Organisiertes Geben und Nehmen: Die Gemeinden Stettfurt und Thundorf gründen heute gemeinsam den Nachbarschaftsverein «Ziit geh–Ziit neh»

Der Bedarf nach Unterstützung im Alltag von vielen Leuten nimmt zu. Um diesen zu decken gründen die Gemeinden Thundorf und Stettfurt eine Nachbarschaftshilfe in welcher nicht mit Geld, sondern mit Zeit bezahlt wird. Die zukünftigen Co-Präsidentinnen Hedi Kruschitz und Marita Brune-Koch erklären, wie das Konzept funktioniert.

Sophie Ade
Drucken
Nachbarschaftshilfe ist in der Schweiz ein weitverbreitetes Konzept.

Nachbarschaftshilfe ist in der Schweiz ein weitverbreitetes Konzept.

(Bild: Getty Images/Yacob Chuck

Die Coronapandemie brachte vieles zum Stillstand. Solidarität gehörte nicht dazu. Vielmehr war sie überall spürbar. Schon vor Corona erkannten die Gemeinden Stettfurt und Thundorf den Bedarf an Nachbarschaftshilfen, wie Hedi Kruschitz und Marita Brune-Koch, die zukünftige Co-Präsidentinnen des Nachbarschaftsvereins
«Ziit geh–Ziit neh», berichteten. Nun lädt der Verein heute zu seiner Gründungsversammlung ein.

Marita Brune-Koch und Hedi Kruschitz sind die beiden zukünftigen Co-Präsidentinnen des Vereins «ziit geh-ziit neh».

Marita Brune-Koch und Hedi Kruschitz sind die beiden zukünftigen Co-Präsidentinnen des Vereins «ziit geh-ziit neh».

(Bild: Sophie Ade)

«Während des Lockdowns gab es viel mehr Freiwillige, die sich für die Risikogruppe engagieren wollten, als dass Hilfesuchende vorhanden waren», fasst Kruschitz ihre Beobachtungen zusammen. Und das, obwohl der Bedarf nach einer Hilfestellung im Alltag in vielen Haushalten vorhanden sei. Das Konzept einer Nachbarschaftshilfe will mit solidarischem Engagement genau dort helfen, wo Hilfe benötigt wird. Die Idee: Freiwillige Helfer melden sich beim Verein und geben bei einem Gespräch mit der Koordinatorin Auskunft darüber, wie sie sich einbringen möchten und wo ihre Fähigkeiten liegen. Um ein passendes Paar zu bilden, suchen die Koordinatorinnen des Vereins einen Nehmenden, dessen Bedürfnisse und Schwierigkeiten auf den Kompetenzbereich des Gebenden passen. Für seine verrichtete Arbeit erhält der Gebende eine Gutschrift auf sein Zeitkonto. Als Grund dafür nennt Brune-Koch:

«Es fällt den Hilfesuchenden leichter, Unterstützung anzunehmen, wenn sie wissen, dass der andere auch etwas bekommt.»

Wenn der Gebende in seinem Leben einmal selbst auf Hilfe angewiesen sein sollte, kann diese durch die Stunden auf dem Zeitkonto bezogen werden.

Mit Gesellschaft Einsamkeit verhindern

«Unser Ziel ist es, dass Personen in schwierigen oder herausfordernden Lebenssituationen möglichst lange noch eigenständig zu Hause leben können. Gleichzeitig sollen die Angehörigen durch externe Hilfe entlastet werden», sagt Kruschitz. Ein willkommener Nebeneffekt soll auch der Austausch zwischen den Generationen sowie ein lebendiges Zusammenleben in der Nachbarschaft sein. Ein längerfristiges Ziel ist es, dass diese Form der Nachbarschaftshilfe flächendeckend wird. «Wir möchten gut vernetzt sein, dass man als ehemaliger Gebender nicht gezwungen ist, sein Leben lang in der Gemeinde wohnhaft sein zu müssen, nur um seine verdiente Zeit in Anspruch nehmen zu können», sagt Kruschitz. Darum sei es wichtig, dass viele Leute darauf aufmerksam und bestenfalls auch zu Mitgliedern werden würden, damit sich das Konzept auch auf andere Gemeinden ausweiten könne.

Die Aufgaben eines Gebenden können sich über alle möglichen Bereiche erstrecken. Kochen, Rasenmähen, Kinderhüten oder den Hund ausführen. Man hilft, wo immer der Nehmende Unterstützung benötigt. Doch die Bedürfnisse müssen nicht immer von praktischer Natur sein. Brune-Koch erklärt:

«Hilfe heisst auch, Gesellschaft zu leisten. Vereinsamung ist heutzutage ein grosses Problem.»

Deshalb würden sich viele Leute auch über Begleitung bei Spaziergängen, Wanderungen oder Cafébesuchen freuen. Wichtig sei vor allem, dass Struktur und Rhythmus in das Leben kommen. Dabei will der Verein jedoch nicht mit Gärtnern, Altersheimen oder Spitex-Organisationen konkurrieren. «Wir möchten eine Ergänzung sein, keine Konkurrenz», sagt Kruschitz.

Das Leitbild des Vereins «ziit geh-ziit neh»

Das Leitbild des Vereins «ziit geh-ziit neh»

(Bild:PD)

Viele Nachbarschaftsvereine auf Schweizer Boden

Das Konzept des Vereins «ziit geh-ziit neh» ist auf kantonaler sowie auf nationaler Ebene weit verbreitet. In der Stadt St. Gallen beispielsweise gibt es das System der Zeitvorsorge. Mit dem Motto «Heute tun. Morgen ruhn» schenken freiwillige Erwachsene ab 50 Jahren betagten Menschen Zeit und Gesellschaft, dass diese möglichst lange noch selbstständig zu Hause leben können. Der Dachverband hinter der Freiwilligenarbeit Schweiz ist die Organisation Benevol. Sie gibt die Richtlinien für die Vereine vor. 

Hinweis:

Wer Mitglied des Vereins werden möchte, kann sich entweder als Gebender, Nehmender oder Gönner über die Website www.ziitgeh-ziitneh.ch oder direkt an der Gründungsversammlung (Freitag, 23. Oktober, 20 Uhr, Gemeindesaal Thundorf) anmelden.

Aktuelle Nachrichten