Pandemie
Corona fordert die Spitex: «Klienten sagten aus Angst ihre Termine ab»

Christa Lanzicher, Geschäftsführerin des Spitex Verbands Thurgau, spricht über die Herausforderung während der Pandemie. «Viele Klientinnen und Klienten und auch ihre Angehörigen haben Angst, sich anzustecken.»

Manuela Olgiati
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Die Spitex erfüllt ihren Auftrag auch während der Pandemie.

Die Spitex erfüllt ihren Auftrag auch während der Pandemie.

Bild: Donato Caspari

Frau Lanzicher, welche Herausforderungen bringt Corona für die Spitex?

Die Coronakrise verlangt von Spitexmitarbeitenden im Pflegebereich, in Hauswirtschaft und Sozialbetreuung Flexibilität und Engagement. Eine Herausforderung ist sicher die Planung und der Einsatz des Pflegepersonals, genügend zu haben und dieses auch einsetzen zu können in all den Situationen. Die 15 Spitexorganisationen im Thurgau sind gut informiert. Wir halten uns an die Richtlinien vom Amt für Gesundheit, dem BAG und der Berufsbildungsorganisation OdA.

Christa Lanzicher, Geschäftsführerin der Spitex Verband Thurgau.

Christa Lanzicher, Geschäftsführerin der Spitex Verband Thurgau.

Bild: PD

Welchen Einfluss haben die erschwerten Bedingungen auf die Qualität?

Unser aller Ziel ist es, die Betreuung der Klientinnen und Klienten im Thurgau in gewohnter Qualität zu gewährleisten. Im Vordergrund steht der Schutz der Gesundheit unserer Mitarbeitenden und unserer Klientinnen und Klienten. Dazu steht die Infrastruktur bereit.

Wie ist die Krise bei den Klienten spürbar?

Viele Klientinnen und Klienten und auch ihre Angehörigen haben Angst, sich anzustecken. Beratungsgespräche helfen. Der Versorgungsauftrag konnte aber jederzeit gewährleistet und unter Einhaltung der Schutzkonzepte wahrgenommen werden. Meines Wissens hat sich kein Klient durch eine Mitarbeiterin der Spitex mit dem Virus angesteckt. Manche Klienten sagten in der ersten Welle Einsätze ab, wohl aus Angst wegen einer Ansteckung vor dem Coronavirus. Andere hatten Kontakt mit positiv getesteten Personen. Unsere Mitarbeitenden sind auch bei Personen in Quarantäne und Isolation im Einsatz.

11'000 Personen nahmen Leistungen der Spitex in Anspruch

Im Jahr 2020 nahmen im Kanton Thurgau rund 11’000 Personen, (von Kindern bis Personen im hohen Alter) Leistungen der Spitex in Anspruch. Dafür wurden den Klienten 569'000 Stunden verrechnet. Der Umsatz beträgt rund 45 Millionen Franken, davon 34 Prozent finanziert durch die Gemeinden. Die Anzahl der Klienten, die hauswirtschaftliche und sozialbetreuerische Leistungen der Spitex in Anspruch nehmen, sinkt seit Jahren: 2019 waren es 2910 Personen. 1000 Mitarbeitende sind im Kanton Thurgau für die Spitex tätig. Oft sind dies Teilzeitpensen. Das Beschäftigungsvolumen entspricht ungefähr 540 Vollzeitstellen. 18 000 Mitglieder umfassen die 15 Spitex-Organisationen im Thurgau. (mao)

Welche sind die personellen Ressourcen?

Alle Betriebe haben zum Glück nicht permanent betroffene Mitarbeitende. Die Personalsituation ist angespannt, aber alle Anfragen können abgedeckt werden. Herausfordernd für Spitexmitarbeitende vor Ort sind die umfassenden Schutzmassnahmen bei positiven Fällen. Bei den Kadermitarbeitenden ist die spezielle Herausforderung die ständig wechselnde Planung der Einsätze und die vielen Abklärungen rundum, die sehr ressourcenintensiv sind.

Welchen Stellenwert hat denn die Hauswirtschaft?

Aus unserer Sicht einen sehr grossen, sie ist oft der erste Kontakt mit der Spitex und der Türöffner für weitere Leistungen der Spitex. Dennoch berichten fast alle Betriebe von einer rückläufigen Tendenz der Leistungsstunden in diesen Bereichen. Das hat verschiedene Gründe: Eine zunehmende Anzahl privater Anbieter, auch mangelnde Wertschätzung für Arbeiten im Haushalt, was als «Putzfrauendienst» herabgetan wird. Dann kommt der steigende finanzielle Druck der auftraggebenden Gemeinden hinzu, der für unsere Organisation nicht ganz einfach zu bewältigen ist. Deshalb wurde das Projekt «Fokussierung von Hauswirtschaft/Sozialbetreuung» vor zwei Jahren lanciert. Das entsprechende Konzept mit definierten Einsatzkriterien ist unterdessen in allen Betrieben eingeführt und umgesetzt.

Was braucht es konkret?

So lange wie möglich selbstständig zu Hause zu leben, ist ein Grundbedürfnis vieler Menschen. Wir unterstützen Klienten in der Bewältigung ihres Alltags und übernehmen diejenigen Leistungen, die sie aufgrund von Krankheit, Unfall oder Gebrechlichkeit vorübergehend oder andauernd nicht mehr selber übernehmen können. Hauswirtschaft und Sozialbetreuung sind ein niederschwelliges Angebot der Spitex und bilden häufig die Eintrittspforte für weitere Leistungen.

Nennen Sie ein Beispiel der Sozialbetreuung.

Wir verstehen Sozialbetreuung nicht als isolierte zusätzliche Dienstleistungen, sondern als zentralen Aspekt im Rahmen des hauswirtschaftlichen Einsatzes. Das unterscheidet den Einsatz von einem reinen Putzdienst. Unsere Mitarbeiterin beobachtet, unterstützt, begleitet, leitet an – immer im Rahmen der Haushaltsführung. Sie sieht dann, wenn die Klientin nicht mehr richtig isst, die Körperhygiene nicht selber wahrnehmen kann. Diese Beobachtung gibt unsere Mitarbeiterin an die Pflege weiter. Dies gelingt, wenn eine Vertrauensbasis da ist. Und das ist oftmals nach der jahrelangen Beziehung vorhanden.

Reichen die Finanzen aus?

Selbstverständlich besteht ein zunehmender Druck auf die Spitexkosten. Diese steigen kontinuierlich, das ist jedoch aufgrund der Strategie des Kantons «ambulant vor stationär» auch ausdrücklich so gewollt. Alle Spitexleistungen werden ärztlich verordnet, auch hauswirtschaftliche und sozialbetreuerische. Grundsätzlich müssen diese selber finanziert werden, Vereinsmitglieder erhalten eine Ermässigung. Es bestehen gesetzliche Vorgaben für die Mitfinanzierung beziehungsweise Subventionierung durch die Gemeinden. Volkswirtschaftlich ist das sehr sinnvoll, da unter anderem auch dadurch Pflegeheimeintritte verzögert werden können. Mit unserem Fokussierungsprojekt haben die Gemeinden die Sicherheit, dass ihre Spitexorganisation öffentliche Gelder zielgerichtet und sorgfältig einsetzt.