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Pionierin und Grenzgängerin:
Helene Dahm aus Egelshofen

50 Jahren nach ihrem Tod wird das Werk von Helen Dahm gewürdigt. Die Thurgauer Malerin führte Anfang des 20. Jahrhunderts ein unkonventionelles Leben.
Inge Staub
Egal ob mit Finger oder Pinsel: Für Helen Dahm gab es in der Kunst keine Grenzen. (Bild: PD)
Die Kunst war stets ein fester Bestandteil von Helen Dahms Leben. (Bild: PD)
«Sie war exzentrisch», sagt Regula Tischhauser, Präsidentin der Helen-Dahm-Gesellschaft über die Thurgauer Künstlerin. (Bild: Hans U. Alder)
Das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen (im Bild) und das Oetwiler Museum präsentieren diesen Herbst Werke von Helen Dahm. (Bild: Andrea Stalder)
4 Bilder

Helene Dahm

Um 1890 in Kreuzlingen: Ein Mädchen steuert mit einem Zeichenblock unter dem Arm auf das Haus des Landschaftsmalers Max Joseph von Sury zu. Der private Mal- und Zeichenunterricht bestärkt sie darin, Malerin zu werden. Helen Dahm fasst damit einen für die damalige Zeit ungewöhnlichen Entschluss. Künstlerin zu werden, gilt Ende des 19. Jahrhunderts nicht als weiblicher Lebensentwurf. An Akademien werden Frauen nicht zugelassen. 1954 erhält Helen Dahm als erste Frau den Kunstpreis der Stadt Zürich. Doch räumt Stefanie Hoch, Kuratorin des Kunstmuseums Thurgau, ein: «Bis heute blieb ihr Werk unterschätzt.» Anlässlich ihres 50. Todestages würdigen das Kunstmuseum Thurgau und das Helen Dahm Museum in Oetwil am See (ZH) die Kunst und den aussergewöhnlichen Lebensweg der Künstlerin in zwei Ausstellungen.

Ihr Weg beginnt am 21. Mai 1878 in Egelshofen bei Kreuzlingen, als Helen Dahm als erstes von vier Kindern das Licht der Welt erblickt. Der Vater entstammt einer Kaufmannsfamilie, die Mutter kommt aus einer Landarztfamilie aus Ermatingen. Nach dem Tod des Grossvaters ziehen Helen Dahms Eltern zu dessen Witwe ins ehemalige Arzthaus, der klassizistischen Villa Rosenegg in Egelshofen, dem heutigen Museum Rosenegg.

Vom Vater sexuell missbraucht

Helen Dahm berichtet von vergnüglichen Stunden. «Dann gab es in der Rosenegg vor dem Haus einen Springbrunnen mit Goldfischen, und natürlich fielen der Bruder und ich beim Betrachten auch gelegentlich hinein.» Die Grossmutter gibt ihr einen Impuls: «Mein erster Farbeindruck in meinem Leben waren die orangefarbenen Kaffeetassen bei meiner Grossmutter im schwarzseidenen Kleid.»

Im benachbarten Pfarrhaus wohnt der gleichaltrige Hans Brühlmann, der später ebenfalls Maler wird. In ihm findet Helen Dahm einen Spielgefährten. Doch nur für kurze Zeit. Sie ist gerade fünf Jahre alt, als beide Grossmütter sterben. Die Familie zieht ins Haus von Grossmutter Dahm nach Kreuzlingen. Von hier aus besucht Helen Dahm eine Mädchenschule in Konstanz. Die Mutter erkrankt an Krebs und ist über Jahre auf ärztliche Hilfe angewiesen. Es wird vermutet, dass der Vater in dieser Zeit seine beiden Töchter sexuell missbraucht hat. Aussagen ihres späteren Hausarztes Konrad Witzig und seiner Tochter, der Psychiaterin Regula Witzig, deuten darauf hin. Diese schreibt in ihrer Dissertation über Helen Dahm: «Unbestritten bleibt die Tatsache, dass sie in einer zu nahen Beziehung zum Vater stand und seiner erotisch-sexuellen Anziehung ausgeliefert war.»

Kurse an der Kunstgewerbeschule

Der Vater, unternehmerisch nicht erfolgreich und knapp bei Kasse, weil die Behandlung seiner Frau viel Geld verschlingt, verkauft 1895 die Rosenegg, zwei Jahre später meldet er den Konkurs seines Unternehmens an. Seine Frau entfaltet daraufhin ungeahnte Kräfte. Sie zieht mit den Kindern nach Zürich. Nahe der ETH eröffnet sie eine Dozenten- und Studentenpension. Wegen der Krankheit der Mutter obliegt es Helen, sich um Pension und Haushalt zu kümmern. «Daneben ging die Kunst weiter.» Abends nimmt sie Kurse an der Kunstgewerbeschule Zürich. Später bildet sie sich auch an der Frauenkunstschule von Louise Stadler weiter.

Die Mitarbeit in der Pension wird zunehmend zu einer Belastung. Helen Dahm fällt eine radikale Entscheidung. 1906 trennt sie sich im Alter von 28 Jahren von ihrer Familie. Sie zieht mit ihrer Lebensgefährtin Else Strantz nach München, wo die Ausbildungsmöglichkeiten für Künstlerinnen besser sind als in Zürich. Während sie in München studiert, stirbt die Mutter, die Schwester nimmt sich das Leben.

Helen Dahm besucht die Frauenakademie von Robert Engels und nimmt Kurse an der Schule für grafische Techniken. Die Künstlerin experimentiert mit den Gestaltungsmitteln des Jugendstils. Wie viele ihrer Zeitgenossen wendet sich Helen Dahm in München dem Holzschnitt zu, der von den Expressionisten wieder entdeckt worden war und einen ursprünglichen Ausdruck ermöglicht.

