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Interview

Psychotherapeutin: «Auf eine anorektische Mutter kann man sich verlassen – aber sie braucht therapeutische Hilfe bei der Erziehung»

Die Psychotherapeutin Veronica Defièbre hat Erfahrung mit magersüchtigen Müttern. Am Spital Affoltern hat sie unter anderem in der Mutter-Kind-Abteilung gearbeitet. Sie ist in einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Praxis in Thalwil tätig.
Ida Sandl
Die Psychotherapeutin Veronica Defièbre hat mit magersüchtigen Müttern gearbeitet. (Bild: PD)

Die Psychotherapeutin Veronica Defièbre hat mit magersüchtigen Müttern gearbeitet. (Bild: PD)

Ist die Anorexie der Mutter gefährlich für das Kind?

Veronica Defièbre: Für Kinder, vor allem Mädchen, ist die Mutter ein Vorbild. Sie wollen so sein wie sie. Das birgt die Gefahr, dass die Tochter ein ähnliches Essverhalten wie die Mutter entwickelt. Es muss keine ausgeprägte Essstörung werden, aber es kann. Die Tochter sieht, wie dünn die Mutter ist, und möchte auch so sein.

Passiert dieses Nachahmen unbewusst?

Ja, es passiert unbewusst und ohne, dass die Mütter dies wollen. Sie möchten ja das Beste für ihr Kind.

Ist das ein Grund, der magersüchtigen Mutter das Sorgerecht wegzunehmen?

Das würde ich generell nicht so sehen. Anorektische Frauen haben einen hohen Perfektionsanspruch. Sie wollen alles im Griff haben. Das heisst, dass sie sehr verantwortungsbewusst und zuverlässig sind. Ich hätte keine Bedenken, dass eine anorektische Mutter ihr Kind gut betreut. Im Gegenteil, man kann sich auf sie verlassen. Das ist nicht das Problem.

Wie gross ist die Gefahr, dass die Tochter das Essverhalten der Mutter kopiert?

Das ist sehr stark von den jeweiligen Betroffenen abhängig. Es kommt darauf an, wie gut sich das Kind von der Mutter abgrenzen kann und ob es genug alternative Bezugspersonen gibt.

Ist Abgrenzung bei einem kleinen Kind überhaupt möglich?

Sicher nicht ohne Hilfe. Ganz wichtig ist auch eine therapeutische Begleitung des Kindes, bei welcher es im Umgang mit der Mutter und ihrer Erkrankung unterstützt werden kann.

Wie müsste das ideale Umfeld aussehen?

Wichtig ist, dass das Kind auch Umgang mit anderen Menschen als der anorektischen Mutter hat. Sei es der Vater oder sonst Menschen, die dem Kind eine andere Art von Umgang mit Essen und dem eigenen Körper vorleben können.

Ist eine Fremdbetreuung besser fürs Kind als eine anorektische Mutter?

Das würde ich so nicht sagen, wir haben auf der Mutter-Kind-Abteilung durchaus positive Erfahrungen mit anorektischen Müttern gemacht. Die Mütter waren jedoch alle therapeutisch betreut.

Spielt es eine Rolle, ob die Mutter zu ihrer Krankheit steht?

Es hilft natürlich, wenn die Mutter einsichtig ist und zu ihrem gestörten Essverhalten steht. Dann kann sie auch bewusster damit umgehen und besser Gegensteuer geben.

Und wenn nicht, schliesst das die Betreuung ihres Kindes aus?

Aus meiner Sicht nicht. Die therapeutische Begleitung wäre in diesem Fall aber noch wichtiger.

Sind die Behörden bei magersüchtigen Müttern strenger als etwa bei stark übergewichtigen? Auch da lernen die Kinder falsches Essverhalten.

Das kann man nicht eins zu eins vergleichen. Anorexie ist eine schwere psychische Erkrankung, die lebensbedrohlich werden kann. Das sitzt sehr tief. Bei Adipositas geht es mehr um Verhaltensmuster, die geändert werden müssen, falls nicht eine körperliche Erkrankung die Ursache ist.

Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind einer anorektischen Mutter magersüchtig wird?

Das kann man nicht sagen. Wenn Mutter und Kind gut begleitet werden, muss das Kind später keine psychischen Störungen entwickeln.

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