Parlamentarischer Vorstoss
Raus aus dem Ungleichgewicht: Die Frauenfelder Berufsbeistandschaft musste sich in den vergangenen zwei Jahren grundlegend reorganisieren

Zu wenig und zu spezialisierte kaufmännische Sachbearbeiter: Das war das grosse strukturelle Problem der städtischen Berufsbeistandschaft. Mittlerweile ist die Abteilung der Sozialen Dienste Frauenfeld neu aufgestellt. Das verursachte aber Mehrkosten von über einer Million Franken.

Mathias Frei
Merken
Drucken
Teilen
Die Frauenfelder Berufsbeistandschaft ist an Rheinstrasse 8 domiziliert.

Die Frauenfelder Berufsbeistandschaft ist an Rheinstrasse 8 domiziliert.

Bild: Andrea Stalder

Der Zeiger stand auf kurz vor Zwölf. Bis zum Super-Gau hätte es nicht mehr viel gebraucht. Stadträtin Barbara Dätwyler Weber sagt:

«Eines ist klar: Wenn uns die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde unsere Mandate entzogen hätte, wäre es noch viel teurer geworden für die Stadt.»

Konkret bedeutete ein komplettes Outsourcing der Berufsbeistandschaft jährlich wiederkehrende Kosten von 3,5 bis 4,5 Millionen. Heute kostet die Abteilung die Stadt 1,3 Millionen Franken.

Peter Hausammann, Gemeinderat CH.

Peter Hausammann, Gemeinderat CH.

Bild: PD

Dätwyler ist als Departementsvorsteherin für Gesellschaft und Soziales auch die politische Verantwortungsträgerin der Berufsbeistandschaft bei den Sozialen Diensten der Stadt. Und bei ebendieser Berufsbeistandschaft geriet in jüngerer Vergangenheit einiges aus den Fugen. Mehrmals waren die Probleme schon Thema in Budget- und Rechnungssitzungen im Gemeinderat. Und CH-Gemeinderat Peter Hausammann hatte im vergangenen Spätherbst unter dem Titel «Probleme und Mehrkosten bei der Berufsbeistandschaft» auch eine Einfache Anfrage eingereicht. Diese ist nun beantwortet.

Es gab keinen anderen Weg als diese Reorganisation

Barbara Dätwyler Weber, Stadträtin und Departementsvorsteherin Gesellschaft und Soziales.

Barbara Dätwyler Weber, Stadträtin und Departementsvorsteherin Gesellschaft und Soziales.

Bild: PD

«Im Frühjahr 2018 befand sich die Berufsbeistandschaft der Stadt Frauenfeld in einer instabilen und teilweise kaum funktionsfähigen Situation.» So liest man in der Vorstossbeantwortung. Weiter steht da aber auch: «Grundsätzlich arbeitet die Berufsbeistandschaft heute wieder korrekt.» Man sei auf einem sehr guten Weg, sagt Martin Gfeller, Amtsleiter der Sozialen Dienste der Stadt. Wichtig findet er auch: «Wir waren während des ganzen Prozesses in Sachen Kommunikation transparent.» Regelmässig habe man die zuständige Geschäftsprüfungskommission aufdatiert. Und der Vorstossbeantwortung ist zu entnehmen, dass man sich in der Abschlussphase der Organisationsentwicklung respektive deren Umsetzung befinde. Alle wesentlichen Entscheide seien gefallen, die Umsetzung erfolge laufend. «Es gibt noch kleinere Korrekturen und Anpassungen in einzelnen Abläufen.»

Die Berufsbeistandschaft bestehe heute aus einem sehr stabilen und durch den intensiven, gemeinsam geführten Entwicklungsprozess, der allen alles abgefordert hat, zusammengeschweissten Team. Dieses Kernteam sei sehr belastbar, offen für Entwicklung und gewillt, die Herausforderungen der Zukunft anzugehen und zu meistern. Ende gut, alles gut. Gfeller sagt: «Wir wussten, dass es keinen anderen Weg gibt.» Und Stadträtin Dätwyler Weber ergänzt: «Die Reorganisation war unbedingt nötig. Ohne externe Hilfe hätte es nicht funktioniert.» Man habe nicht nur einfach Abläufe leicht angepasst, sondern eine tiefgreifende Organisationsentwicklung vorgenommen, erklärt Gfeller. Vor allem dem Team der Berufsbeistandschaft windet er ein Kränzchen:

«Unsere Mitarbeitenden waren bereit, mitzudenken und mitzuarbeiten. Das Team hat definiert, was wie anders werden soll.»
Martin Gfeller, Amtsleiter Soziale Dienste.

Martin Gfeller, Amtsleiter Soziale Dienste.

Bild: PD

Die Herausforderung sei gewesen, diesen Komplettumbau im laufenden Betrieb zu bewerkstelligen. Dies habe externe Ressourcen bedingt, sagt Gfeller. Was sich finanziell niederschlug. In der Antwort auf Hausammanns Vorstoss liest man: «Die Mehraufwände in den Jahren 2019 und 2020 betragen total 1'064'000 Franken.» Knapp 30 Prozent davon hätten für die Fallführung durch externe Institutionen eingesetzt werden müssen. Etwas mehr als 70 Prozent seien für das spezialisierte Personal notwendig gewesen. Mit neu anfallenden Mehrkosten sei nun aber nicht mehr zu rechnen. Die Mehrkosten von über einer Million Franken sieht Stadträtin Dätwyler Weber als nachhaltige Investition in die Zukunft der Berufsbeistandschaft.

