Rastlos, vielseitig und kaum beachtet: Die Gemeinnützige Gesellschaft Diessenhofen beleuchtet das Phänomen Adolf Ott

Der gelernte Diessenhofer Zimmermann Adolf Ott war ein begabter Zeichner und ein Pionier in Sachen Kultur. Bis zum 25. Oktober zeigt die Ausstellung «Mit Pinsel und Papier dem Leben hinterher» sein Schaffen in der Tigerfinklifabrik.

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Einblick in die Ausstellung über Adolf Ott.

Einblick in die Ausstellung über Adolf Ott.

Bild: PD

(red) Der Mann war ein Phänomen. Und trotzdem wird er kaum beachtet. Die Rede ist von Adolf Ott, den die Gemeinnützige Gesellschaft Diessenhofen in einer Ausstellung – «Mit Pinsel und Papier dem Leben hinterher» – in der Tigerfinklifabrik würdigt. Die Schau dauert noch bis Sonntag, 25. Oktober. Kuratiert wurde sie von Kunsthistoriker Fritz Franz Vogel.

Fritz Franz VogelKurator

Fritz Franz Vogel
Kurator

Ott (1909 bis 1998) entstammt der kinderreichen Ott-Familie, die um 1911 von Basadingen nach Diessenhofen zieht. Als gelernter Zimmermann mit zeichnerischem Talent studiert er Ästhetik im Fernkurs. Mit 21 fragt er den arrivierten Schweizer Maler Cuno Amiet, ob sein Talent etwas tauge. Amiet bescheinigt Ott in einem Brief dessen Talent und meint, dass er doch Häuser bauen und diese dann allenfalls mit Fresken und Mosaiken schmücken soll – eine moderne Auffassung einer Balance von Broterwerb und künstlerischer Freiheit.

Besucher können auf originalen Klappstühlen sitzen

Mitte der 1930er-Jahre bildet sich Ott in Architektur weiter und belegt Kurse im Aktzeichnen an der Zürcher Kunstgewerbeschule. Sein ganzes Leben pendelt er täglich hin und her zwischen angewandter Architektur und freier künstlerischer Praxis. In der Ausstellung kann man auf originalen Klappstühlen und Prototypen sitzen, deren Mechanik Ott patentieren liess. Er wusste um seinen Tüftlergeist. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg publiziert er in der schweizerischen Zimmermannszeitung eine Vielzahl von Fachartikeln zum Hausbau.

Originale Klappstühle von Adolf Ott.

Originale Klappstühle von Adolf Ott.

Bild: PD

Zu den Spezialitäten Otts zählen die in Skizzenheften vor allem in den 1950er- und 60er-Jahren auftauchenden Autos in den Innenstädten, den heutigen Fussgängerzonen. Ott hat, kunsthistorisch einmalig, einen dokumentarischen Werkkorpus am Beginn der individuellen Mobilität geschaffen, der seinen fotografischen Blick offenbart.

In den frühen 1970er-Jahren war der Abstinenzler, Nichtraucher und Vegetarier auch ein Pionier in Sachen Kultur. Er führte eine Galerie im Oberhof. Die sehenswerte Ausstellung gibt einen erst- und einmaligen Überblick zu diesem rastlosen Zeitgenossen des 20. Jahrhunderts, der schon längst in die Kulturgeschichte des Kantons gehörte, wenn er denn nicht erneut als randständig verunglimpft würde. Der Kanton Thurgau hat einen Kredit an die umfangreiche Publikation verweigert, weil Ott angeblich nur lokal von Bedeutung sei.

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