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Etwas bewegen, aber ohne Partei: Das Salz in der Thurgauer Politik-Suppe

Sie wollen an ihrem Wohnort etwas erreichen, sich aber in keine Parteiecke drängen lassen: Bunte Gruppierungen mit schillernden Namen. In Zukunft werden sie eine grössere Rolle spielen, sagt der Politik-Experte.
Ida Sandl
Frech: Wahlplakat von Chrampfe und Hirne von 1987. (Bild: PD)

Frech: Wahlplakat von Chrampfe und Hirne von 1987. (Bild: PD)

André Mägert kennt die Parteiarbeit. Er war Juso-Präsident, später bei der SP und ist jetzt Mitglied der FDP Arbon. Seit vier Jahren ist Mägert auch Sprecher einer Gruppe mit dem klingenden Namen «Xsunder Menschen Verstand», abgekürzt XMV. «Die Arbeit mit XMV macht am meisten Spass», sagt er. Anfangs standen wahltaktische Überlegungen im Vordergrund, als XMV im Frühjahr 2015 wie aus dem Nichts mit einer Liste in die Stadtratswahlen zog. Man wollte der FDP zu einem Sitz im Arboner Parlament verhelfen und damit die bürgerliche Mehrheit stärken. Die Rechnung ging auf: XMV holte auf Anhieb einen Sitz, verpasste den zweiten nur knapp.

XMV gehört zu den bunten Gruppierungen im Thurgau mit ausgefallenen Namen wie «Chrampfe und Hirne», «Menschen pro Frauenfeld» oder «Rägäbogä». Die Menschen, die sich hier engagieren, haben mit Parteipolitik wenig am Hut. Sie wollen aber etwas verändern, und zwar dort, wo sie wohnen.

Und dann sind die jungen Wilden im Stadtrat

Chrampfe und Hirne, kurz CH, in Frauenfeld ist das Musterbeispiel einer Politik ohne Parteibuch. Sei 35 Jahren mischen sie das Parlament der Kantonshauptstadt auf. Sieben CH-Vertreter sitzen mittlerweile im Gemeinderat. Seit 2005 stellt CH sogar einen Stadtrat. Zahmer sei man deshalb nicht geworden, sagt Präsident Charles Lan­dert, der zu den Gründungsmitgliedern gehört. «Wir sind eher noch kritischer.»

Die 80er-Jahre haben dem Thurgau einige solcher Farbtupfer beschert, meist waren sie – wie CH – im links-grünen Lager angesiedelt. 1986 wurde die Freie Gruppe Amriswil aus der Taufe gehoben, vergangenen April ist daraus die Grüne Ortspartei geworden. Seit 32 Jahren gibt es auch die Freie Liste Kreuzlingen. Sie nimmt aktuell vier Sitze im Gemeinderat ein, hat bereits zweimal einen Stadtrat gestellt.

Darauf, dass die jungen Wilden solch langen Schnauf beweisen, hätten in den Anfangszeiten wohl wenige der etablierten Parteien gewettet. «In vier Jahren putzen wir sie wieder weg», soll ein Gemeinderat gelästert haben, nachdem CH aus dem Stand heraus drei Sitze im Frauenfelder Parlament erobert hatte. Doch die CH-Vertreter politisierten nicht nur frech, sondern hatten auch ihre Dossiers intensiv studiert. Landert meint selbstbewusst: «Man kann sagen, wir sind die Fleissigsten.» Denn: Wer kritisch sein will, dürfe sich keine Blösse geben.

Jost Rüegg, Gründungsmitglied und Motor der Freien Liste Kreuzlingen, sagt:

«Wenn wir gute Arbeit leisten, goutiert das der Stimmbürger»

Es geht um keine Ideologie, nur um die Sache Die Jüngsten im Reigen der ausserparteilichen Gruppierungen im Thurgau sind im bürgerlichen bis rechten Lager angesiedelt. Zum Beispiel Menschen pro Frauenfeld, MproF, ausgesprochen «Em-pro-ef». Die Gruppe um ihren Gemeinderat Fredi Marty gibt es seit 2011. Sie legt den Mahnfinger vor allem auf die Finanzen. «Der Stadtrat gibt zu viele Steuergelder für verzichtbaren Wunschbedarf aus», bemängelt Marty. Mit dem Bund der Steuerzahler habe MproF erreicht, dass der Lohn von Stadträten und Stadtpräsident gekürzt worden sei.

So verschieden sie politisch sein mögen, gemeinsam ist den bunten Gruppierungen eine niedrige Hemmschwelle zur Mitarbeit. «Für uns spielt es keine Rolle, ob jemand den Schweizer Pass hat oder nicht», sagt XMV-Sprecher Mägert. Es zähle nur der Einsatz für Arbon.

Eine gewisse Entfremdung
gegenüber den Etablierten

Der Trend zu parteiunabhängigen Gruppierungen wird in Zukunft noch zunehmen. Davon ist Patrick Emmenegger, Professor für Politikwissenschaft an der Universität St. Gallen, überzeugt. Das habe auch mit einer gewissen Entfremdung gegenüber den etablierten Parteien zu tun. Heute würden sich die Menschen nicht mehr so stark über eine Gruppe definieren. «Früher war man zum Beispiel Arbeiter oder aber man war katholisch. Punkt», sagt Emmenegger. Diese starren Strukturen seien aufgeweicht. Sich für eine Sache an seinem Wohnort einzusetzen, sei aber nach wie vor attraktiv. Jost Rüegg von der Freien Liste Kreuzlingen sagt:

«Die Parteien beneiden uns»

Einer der Gründe dafür sei: «Unsere Entscheidungswege sind viel einfacher und schneller.» André Mägert von XMV stellt fest: «Wir haben mehr Narrenfreiheit.» Man müsse nicht alles so bierernst nehmen.

Das grosse Plus der bunten Gruppierungen ist ihre Spontanität. Doch das kann sich auch als Nachteil erweisen. Wenn es für die einzelnen Mitglieder nicht mehr stimme, dann können sie genauso schnell wieder weg sein, wie sie gekommen sind. Das sei der Vorteil der Parteien, erklärt Emmenegger. Die mögen in ihrer Struktur zwar schwerfälliger sein, sind dadurch aber resistenter gegen Auflösung.

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