Podium
Thurgauer Jugendparlamentarierin: «Viele junge Leute wissen nicht, wie sie den Zugang zur Politik bekommen»

Think-Tank-Thurgau Präsident Matthias Mölleney diskutierte mit Amara Cespedes über Chancen und Risiken der Digitalisierung in der Politik.

Judith Schuck
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Amara Cespedes vom Thurgauer Jugendparlament diskutiert mit Think-Tank-Thurgau-Präsident Matthias Mölleney.

Amara Cespedes vom Thurgauer Jugendparlament diskutiert mit Think-Tank-Thurgau-Präsident Matthias Mölleney.

Bild: Judith Schuck

Für Amara Cespedes stellt sich nicht die Frage, ob die Digitalisierung in die Politik kommt, sondern wie sie das tut. Sie ist Gründungsmitglied des Jugendparlaments Thurgau und in dessen Vorstand. Am Donnerstagmittag sprach sie mit dem Präsidenten des Think Tank Thurgau, Matthias Mölleney, über das Thema Digitalisierung und Politik im Kreuzlinger Kulturzentrum Kult-X.

Das Thema behandelte der Think Tank Thurgau bereits am Wissenschaftskongress 2021. Beim dreissigminütigen Mittagstalk stand nun der jugendliche Blick im Zentrum. Cespedes, die an der Universität St. Gallen Mikro- und Makroökonomie studiert, erhielt 2020 für ihre Matura-Arbeit an der Kantonsschule Kreuzlingen «MUN is FUN: Planung und Durchführung des Semesterkurses ‹Model United Nations› an einer Thurgauer Kantonsschule» vom TTT eine Auszeichnung.

Dass sich die begabte und wortgewandte Jungpolitikerin nun den Fragen des Präsidenten stellte, erfreute diesen: «Was ist dem Jugendparlament wichtig?», wollte Mölleney wissen, um die Ziele des 2018 gegründeten Vereins nachvollziehen zu können. «Wir wollen Transparenz und Zugänglichkeit. Viele junge Leute wissen nicht, wie sie den Zugang zur Politik bekommen.»

Direkter Kontakt an Schulen

Cespedes selbst ist parteiunabhängig, dennoch interessiere sie sich für Politik. Das Jugendparlament (Jupa) richtet sich an 14- bis 30-Jährige, die gehört werden wollen. Mit 40 Mitgliedern ist das Jupa Thurgau eines der grössten schweizweit. Amara Cespedes politisiert auf nationaler Ebene, wo die Jugendlichen ihrer Aussage nach bereits tatsächlich gehört werden. Seit 2020 ist sie Mitglied der eidgenössischen Jugendsession.

Amara Cespedes, Thurgauer Jugendparlamentarierin.

Amara Cespedes, Thurgauer Jugendparlamentarierin.

Bild: Judith Schuck

Für ihr Ziel, junge Leute für Politik zu begeistern, organisiere das Jupa Podiumsdiskussionen, gehe aber auch direkt an Schulen: «Es geht uns nicht nur ums Debattieren, sondern wir sehen uns ebenso als Aufklärer», so die Jugendparlamentarierin. Um die Hemmschwelle zu senken, sei es wichtig, den Jugendlichen bewusst zu machen, dass sie ihre Meinung äussern dürften, «auch wenn ihr nicht alle Informationen über ein Thema habt. Niemand hat je alle Informationen».

Als Infokanäle nutze das Jupa Thurgau in erster Linie Instagram und einen Whatsapp-Chat. Amara Cespedes glaubt, dass der grösste Unterschied im Vergleich zu den älteren Politisierenden in der Geschwindigkeit liege. «Aber ist schneller denn immer besser? Birgt die Geschwindigkeit des Digitalen nicht auch Risiken der Falschinformation?», möchte der Interviewer von ihr wissen. Cespedes findet gerade in den sozialen Medien ein hohes Potenzial für eine zeitgemässe Politik:

«Soziale Medien sind extrem transparent, alles läuft in Echtzeit, aber es sind darauf natürlich viele ungefilterte Sachen zu finden.»

Die Schnelligkeit und Masse an Infos berge die zwei Risiken, dass die Nachrichten schneller in Vergessenheit geraten oder nicht so gut auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft werden könnten, glaubt sie. Bei Instagram kämen sekündlich neue Sachen rein: «Wie priorisiere ich das? Habe ich überhaupt Kapazität, das alles anzuschauen?»

Das Positive an den sozialen Medien sei dennoch, dass jeder die Möglichkeit habe, seine Meinung kundzutun und sich zu engagieren.

Schulen müssen besser aufklären

Wie wichtig eine gewisse Qualität der Informationen sei, sähen wir gerade am Beispiel des Ukraine-Kriegs, sagte Mölleney. «Wie kriegen wir das hin, bessere, zuverlässigere Informationen im Netz zu bekommen?» Dies sei ein schwieriges Kapitel, mit dem das Jugendparlament kämpfe. «Wir glauben, dass auf schulischer Ebene künftig eine bessere Aufklärung im Umgang mit digitalen Medien betrieben werden muss und Tools bereitgestellt werden sollten, wie Quellen auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft werden können.»

Matthias Mölleney, Präsident von Think Thank Thurgau.

Matthias Mölleney, Präsident von Think Thank Thurgau.

Bild: Reto Martin

Mit Blick auf die Digitalisierung der Politik interessiert Mölleney, wie Bürgerinnen und Bürger damit umgehen. Es stellten sich Fragen nach Sicherheit. «Bei Abstimmungen: Wird meine Stimme genauso gezählt wie bisher? Gibt es auch mehr Einbindung in politische Prozesse?» Cespedes sieht in der Frage der Cybersicherheit, aber auch des Datenschutzes der Stimmenden höchste Priorität. «Sicher Abstimmen im Netz, das ist bei uns eine grosse Frage.»

Dass gerade in Hinblick auf Cyberkriminalität schon viel geschehe, gehört ins öffentliche Bewusstsein. Hier gebe es viele Fragen zu klären, denn dass die Politik stärker digitalisiert werden müsse, stehe ausser Frage. Das Jugendparlament hat im Digitalen bereits «seinen Space» gefunden, schliesst Amara Cespedes. Die Älteren müssten nicht alle Kanäle nutzen und verstehen, die sie benutzten, «aber wir wollen ernst genommen werden».