Panoptikum des Miteinander während des Sommers im Haus zur Glocke Steckborn

Zwei Künstlerkollektive denken und handeln gemeinsam im Haus zur Glocke in Steckborn.

Dieter Langhart
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Judit Villiger inmitten der Sommerausstellung «Kollektiv denken und handeln» im Haus zur Glocke.

Judit Villiger inmitten der Sommerausstellung «Kollektiv denken und handeln» im Haus zur Glocke.

Bild: Reto Martin

Man nehme zwei Künstlergruppen und lasse sie in einem alten, verwinkelten Haus am selben Thema arbeiten – in stetem Austausch, in gegenseitiger Achtung. «Man» heisst Judit Villiger, Künstlerin und Kuratorin des Hauses zur Glocke, eines Ortes der besonderen Begegnung und raffinierten Kunst.

Die Kollektive sind ein Quartett (TEAM) aus Vorarlberg und ein Duo (DIALOG) aus Basel, mit Atelier in Hégenheim. Und was sie an der Seestrasse in Steckborn geschaffen haben, ist ein faszinierendes Panoptikum des Miteinander, ist ein überraschendes Erlebnis, das alle Sinne anspricht.

Coronabedingte Verspätung

Erstaunlich auch deshalb, weil sich die Künstler coronabedingt statt im März erst Ende Mai in Steckborn treffen konnten, untereinander die Räume aufteilten, sich austauschten, loslegten. Und im Dialog blieben. Es komme selten vor, sagt Judit Villiger, dass Einzelkünstler gern miteinander und abseits der Kunstpfade agierten; sie findet, «quasi autistische Künstler» kommen immer weniger an.

Im Kollektiv müsse man ständig miteinander kommunizieren, übersetzen, interpretieren. Und diese Kommunikation funktioniere eher über die Kunst als über die Sprache. Ein feines Beispiel dafür ist Ronja Svaneborgs Audioinstallation «Åletanken» (Aaltank) im Parterre: aus drei bedruckten Textilsäcken klingen dänische Sätze, aber ausgesprochen mit deutschem oder französischem Akzent.

Wütende Masken und umgedeutete Motive

Wie war die Kollaboration von TEAM und DIALOG? Sie zeigen Einzelarbeiten und gemeinsame Werke, zumeist Installationen, haben bisweilen gar Arbeiten anderer weitergeführt. Und sie haben jeden Raum gemeinsam gestaltet. Aus dem Haus zur Glocke ist so etwas wie ein utopischer Raum der ausgeloteten Möglichkeiten geworden. Sie seien sehr spielerisch vorgegangen, insbesondere die Vorarlberger, sagt Judit Villiger. Als Kuratorin hat sie auch mitgeredet, hat etwa gesagt: «Dieser Raum erscheint mir zu voll.»

DIALOG arbeitet mit Keramik. Hier baumeln Sandra Raus wütende Masken wie Fleischstücke von der Decke («Abgesang»); da vereint Patrick Steffen witzige Phrasen zu «Lächler»; dort assembliert das Duo Keramik, Packschnüre, Rohre, Drähte und eine Videoprojektion mit Anagrammen zu «Keine Panik: Diese Welt ist schon längst am Ende». Das Vorarlberger TEAM arbeitet teils in einer stillgelegten Druckerei und nutzt Siebdruck und Lithografie, Hochdruck, Buchdruck und Laserdruck auf unterschiedlichen Papieren, Pappen, Folien – und deutet um, was uns bekannt scheint. «Kollektiv denken und handeln» ist ebenso lustvoll und verspielt wie hintergründig und überraschend. Lohnt also einen Besuch. (dl)

Gespräch, 27.6., 17 Uhr; Führung, 4.7., 17 Uhr; Finissage, 11.7., 17Uhr. www.hauszurglocke.ch

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