Zu wenig kaufmännischer Support für die Anzahl Fälle

Das Hauptproblem bestand im Missverhältnis der Stellenprozente für Berufsbeistände und des kaufmännischen Supports. Je mehr sich ein Berufsbeistand mit Administration und Buchhaltung beschäftigt, desto weniger Zeit bleibt für dessen Kernaufgaben, nämlich den Klienten an sich. In der Beantwortung heisst es:

«Nur ein Mitarbeiter war zuständig für die Klientenbuchhaltungen, und niemand konnte ihn vertreten (Klumpenrisiko).»
Eingangsbereich der Frauenfelder Berufsbeistandschaft.

Eingangsbereich der Frauenfelder Berufsbeistandschaft.

Bild: Andrea Stalder

Es habe an klaren Zuständigkeiten, Strukturen und Abläufen gefehlt. Die Berufsbeistandschaft sei mit den durch die Kesb terminierten Rechenschaftsberichten mit bis zu sechs Monaten in Verzug gewesen. Wie Gfeller sagt, sei das Stellenprozent-Verhältnis zwischen Berufsbeistandschaft und KV-Sachbearbeiter im Jahr 2016 bei 2 zu 1 gewesen: 5,2 Vollzeitstellen Berufsbeistandschaft zu 2,8 Vollzeitstellen kaufmännischer Support. Damals lag die Fluktuation bei sechs Personen, diese stieg im Jahr 2017 sogar auf acht Personen. Per Ende 2020 gab es 520 Stellenprozent Beistände und 480 Stellenprozent KV. Und die Fluktuation lag bei noch drei Personen, davon eine ordentliche Pensionierung. Von der Kokes (Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz) wird ein 1-zu-1-Verhältnis empfohlen. Auch bei der Fallbelastung pro Vollzeitstelle Berufsbeistand liegt man per Ende 2020 im Rahmen der Empfehlungen der Kokes, wo es heisst, dass 70 Fälle machbar sind. Und es waren 336 Fälle auf 520 Stellenprozent, also 65 Fälle pro Vollzeitstelle.

Vermögensschäden von bis zu 24'000 Franken pro Fall

Bereits im Jahr 2017 wurde von der Kesb die Dienstleistungserbringung der Frauenfelder Berufsbeistandschaft bemängelt. «Es fanden sich Vermögensschäden, welche heute nicht mehr im Detail eruierbar sind.» Diese lagen bei bis zu 24'000 Franken pro Fall, betroffen waren 28 Klienten. Alle Schäden seien durch die Kesb erledigt und durch den Kanton finanziert worden. In der Beantwortung heisst es:

«Es wurde in keinem Fall Regress auf die Berufsbeistände genommen, und der Stadt Frauenfeld entstand bis heute kein Schaden.»

Klientenbudgets gab es erst ab 2018. Gleichen Jahres wurde mit dem Einsatz von Temporärpersonal Gegensteuer gegeben. Der Stadtrat war darüber informiert.

Berufsbeistand wahrt das Recht auf Selbstbestimmung

Ein Berufsbeistand unterstützt Personen jeden Alters in persönlichen, finanziellen sowie rechtlichen Belangen und begleitet diese in ihrer Lebensgestaltung. Das kann eine psychisch kranke Person sein, aber auch ein Kleinkind, dessen Eltern zum Beispiel suchtmittelabghängig sind, oder ein älterer Mensch mit einer Demenzerkrankung. «Die Aufgaben eines Berufsbeistands sind so vielfältig, wie es das Leben ist», erklärt Martin Gfeller, Amtsleiter Soziale Dienste. Zuoberst stehe stets, die höchstpersönlichen Rechte eines Klienten zu respektieren und das Recht auf Selbstbestimmung zu wahren. Die Organisation und Anstellung der Berufsbeistände obliegt im Thurgau den Politischen Gemeinden, die Aufsicht über sie übt aber die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) aus. Die Politische Gemeinde ist gegenüber der Kesb rechenschaftspflichtig. Die Kesb entscheidet über etwaige Massnahmen, etwa, ob ein Berufs- oder ein Privatbeistand eingesetzt wird. Rekursinstanz ist das Thurgauer Obergericht. Mit Einführung des neuen Erwachsenenschutzgesetzes 2013 wurden die Amtsvormundschaften in Berufsbeistandschaften umbenannt. (ma)

Zu allem Übel fielen im ersten Halbjahr 2019 innert kurzer Zeit fünf Mitarbeitende aus, und eine Mitarbeiterin ging in Mutterschaftsurlaub. Die Kesb erstattete dem Obergericht Bericht über die Probleme. Die Stadt hatte aber schon zuvor Massnahmen eingeleitet, wodurch eine Rüge des Obergerichts abgewendet werden konnte. Zugleich wurde die Organisationsentwicklung von der neuen Amtsleitung (ab Anfang 2019) und der neuen Departementsleitung (ab Mitte 2019) stark vorangetrieben.

Heute können alle alles

Wie der Beantwortung zu entnehmen ist, habe sich das Rekrutieren und Einarbeiten des notwendigen Fachpersonals wie erwartet langwierig und aufwendig gestaltet.

«Einerseits war und ist der Stellenmarkt für das notwendige qualifizierte Personal extrem ausgetrocknet, und Frauenfeld ist in Bezug auf das mögliche Gehalt kaum konkurrenzfähig.»

Andererseits hätten das kaufmännische Team und die dazugehörigen Prozesse praktisch neu aufgebaut werden müssen. Die Personalausfälle im Frühjahr 2019 seien nicht einfach schnellstmöglich ersetzt worden, sondern man habe zugewartet, welche Profile und Qualifikationen aufgrund der Ergebnisse der Organisationsentwicklung notwendig seien. Heute ist das Verhältnis der Stellenprozente im Lot, und es gibt im kaufmännischen Support keine Spezialisten mehr. Alle können alles.