Pensionskasse Thurgau zeigt Härte

Ein pensionierter Bankleiter wirft der Pensionskasse Thurgau eine fragwürdige Praxis bei der vorzeitigen Rückzahlung von Festhypotheken vor. Der Pensionskassenpräsident rechtfertigt sich damit, dass die Pensionskasse allen Versicherten verpflichtet sei.

Thomas Wunderlin
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Cuno Senn leitete die Raiffeisenkasse Cham, einst die grösste der Schweiz. (Bild: Andrea Stalder)

Cuno Senn leitete die Raiffeisenkasse Cham, einst die grösste der Schweiz. (Bild: Andrea Stalder)

Cuno Senn, Jahrgang 1946, leitete die Raiffeisenkasse im zugerischen Cham, die lange die grösste der Schweiz war. Der gebürtige St. Galler hat sich in Weinfelden zur Ruhe gesetzt. Einem befreundeten Lehrerpaar aus Amlikon stand der umgängliche Rentner gern mit seinem Rat zur Seite.

Das Paar bewohnte seit vielen Jahren ein Einfamilienhaus mit grossem Umschwung. Aus Altersgründen und vor allem aus gesundheitlichen Gründen kaufte sich das Paar eine Eigentumswohnung in St. Gallen und zog dorthin. Blöderweise hatte es sein Haus in Amlikon mit zwei Festhypotheken der Pensionskasse Thurgau von 250000 und 100000 Franken finanziert, deren Laufzeit erst 2022 und 2023 endete.

Aufschlag auf den Zins der Restlaufzeit

Dass sie den Zins für die Restlaufzeit würden bezahlen müssen, war zu erwarten. Damit hätte die Pensionskasse dem Paar gemäss Senns Angaben einen Aufschlag von rund 13500 Franken verrechnen können, als es das die beiden Darlehen von insgesamt 350000 Franken am 15. Februar 2019 zurückzahlte. Schliesslich tragen Festhypothek ihren Namen deshalb, weil sie zu festen Konditionen auf eine bestimmte Laufzeit gewährt werden.

Eben deshalb hatten die Hausverkäufer diese Hypothekenform gewählt. So konnten sie damit rechnen, dass sie ihre Darlehen bis zum Verfall in drei, respektive vier Jahren nur für 1,03 Prozent verzinsen müssen, auch wenn das allgemeine Zinsniveau steigen sollte.

Kurzfristige Geldanlage ist bei Negativzins schwierig

Traditionellerweise verlangen Banken bei der vorzeitigen Auflösung von Festhypotheken nicht einmal den vollen Zinsbetrag, sondern nur die Differenz zum variablen Liborzins oder Swap-Satz.

Denn bis vor einigen Jahren konnten sie zurückbezahltes Kapital jederzeit zu diesem Zinssatz kurzfristig wieder anlegen. Doch heute liegt der Libor im negativen Bereich. Deshalb bezahlte das Renter-Ehepaar total rund 18500 Franken Zins für Darlehen, die es nicht mehr brauchte. Gemäss Senns Angaben wären es ohne Aufschlag 5000 Franken weniger gewesen.

Nach Angaben des Direktors der Pensionskasse Thurgau, Rolf Hubli, beträgt die Differenz nur 3000 Franken. Cuno Senn räumt ein, dass die Pensionskasse gemäss Vertrag den Aufschlag verlangen durfte. Dennoch hält er es für eine «fragwürdige Praxis», wenn die Pensionskasse mehr verlange als den effektiven Zinsausfall. «Das ist nicht bankenüblich.»

Er habe sich bei alten Bekannten bei der UBS und der CS, auch bei seiner Raiffeisen-Pensionskasse erkundigt: «Kein Aufschlag, sagen alle.» Laut «K-Tipp» geht die Aargau­ische Pensionskasse APK noch weiter: Sie fordere grundsätzlich keine Vorfälligkeitsentschädigung beim vorzeitigen Ausstieg wegen Verkaufs der Immobilie. Er habe versucht, mit dem Direktor der Pensionskasse Thurgau, Rolf Hubli, eine Übertragung der Hypothek auf die Eigentumswohnung in St. Gallen zu vereinbaren.

Zwei Liegenschaften wäre nicht tragbar gewesen

Er habe abgelehnt, da es eine zeitliche Überschneidung von drei Monaten gegeben hätte und die Tragbarkeit nicht gegeben sei. Wenn also das Paar das Haus in Amlikon nicht hätte verkaufen können, hätte es nach Einschätzung des Pensionskassendirektors nicht zugleich den Hypothekarzins für die Eigentumswohnung und das Haus bezahlen können. Das Haus in Amlikon sei jedoch schnell weg gewesen, versichert Senn, «zu einem guten Preis».

Für die Pensionskasse wäre es laut Senn ein interessantes Geschäft gewesen: «Wo soll sie ihr Geld sonst anlegen?» Viele Lehrer hätten ihr Haus mit ihrer Pensionskasse gekauft. «Ich nehme an, sie erhalten einen etwas günstigeren Zins als von einer Bank.»