Eigene Auseinandersetzung mit Rolle der Frau

1913 kehren die beiden Frauen nach Zürich zurück. Sie bewohnen eine gemeinsame Atelierwohnung in der Gemeindestrasse und leben wie Helen Dahm sagt eine «unbürgerliche Beziehung». Else Strantz hält kunsthistorische Vorträge und Helen Dahm trägt zum Lebensunterhalt mit handgefärbten und bedruckten Stoffen bei, sie macht mit Holzschnitten und Zeichnungen auf sich aufmerksam. 1918 kauft ein Sammler für die beiden Frauen ein Bauernhaus in Oetwil am See. In ihrem Garten bauen sie Gemüse an und führen ein einfaches, naturverbundenes Leben. Helen Dahm stellt ihre Bilder regelmässig aus. Dem Schweizer Kunstverein kann sie jedoch nicht beitreten, da bis 1972 keine Frauen als Aktivmitglied aufgenommen werden. Zeitlebens setzt sich Helen Dahm mit ihrer Rolle als Frau und Künstlerin auseinander. In ihren Selbstporträts überformt sie kulturell geprägte Frauenbilder. Sie stellt sich selbst als Heilige, Madonna, als Sünderin und Irrsinnige dar. «Als Frau werde ich nicht angenommen, auch mein Werk nicht. Das gehört zu meinem Schicksal.»

Künstlerisch ist die Zeit in der Langholzstrasse sehr intensiv. Helen Dahm konzentriert sich auf ihre Malerei. Wichtige Motive sind Landschaften und Blumen. Mit den sanft bewegten Voralpenlandschaften des Züricher Oberlandes verbindet die Künstlerin Bodenständigkeit und Metaphysik.

Trennung von der Gefährtin

Die Beziehung zu Else Strantz wird zunehmend zur Belastung. Die Freundin habe sie tyrannisiert. Sie habe unter deren autoritärem Verhalten gelitten, meint Regula Witzig. Es soll auch zu Handgreiflichkeiten gekommen sein.

1932 trennt sich das lesbische Paar. Mit 54 Jahren lebt Helen Dahm allein, geplagt von Einsamkeit und Trauer über den Verlust der Lebensgefährtin in Oetwil am See. Sie befasst sich mit östlicher Spiritualität. Durch ein befreundetes Ehepaar lernt sie den indischen Mystiker Shri Meher Baba kennen. 1938, im Alter von 60 Jahren, verkauft sie ihr Hab und Gut und reist mit drei Schweizerinnen nach Indien. Ein Jahr lang lebt sie in Meher Babas Ashram in Meherabad auf der Suche nach Spiritualität, nach Religion, nach dem Sinn des Lebens. «Das war nach einer grossen Verzweiflung. Seitdem bin ich ein anderer Mensch.»

Die Malerin hat Mühe, gemeinsam mit anderen Frauen in einem Zimmer zu leben und sich in die Ashram-Gemeinschaft zu integrieren. Krank und von Heimweh geplagt kehrt sie nach einem Jahr in ihre Wahlheimat Oetwil am See zurück. In einem alten Bauernhaus mietet sie eine Wohnung. Die niedrige Bauernstube wird zu ihrem Lebensraum, der Estrich ihr Ausstellungsraum. «Zum Schluss hat sie nur noch in der Stube gemalt», erzählt Regula Tischhauser, Präsidentin der Helen Dahm Gesellschaft. Diese Stube ist heute im Oetwiler Museum zu sehen.

Mit dem Bürgermeister in der Kutsche auf den Festplatz

«Sie war exzentrisch. Und wie sie so dastand, im langen dunklen Rock, Russenkittel, den Ledergürtel um den Leib und einem Turban auf dem Kopf, habe ich mich schon ein wenig vor ihr gefürchtet», sagt Tischhauser.

Die Nach-Indien-Phase ist weiterhin vom Bedürfnis nach Sinnsuche geprägt. Auf die östliche folgt eine Auseinandersetzung mit der christlichen Religion. Ab 1948 wird Hausarzt Konrad Witzig zur engsten Vertrauensperson. 1953 hat Helen Dahm ihre erste grosse Einzelausstellung in Zürich. Ein Jahr später erhält sie den Kunstpreis der Stadt Zürich. Die Malerin bedankt sich mit einem «Kuss der ganzen Welt».

Ende der 50er trifft Helen Dahm erneut eine radikale Entscheidung. Sie wendet sich der abstrakten Malerei zu. Inzwischen ist sie als Malerin anerkannt. Auch das Dorf ist stolz auf seine Bewohnerin. Zu ihrem 90. Geburtstag wird ein grosses Fest ausgerichtet. Regula Tischhauser sagt: «Sie fuhr gemeinsam mit Zürichs Stadtpräsident Emil Landolt, ihrer Freundin Doris Wild und ihrem Hausarzt in einer Kutsche zum Festplatz. Auf dem Kopf einen roten Turban.» Wenige Tage nach der Feier stirbt die Künstlerin im Spital Männedorf. Helen Dahm wird in Oetwil am See beerdigt. Ihr Leben ist, wie sie einmal sagte, «restlos in meine Bilder übergegangen». Diese sind heute an allen ihren Schweizer Wirkungsstätten zu Hause – auch im Thurgau. Ihr Heimatkanton versucht nun, Jahrzehnte nach ihrem ersten Zeichenunterricht in Kreuzlingen, «Helen Dahm den ihr angemessenen Platz in der Kunstgeschichte zu geben».

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