Platzspitzbaby
«Nicht so werden wie Mama»: Michelle Halbheer liest im Thurgau Passagen aus ihrem Bestsellerbuch vor

Michelle Halbheer, Biografin des Bestsellers «Platzspitzbaby – Meine Mutter, ihre Drogen und ich», gastierte am Donnerstagabend im Gewölbekeller des Alten Schlosses Gachnang. Die Geschichte ging den 50 Besucherinnen und Besuchern buchstäblich unter die Haut.

Claudia Koch
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Michelle Halbheer liest im Gewölbekeller im Alten Schloss Gachnang aus ihrem Buch.

Michelle Halbheer liest im Gewölbekeller im Alten Schloss Gachnang aus ihrem Buch.

Bild: Arthur Gamsa

Acht Monate ist es her, seit die Kulturkommission Gachnang wieder zu einem Anlass einladen konnte. Das Thema der Lesung von Michelle Halbheer war eindrücklich und ging buchstäblich unter die Haut. Ihre Lebensgeschichte als Kind einer suchtkranken Mutter, die auch erfolgreich verfilmt wurde, lockte mehr als 50 Besucherinnen und Besucher in den stimmungsvollen Gewölbekeller. «Ich beginne meine Lesung immer mit derselben Passage», sagte die zierliche Frau, deren rechter Arm mit einem Porträt von Amy Winehouse tätowiert ist.

In diesem Abschnitt geht es darum, wie wichtig ihr das Mami gewesen ist. Was zur Folge hatte, dass die Tochter ihre Mutter lange nicht verlassen wollte oder konnte. Die ersten fünf Jahre ihres Lebens waren toll, eine heile Welt, zusammen mit Mutter und Vater. Sie sagte:

«Meine Mutter kochte die besten Rahmschnitzel der Welt.»
Michelle Halbheer, Autorin «Platzspitzbaby».

Michelle Halbheer, Autorin «Platzspitzbaby».

Bild: Arthur Gamsa

Doch die heile Welt bekam Risse, als die schwangere Mutter HIV-positiv getestet wurde und dem Baby keine Überlebenschancen beschieden wurden. Die Eltern stritten sich immer häufiger. Die Mutter, ein ausgegrenztes Mischlingskind, rutschte in die ihr bereits von früher bekannte Drogensucht zurück.

Nachbarn und Behörden schauten weg

«Wenn etwas Schwieriges sich anbahnt, dann spüre ich es kommen», sagte Halbheer, die einerseits vorlas, aber auch frei die Zusammenhänge schilderte. Schwierig wurde es deshalb, weil die Mutter sich vom Vater scheiden liess und Michelle mit sich nahm, obwohl diese lieber beim Vater geblieben wäre. Doch Drohungen der Mutter, sie würde sich etwas antun, liessen Michelle keine andere Wahl.

Mit Maske und genügend Abstand hören die rund 50 Besucherinnen und Besucher zu.

Mit Maske und genügend Abstand hören die rund 50 Besucherinnen und Besucher zu.

Bild: Arthur Gamsa

Schwierig war es dann auch im Drogenhaus, wie Halbheer es nannte, das mehrere Suchtkranke in einer Ortschaft im Zürcher Oberland bewohnten. Die Nachbarn sowie die Behörden schauten geflissentlich weg, obwohl dort mehrere Kinder lebten. Diese Kinder, diese Clique, wurde für Michelle zu einer Ersatzfamilie. Zwar nahm die Mutter, um von den Drogen wegzukommen, an einem Methadonprogramm teil. Den Urin für die Probe lieferte jedoch die Tochter.

Nicht so zu werden wie Mama, wurde zu ihrem Credo. Die Passage, als Michelle sich von ihren Freunden verabschieden muss, um zu den Pflegeeltern zu ziehen, kann sie nur frei erzählen. Zu nah gingen ihr die Zeilen im Buch.

Bedrückende und ungeschönte Zeilen

War sie vorher bei ihrer suchtkranken Mutter meistens auf sich selber gestellt, wurden ihr bei den Pflegeeltern nun strikte Vorgaben und Regeln auferlegt. Halbheer sagte dazu:

«Mir wurden sämtliche Entscheidungsfreiheiten genommen.»

Eine grosse Stütze war und ist ihr auch heute noch die Musik. Am Schluss ihrer Lesung, deren bedrückende und ungeschönten Zeilen die Gäste mehrmals mit einem Kopfschütteln quittierten, appellierte sie an alle politisch aktiven Menschen. «Schaut genau hin und sprecht Gelder, bevor Kinder von suchtkranken Eltern ein Spezialfall werden, mit Suizidgedanken spielen oder in der Jugendpsychiatrie landen.»