Psychiatrie
«Tätertherapie ist Opferschutz»: Die Psychiatrische Klinik Münsterlingen braucht mehr Platz für psychisch kranke Straftäter

Der geschlossene Bereich wird für 7,5 Millionen Franken um eine dritte Station erweitert. Statt 28 wie bisher können künftig 46 Klienten untergebracht werden.

Thomas Wunderlin
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Der forensische Bereich wird um das Haus J (im Hintergrund) erweitert. Direktor Ralf-Peter Gebhardt, Bereichsleiter Christian Benz.

Der forensische Bereich wird um das Haus J (im Hintergrund) erweitert. Direktor Ralf-Peter Gebhardt, Bereichsleiter Christian Benz.

Bild: Kevin Roth

Auffällig sind die vergitterten Balkone und die Panzerglasfenster. Dazu kommen Videokameras im Innern und eine Sicherheitsschleuse am Eingang. Sonst unterscheidet sich das Haus C nicht von den benachbarten Gebäuden der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen.

1893/94 wurde es für «unruhige Frauen» erbaut. Heute werden darin psychisch kranke Straftäter behandelt. Haus C enthält zwei sogenannte forensische Stationen mit je 14 Plätzen. Alle sind zurzeit belegt, alle von Männern.

Da das forensische Angebot schweizweit zu knapp ist, hatte die Psychiatrische Klinik Münsterlingen den forensischen Bereich bereits 2015 auf die jetzigen 28 Plätze verdoppelt. Nun folgt ein weiterer Ausbau.

Das Bundesamt für Justiz übernimmt rund einen Drittel der Kosten von 7,5 Millionen Franken. Damit wird das benachbarte Haus J umgebaut. Die ersten Arbeiten haben diesen Monat begonnen. Anfang 2022 soll der Umbau fertig sein.

Auch andere Kliniken bauen forensisches Angebot aus

Im Haus J wird die dritte forensische Station mit weiteren 18 Plätzen eingerichtet. Die Häuser C und J erhalten eine gemeinsame Eingangsloge, die rund um die Uhr besetzt ist. Die bisher im Haus J untergebrachte Station für frühe Psychosen ist in einen Container auf dem Klinikareal ausgelagert. Für die weitere Stationsrochade ist ein Neubau anstelle der ehemaligen Pathologie geplant.

Wie Ralf-Peter Gebhardt, Spitaldirektor der Psychiatrischen Dienste, erläutert, bauen auch andere Schweizer Kliniken ihr forensisches Angebot aus:

«Die Forensik senkt das Rückfallrisiko für einschlägige Straftäter.»

Das sei durch zahlreiche Studien belegt. Christian Benz, der seit dem 1. Februar den Bereich Forensik leitet, bekräftigt:

«Tätertherapie ist Opferschutz.»

Da weitere Straftaten verhindert würden, sei es eine kostengünstige Massnahme. Ein typischer Klient leidet laut Benz an Schizophrenie: «Mit Medikamenten kann man ihn gut stabilisieren und behandeln.» Diese Klienten haben in der Regel Gewaltdelikte begangen – auch Tötungen. Das Gericht hat sie als schuldunfähig erklärt oder verminderte Schuldfähigkeit zuerkannt.

In Münsterlingen gilt ein mittleres Sicherungsniveau. Hochgefährliche psychisch kranke Täter kommen nicht hierher; für sie gibt es in der zürcherischen Klinik Rheinau einen Hochsicherheitstrakt.

Die Bewohner von Haus C können hinter Gittern Basketball spielen.

Die Bewohner von Haus C können hinter Gittern Basketball spielen.

Bild: Kevin Roth

Im forensischen Bereich arbeiten Therapeuten unterschiedlicher Richtungen zusammen. «Das Spezielle ist die deliktspezifische Behandlung», sagt Gebhardt. Das bedeutet Zusammenarbeit mit der Justiz, eine regelmässige Einschätzung der Gefährlichkeit und eine Therapie mit dem Ziel der Entlassung.

Durch den Ausbau des forensischen Bereichs steigt die Zahl der Mitarbeiter von 50 auf 80. Sie werden sich 63 Vollzeitstellen teilen anstelle von 38,5 wie heute.

Während im Haus C Doppelzimmer die Regel sind, wird es im Haus J elf Einzel- und vier Doppelzimmer geben. Laut Gebhardt werden alle Anforderungen erfüllt, die auch für Gefängniszellen gelten. So beträgt die Grundfläche der Einzelzimmer zwischen 16 und 24 Quadratmeter.

Die Erweiterung soll es ermöglichen, ein differenziertes Therapieangebot zu schaffen mit verschiedenen Lockerungsstufen bis hin zur Entlassung und Nachbetreuung.

In Zukunft auch Frauen und Insassen von Strafanstalten

Dank der zusätzlichen Einzelzimmer sollen auch Frauen aufgenommen werden können. Dies wäre schon bisher möglich gewesen, kam aber kaum vor, da es gleich zwei Frauen gleichzeitig hätten sein müssen, wie Gebhardt erklärt. Sie hätten ein Doppelzimmer beziehen können. Eine geschlechtergemischte Belegung ist nicht vorgesehen.

Es werden auch Insassen von Strafanstalten aufgenommen, die sich in einer psychischen Krise befinden. Für sie wird ein Isolierzimmer gebaut, in dem sie getrennt von den übrigen Hausbewohnern untergebracht werden können.