Interview

Präsidentin der Thurgauer Frauenzentrale zum Tag der Frau: «Das Denken muss sich gewaltig ändern.»

Die Präsidentin der Frauenzentrale Thurgau sagt, wo es punkto Gleichstellung von Frau und Mann hapert. Sorgen bereitet ihr die unsichere Finanzierung der Infostelle Frau+Arbeit, die das Herzstück der Organisation bildet.

Sebastian Keller
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Die Frauenfelderin Annina Villiger ist Präsidentin der Frauenzentrale Thurgau. (Bild: Reto Martin)

Die Frauenfelderin Annina Villiger ist Präsidentin der Frauenzentrale Thurgau. (Bild: Reto Martin)

Annina Villiger präsidiert seit drei Jahren die Frauenzentrale Thurgau. Die Dachorganisation versteht sich als Drehscheibe für Anliegen von Frauen. Villiger hat Wirtschaft studiert; sie unterrichtet das Fach Teilzeit an der Kanti Frauenfeld. Die Frauenfelderin ist Mutter von drei erwachsenen Kindern.

In der Thurgauer Regierung sind die Frauen in der Mehrheit. Die Hälfte der Vertretung des Thurgaus im Bundeshaus ist weiblich. Alles im Lot.

Annina Villiger: Es ist tatsächlich super, dass der Thurgau mit solchen Meldungen Schlagzeilen macht. Doch mit der Frauenmehrheit ist der Thurgau im Kantonsvergleich in der Minderheit.

Nun stecken wir in einer Wahlkaskade: Im Herbst sind eidgenössische Wahlen, im Frühling Grossratswahlen. Was sind Ihre Erwartungen?

Mit der nationalen Bewegung «Helvetia ruft» werden Frauen zur Kandidatur ermutigt. Das ist sehr zu begrüssen. Doch das Problem ist gesellschaftlicher Natur: Wenn eine Frau kandidiert, wird sie nicht selten gefragt: «Wieso willst du das auch noch machen?» Männer werden das fast nie gefragt. Deshalb wünschte ich mir, dass auch Männer Frauen zu einer Kandidatur ermuntern. Doch nicht nur die Politik ist eine Baustelle, sondern auch die Wirtschaft.

Wie meinen Sie das?

Schauen Sie, der Gleichstellungsartikel ist bald 40 Jahre alt. Und doch ist die Gleichberechtigung in vielen Bereichen nicht Realität. Ein Beispiel: Frauen sind heute top ausgebildet, aber sobald sie ein Kind bekommen, sind sie raus aus der Arbeitswelt. Und damit für die Volkswirtschaft verloren. Deshalb befürworte ich Quoten.

Was bringen Quoten?

Sie würden Toleranz und Bewusstsein in den Unternehmen schärfen. Zum Beispiel dafür, dass junge Mütter gewisse Freiräume bei der Arbeit brauchen. Ich finde, jede Frau soll arbeiten können, wenn sie kleine Kinder hat. Natürlich nur, wenn sie will.

Dafür gibt es ja Kindertagesstätten.

Doch diese fressen häufig den Verdienst auf, den eine Frau mit einer Teilzeitstelle erwirtschaften kann. Ich finde, die Gesellschaft sollte diese finanzieren. Das brächte einen volkswirtschaftlichen Nutzen: Frauen wären nicht so lange vom Arbeitsmarkt abwesend, Stichwort Fachkräftemangel.

Staatlich finanzierte Kitas, das ist heute eine Utopie. Greifbarer ist ein zweiwöchiger Vaterschaftsurlaub.

Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber zwei Wochen sind das absolute Minimum. Eine Elternzeit, welche Eltern aufteilen können, wäre besser. Doch das Problem ist damit nicht gelöst. Viele Männer tun sich schwer, ihr Pensum nur schon auf 80 Prozent zu reduzieren, um einen Tag die Kinder zu betreuen. Im Denken muss sich gewaltig etwas ändern.

Auf der Webseite der Frauenzentrale ist zu lesen, es gebe noch viel zu tun. Was?

