgewässern werden eingeschränkt

Bei den bewässerten Kulturen – im Kanton St.Gallen sind das vor allem die Gemüsebauern im Seez- und Rheintal und der Linthebene – haben alle Bauern seit Jahren eine Bewässerung. Nach dem Hitzesommer 2003 wurde im Kanton St. Gallen die landwirtschaftliche Bewässerung aus Oberflächengewässern an vielen Orten verboten. Stattdessen wurden Grundwasserfassungen erstellt.

Nach dem Hitzesommer 2018 wurde die Situation neu überprüft: Ab dem Sommer 2020 sind die Wasserentnahmen aus Fliessgewässern nun noch weiter eingeschränkt. Es wurden weitere Grundwasserbrunnen erstellt. Auch beim Grundwasser ist die aktuelle Situation noch nicht dramatisch, wie es vonseiten des Kantons heisst. Somit hat auch die Wasserversorgung, die sich in den letzten Jahrzehnten stark vernetzt hat, noch keine Probleme.

Der Spiegel des Bodensees entspricht dem saisonalen Durchschnitt, nachdem er lange überdurchschnittlich hoch war für die Jahreszeit und dann wieder gesunken ist. Da in den Alpen nur wenig Schnee liegt – unter 1700 Meter über Meer ist er bereits geschmolzen – rechnet Herold im Sommer «mit einem eher tiefen Wasserstand».

Feuerverbot erlassen

Im Kanton St.Gallen besteht mässige Waldbrandgefahr. Ein lokales Feuerverbot im Wald und in Waldesnähe haben erlassen: Pfäfers, Bad Ragaz, Mels, Vilters-Wangs, Sargans, Flums, Walenstadt, Quarten, Amden, Weesen, Wartau, Sevelen, Grabs, Buchs, Gams, Sennwald, Degersheim, Flawil, Gossau und die Stadt Wil. (cz)