«Korrekt verhalten»: Das Bezirksgericht Münchwilen beurteilt einen Unfall zwischen Aadorf und Ettenhausen ganz anders als die Staatsanwaltschaft

Die Kollision eines Skateboarders mit einem 81-jährigen Velofahrer landete vor dem Bezirksgericht Münchwilen.

Olaf Kühne
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Der Ort des Geschehens: Gelbe Piktogramme weisen den Benutzern des Rad- und Fussweges zwischen Aadorf und Ettenhausen ihre Seiten zu.

Der Ort des Geschehens: Gelbe Piktogramme weisen den Benutzern des Rad- und Fussweges zwischen Aadorf und Ettenhausen ihre Seiten zu.

(Bild: Olaf Kühne)

Um nach einem Verkehrsunfall vor Gericht zu stehen, bedarf es keines PS-starken Boliden. Für einen 23-jährigen Hinterthurgauer reichten ein Skateboard und eine unklare Situation auf einem Veloweg.

An einem Sonntagmittag im Frühling vor zwei Jahren war der Mann auf seinem Rollbrett unterwegs von Aadorf nach Ettenhausen – auf dem von der Strasse separierten, aber ziemlich schmalen Velo- und Fussweg. Als ihm ein damals 81-jähriger Velofahrer entgegenkam, habe er versucht zu erkennen, auf welche Seite des Weges der Fahrradfahrer ausweichen würde, erklärte der Skateboardfahrer am Bezirksgericht Münchwilen. Dies sei ihm aber nicht gelungen, weshalb er schliesslich nach links in die Wiese ausgewichen sei.

Weil sich dabei die Arme der «Kontrahenten» dennoch leicht touchierten, stürzte der Velofahrer und zog sich dabei zahlreiche Verletzungen zu: Prellungen und Schürfungen, Nasenbein und Halswirbel gebrochen sowie ein leichtes Schädelhirntrauma. «Niemand ist schuld, es war eine Ausnahmesituation», sagte der Angeklagte.

Strafbefehl wegen Körperverletzung

Dies sah die Staatsanwaltschaft hingegen ganz anders und wollte den jungen Mann mittels Strafbefehl wegen fahrlässiger Körperverletzung zu Busse, Geldstrafe und Verfahrenskosten von gesamthaft 2574 Franken verurteilen. Der Beschuldigte erhob dagegen Einspruch, der Fall landete vor Gericht.

Dort hätte er gemäss seiner Verteidigerin indes gar nicht landen dürfen. Hatte doch der Geschädigte im Rahmen einer polizeilichen Befragung drei Wochen nach dem Unfall formell auf einen Strafantrag verzichtet. Weil sich der junge Mann nach der Kollision vorbildlich um ihn gekümmert und sofort die Ambulanz gerufen habe.

Acht Wochen später hatte der Anwalt des Velofahrers dennoch einen Strafantrag gestellt. Dies war nach dem formellen Verzicht nur möglich, weil die Staatsanwaltschaft – laut der Meinung der Verteidigerin – im Nachhinein aus einem sogenannten Antragsdelikt ein Offizialdelikt «konstruiert» hatte.

Dazu bedurfte es einer «schweren Schädigung» des Opfers, welche laut gängiger Rechtsprechung unter anderem dann vorliegt, wenn jemand beispielsweise mindestens zwei Jahre arbeitsunfähig bleibt. Tatsächlich habe im Austrittsbericht des Spitals gestanden, zitierte die Verteidigerin den ärztlichen Bericht, dass der alte Mann die Unfallfolgen sicher noch «ein bis zwei Jahre spüren werde». Daraus nun eine zweijährige Arbeitsunfähigkeit herzuleiten, sei reichlich absurd, ganz abgesehen davon, dass Verletzungen bei älteren Menschen generell viel langsamer heilen.

Akribische Urteilsbegründung

Dass das Bezirksgericht Münchwilen den jungen Mann schliesslich freisprach, lag indes nicht in dieser Kontroverse begründet. Vielmehr setzten sich die Richterinnen und Richter in ihrer 15-seitigen und gar illustrierten Urteilsbegründung akribisch mit der Frage auseinander, wer sich auf dem konkreten Velo- und Fussweg wie zu verhalten hat. Dies taten zuvor, im Laufe des Prozesses, auch die Verteidigerin des Skateboarders und der Anwalt des Velofahrers.

Dass sie dabei zu ganz unterschiedlichen Resultaten gelangten, liegt wohl in der Natur der Sache. Erschwerend kam hinzu, dass es verschiedene Velowege und Fusswege mit verschiedenen Signalisationen und Markierung gibt – und eben, wie im verhandelten Fall, auch einen «Gemeinsamen Rad- und Fussweg».

In seiner Urteilsbegründung schreibt das Bezirksgericht: «Sowohl die Kantonspolizei als auch die Staatsanwaltschaft gingen jedoch irrtümlicherweise davon aus, dass sich die Kollision zwischen dem Einsprecher und dem Privatkläger auf einem Radweg ereignete.»

Weil aber ein Skateboarder – rechtlich gesehen – ein Fussgänger ist, habe sich der Angeklagte korrekt verhalten, indem er auf der von ihm aus gesehen linken Seite blieb und zur Kollisionsvermeidung auch nach ganz links in die Wiese auswich.

Aufgrund des vollumfänglichen Freispruchs trägt der Staat die Verfahrenskosten von 2700 Franken sowie die Kosten der Verteidigung von über 12000 Franken – vorerst, denn das Urteil ist nicht rechtskräftig, der Anwalt des Velofahrers hat Rekurs angemeldet.