Pensionskassendirektor weist Vorwurf zurück Laut Rolf Hubli, Direktor der Pensionskasse Thurgau, entspricht es den Vertragsbedingungen, dass bei einer vorzeitigen Rückzahlung einer Festhypothek die Differenz zwischen dem vereinbarten Zins und dem Swap-Satz geschuldet ist. Zudem verfügen Banken über mehr Möglichkeiten als eine Pensionskasse. «Die Banken können es mit andern Geschäftsbeziehungen kompensieren.»

Pensionskasse hält sich an Richtlinien

Den Vorwurf der fragwürdigen Praxis weist Hubli zurück. «Wir haben keinen Verhandlungsspielraum.» Er müsse sich an die Richtlinien halten, die von der Pensionskassenkommission festgelegt worden seien.

Der Präsident der Pensionskassenkommission, Gustav Saxer, erklärt, dass man bei der Festsetzung der Richtlinien davon ausgegangen sei, dass der Libor höher als Null liege. «Man ging immer von positiven Zinsen aus; man dachte, bei Null ist fertig.» Als der Libor unter Null fiel, habe es auch viele Banken auf dem falschen Fuss erwischt. Das Ehepaar, das seine Festhypothek vorzeitig auflöste, habe Pech.

«Wenn wir das Geld jetzt anlegen, bekommen wir auch nichts dafür», sagt Saxer. Eine risikolose Anlage – also bei der Nationalbank – koste einen negativen Zins von 0,75 Prozent. Von dieser Basis aus müsse man rechnen. Die Banken verzichteten nur deshalb darauf, auf Sparkonten einen Negativzins zu verrechnen, weil die Kunden die Bank stürmen, ihr Geld abheben wollten und das Bargeld knapp würde.

Banken bemühen sich um die Hypothekenvergabe

Die Pensionskasse kann laut Saxer nicht damit rechnen, eine zurückbezahlte Hypothek unverzüglich wieder zu vergeben: «Der Markt ist stark umkämpft.» Die Pensionskasse könne mit den Versicherten über die Konditionen ihrer Hypotheken nicht verhandeln: «Wir stützen uns auf den Swap-Satz mit einem fixen Zusatz. Wir feilschen nicht.»

Präsident der Pensionskasse Thurgau, Gustav Saxer. (Bild: Archiv)

Präsident der Pensionskasse Thurgau, Gustav Saxer. (Bild: Archiv)

Banken hingegen könnten bei der Auflösung einer Festhypothek einem Kunden entgegenkommen, um ihn nicht zu verlieren. Sie machen laut Saxer eine Mischrechnung: «Sie überlegen sich: Wenn ich den Kunden verärgere, zieht er vielleicht auch sein Sparkonto und seine Wertschriften ab.» Aus Kulanz auf den Aufschlag zu verzichten, kommt für Saxer nicht in Frage: «Die Pensionskasse ist allen Versicherten gegenüber verpflichtet.»

Die Pensionskasse Thurgau garantiert den Angestellten von Kanton, Schulen und Spital den Ruhestand

Derzeit sind es 11581 Mitarbeiter der Thurgauer Kantonsverwaltung, der Kantonsspitäler und der Volksschulen, um deren Altersvorsorge sich die Pensionskasse Thurgau (PKTG) mit Sitz in Kreuzlingen kümmert. Sie bezahlt die Rente von 4298 Pensionierten. Dafür nützt sie ihr Anlagevermögen von 3,663 Milliarden Franken.

Die schlechten Anlagemöglichkeiten zeigen sich im Geschäftsergebnis. 2018 verzeichnete die PKTG eine Performance von -2,65 Prozent. Der Deckungsgrad per Ende 2018 betrug 97,6 Prozent.

Die PKTG investiert rund 100 Millionen Franken oder 3 Prozent des Kapitals in Hypotheken (Zahlen von Ende 2016). Davon sind die Hälfte direkt vergebene Hypotheken; vergeben werden sie nur an Versicherte und Rentenbezüger. Einen Ausfall habe es noch nie gesehen, sagte PKTG-Direktor Rolf Hubli 2017 gegenüber dieser Zeitung. Die andere Hälfte sind Investitionen beispielsweise in Fonds von Banken, in denen Hypotheken gebündelt sind.

Der Thurgauer Grosse Rat hat letzte Woche in zweiter Lesung die Pensionskassenverordnung geändert, um künftige Sanierungen der PKTG zu erleichtern. Der Rahmen für Sanierungsbeiträge wird von zwei auf fünf Prozent erhöht; Arbeitnehmer wie Arbeitgeber würden im Krisenfall zur Kasse gebeten.

Die Pensionskasse Thurgau ist eine öffentlich-rechtliche Anstalt des Kantons. Ihr oberstes Organ ist die Pensionskassenkommission. Deren Präsident ist seit dem 1. Januar 2018 FDP-Mitglied Gustav Saxer, Prorektor der Kantonsschule Romanshorn. Er folgte auf den Frauenfelder Stadtpräsidenten Anders Stokholm.

Die PKTG entstand 2005 aus der Fusion der Pensionskassen des Staatspersonals und der Lehrer.
Wegen der nach einem schlechten Börsengang notwendig gewordenen Sanierung der Pensionskasse Thurgau kam es am 3. September 2013 zu einer Demonstration von 1200 Versicherten auf dem Frauenfelder Marktplatz. Der Grosse Rat liess sich wenig beeindrucken und verabschiedete die Sanierung mit lediglich geringen Änderungen. (wu)

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