Ein Problem ist die schlechte Entlöhnung in typischen Frauenberufen. Damit meine ich Kleinkinderzieherinnen oder Pflegefachfrauen; allgemein Berufe, die unter Care-Arbeit fallen. Es ist unverständlich, dass in diesen gesellschaftlich wichtigen Arbeiten die Löhne tief sind. Ganz grundsätzlich wird die Arbeit von Frauen auch in anderen Berufen als weniger wertvoll eingeschätzt und entsprechend schlechter bezahlt. Das ist Diskriminierung.

Sind das auch Themen, mit denen sich die Infostelle Frau+Arbeit beschäftigt?

Ja. Es geht auch um Probleme bei der Arbeit wegen Schwangerschaft oder um sexuelle Übergriffe. Um nur zwei Themen zu nennen. Vielfach kennen die Frauen ihre Rechte nicht. Die Infostelle berät, klärt auf und hilft bei Umsetzung oder Geltendmachung der Rechte.

Wie entwickelt sich die Nachfrage?

Sie ist seit Jahren steigend. 2018 wurden über 1200 Frauen und Männer aus den Kantonen Thurgau, St. G allen und Appenzell Ausserrhoden beraten.

Doch die Infostelle steht auf der Kippe, weil der Bund seinen Beitrag gestrichen hat. Zu Recht, wie das Bundesverwaltungsgericht geurteilt hat.

Das Gericht hat sich nur dazu geäussert, dass der Bund seinen Beitrag für 2018 kürzen durfte. Zur Frage, ob er gar keine Beiträge mehr sprechen darf, hat sich das Gericht leider nicht geäussert. Fakt ist: Damit fehlen uns jährlich 100 000 Franken. Diese versuchen wir, anderweitig aufzutreiben. Dafür haben wir den «Club der 500» lanciert: Wenn uns 500 Personen jährlich 200 Franken zusichern, können wir die Infostelle weiterführen. Zum Glück haben die Kantone ihre Beiträge aufgestockt.

Wie läuft die Spendensuche?

Ich sage es mal so: Die fehlenden 70 Prozent werden schwieriger aufzutreiben sein, als die 30 Prozent, die wir bereits geschafft haben. Ich rechne damit, dass es ohne zusätzliche Beiträge der öffentlichen Hand nicht geht. Vor allem der Gemeinden.

Kommt von diesen nichts?

Bislang beteiligt sich lediglich die Standortgemeinde Weinfelden, obwohl wir auch Dienstleistungen im Sinn der Gemeinden erbringen. Unsere Beratung sorgt dafür, dass Frauen im Arbeitsmarkt bleiben – das ist eine Form von Sozialhilfeprävention.

Sind Sie zuversichtlich?

Ich hoffe auf ein Wunder.

Die Frauenzentrale Thurgau macht am nationalen Streiktag vom 14. Juni mit. Dieser lässt jenen von 1991 aufleben. Wofür streiken Sie heute?

Es geht primär darum, sichtbar zu werden. Wir wollen zeigen, dass der Kampf auf dem Weg zur Gleichstellung noch nicht zu Ende ist. Gleichstellung betrifft übrigens auch Männer.

Sind Männer am Streik auch willkommen?

Das wäre sogar sehr schön. Unser Plan ist, dass wir aus dem Thurgau nach St. Gallen reisen und dort mitmarschieren. Am Vorabend wollen wir in Thurgauer Kinos passende Filme zeigen.

Die grossen Brocken wie Frauenwahlrecht und verfassungsmässige Gleichstellung sind geschafft. Macht es das schwieriger, junge Frauen für die Sache zu gewinnen?

Die meisten unserer Mitglieder sind schon länger dabei. Junge Frauen zu erreichen, ist nicht einfach. Doch der Klimastreik, bei dem viele Jugendliche mitmachen, stimmt mich positiv.

Am Freitag, 8. März, ist Tag der Frau. Was wünschen Sie sich?

Ich wünsche mir Solidarität – unabhängig vom Geschlecht.

www.frauundarbeit.ch

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