Pikantes aus dem Hinterzimmer in der alten Tigerfinkenfabrik in Diessenhofen

Der Kulturwissenschaft Fritz Franz Vogel zeigt in Diessenhofen erotische Fotos und Postkaren um das Jahr 1900.

Dieter Ritter
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Ausstellungsmacher Fritz Franz Vogel mit einigen Exponaten in der ehemaligen Tigerlifinken-Fabrik.

Ausstellungsmacher Fritz Franz Vogel mit einigen Exponaten in der ehemaligen Tigerlifinken-Fabrik.

Bild: Dieter Ritter

Fritz Franz Vogel zeigt seit Donnerstag Fotos. Zu sehen sind Bilder und Postkarten mit erotischen Motiven, alle mit weiblichen, erwachsenen Fotomodellen. Die meisten posieren mit einem Spiegel. Im Parterre seines Hauses an der Steinerstrasse in Diessenhofen, in der ehemaligen Tigerfinken-Fabrik, präsentiert Vogel eine Auswahl aus den rund dreitausend Aufnahmen seiner Bildersammlung.

Die meisten Fotos wurden in Paris aufgenommen, einige wenige in Wien oder Budapest. Als Titel für seine neueste Ausstellung wählte Vogel den Zauberspruch «Spieglein, Spieglein» aus dem Märchen Schneewittchen, einer Geschichte über monströse Eitelkeit.

Vogel übernimmt die Idee des Spiegels in die Installationen rund um die Bilder. Er verblüfft die Besucher mit Lupen, spiegelnden Folien oder Zerr- und Umlenkspiegeln, die sie selbst auf die Fotos einstellen dürfen. Das ergebe neue Einblicke, und viele Besucher nutzen dies für eigene Aufnahmen mit ihren Handys, sagt Vogel.

Selbst anerkannte Atelies machten Aktfotos

Die Aufnahmen entstanden Ende des 19. Jahrhunderts. Es war eine Zeit der grossen Erfindungen wie Auto, Telefon und Dynamit sowie einer eher profanen Errungenschaft, des Kaugummis. Damals kam auch Coco Chanel zur Welt, die Gründerin des gleichnamigen Modeimperiums. Sie soll gesagt haben:

«Weibliche Nacktheit muss man den Männern mit dem Teelöffel geben, nicht mit der Schöpfkelle».

Nicht alle Fotografen beherzigten ihren Rat, sind doch einige Bilder aus der Sammlung von Vogel recht freizügig. «Gesetzliche Regelungen als Schutz für Jugendliche wurden in Europa erst anfang des 20. Jahrhunderts eingeführt» sagt Vogel. Selbst die angesehensten Ateliers richteten damals ein Hinterzimmer ein, in welchem die pikanten Fotos aufgenommen wurden. «Das erklärt die perfekte Ausleuchtung der Models. Die Berufsfotografen verfügten über Kameras mit einer Verschlus­szeit von weniger als einer viertel Sekunde» sagte Vogel.

Fritz Franz Vogel, Dr. phil., lehrt als Kultur- und Bildwissenschaftler an Fachhochschulen und veröffentlichte mehr als fünfzig Sachbücher. Derzeit arbeitet er an einer wissenschaftlichen Abhandlung über den Kunstmaler Adolf Ott aus Diessenhofen. Vogel ist Präsident der Gemeinnützigen Gesellschaft Diessenhofen (GGD). Ihr Ziel ist die Förderung des kulturellen Lebens in Diessenhofen. Im Herbst wird Vogel zusammen mit der GGD eine Ausstellung über Ott realisieren.

Hinweis
Bis Sonntag den 15.März können die Exponate in der ehemaligen Tigerfinken-Fabrik täglich von 14 bis 18Uhr ohne Voranmeldung besichtigt werden. Der Eintritt ist frei.