Pink Apple in Frauenfeld
Die Illusion von zwei klar abgrenzbaren Geschlechtern

Beim 23. Schwullesbischplus-Filmfestival «Pink Apple» stand am Wochenende das mit Stigmas behaftete Coming-out im Zentrum.

Amina Mvidie
Merken
Drucken
Teilen
Ariel, eine junge Schneiderin aus Venezuela, entdeckt im Spielfilm «Yo, imposible» ihre Intersexualität.

Ariel, eine junge Schneiderin aus Venezuela, entdeckt im Spielfilm «Yo, imposible» ihre Intersexualität.

Bild: PD

«Es sollte kein grosses Thema sein», sagte Roman Bolliger und meinte damit das Coming-out. Dieses steht in der 23. Ausgabe des queeren Filmfestivals «Pink Apple» im Fokus. Claudia Plüer sagte auch:

«Solange sich Menschen überlegen müssen, ob, wann und wie sie es ihren Mitmenschen sagen können, gibt es, noch einiges zu tun.»

Mit Roman Bolliger und Monika Kohler bildet sie das Frauenfelder OK-Team des Festivals. Vom Freitag bis am Sonntag gastierte es an seinem Gründungsort im Cinema Luna. Auf dem Programm standen über 20 Veranstaltungen, darunter auch die Podiumsdiskussion «LGBT ist überall – auch an Thurgauer Schulen?».

Offene und bewegende Diskussion

Nach einem 23-minütigen Dokumentationsfilm von Selma Wagenbach moderierte Corinne Riederer vom Kulturmagazin «Saiten» am Samstagnachmittag eine offene und bewegende Diskussion. Wagenbach machte in ihrem Film, den sie im Rahmen der Maturarbeit gedreht hatte, auf den Umgang mit «LGBTQ+»-Themen an Schulen aufmerksam.

Die sechs Diskussionsteilnehmenden, darunter Wagenbach selbst, die Protagonistin des Films Noëlle Ruoss, Kantilehrerin Eva Büchi sowie SP-Kantonsrätin Nina Schläfli sprachen über die Wichtigkeit von Vorbildern, die tragende Rolle des Bildungswesens und der Politik sowie über die fehlende Sensibilisierung durch den gegenwärtigen Sexualkundeunterricht. Eine Entstigmatisierung und -tabuisierung an Schulen sei dringend notwendig, findet Wagenbach.

Die junge Kreuzlingerin stellte ihren kurzen Film darum auch auf einer öffentlichen Plattform kostenlos zur Verfügung. Juso-Aktivistin Ruoss sieht an der Freiwilligkeit von Unterrichtsfächern, die sich mit «LGBTQ+»-Themen befassen, ein Problem. «Die Schweiz hinkt da hinterher», sagte sie und verwies auf Schottland, welches im Jahr 2018 ein entsprechendes Fach in den Stundenplan integriert hat. Um Themen rund um Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung aufzugreifen, bediente sich die Lehrerin Eva Büchi für den Deutschunterricht an Büchern von queeren Autorinnen und Autoren oder an Büchern bei denen homoerotischen Szenen vorkommen. Das Podium war sich einig: Solange ausschliesslich von der Heteronormativität ausgegangen wird, können Schülerinnen und Schüler im Aufklärungsunterricht nicht sensibilisiert werden.

Nicht schwarz und weiss

Ein weiterer Ausschnitt aus dem Film «Yo, imposible».

Ein weiterer Ausschnitt aus dem Film «Yo, imposible».

Bild: PD

Dass die sexuelle Orientierung nicht mit der Geschlechtsidentität gleichgesetzt werden kann, zeigte der Film «Yo, imposible» von Patricia Ortega eindringlich auf. In ihrem Spielfilm beschäftigt sich die venezolanische Filmemacherin mit der Realität von intersexuellen Menschen. Dabei macht sie dem Publikum sichtbar, wie illusionär die Vorstellung von zwei klar abgrenzbaren Geschlechtern ist. Als die Protagonistin Ariel nach einer sexuellen Erfahrung über starke körperliche Schmerzen klagt, findet sie heraus, dass sie intergeschlechtlich geboren wurde.

Ein Geheimnis, das ihre kranke Mutter bis zu ihrem Tod unausgesprochen liess. Gleichzeitig verliebt sich Ariel in eine Frau. Umstände, die ihr bisheriges Leben ins Wanken bringen.