Ohne Sprache läuft auch in Mathe nichts – Thurgauer Schulen wollen Deutsch im gesamten Unterricht fördern

Wer kein Deutsch kann, hat in allen Fächern Mühe. Fremde Muttersprachen im Schulzimmer zu verbieten, ist aber kein guter Weg.

Larissa Flammer
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Auszug aus einer Matheprüfung.

Auszug aus einer Matheprüfung.

(Bild: Benjamin Manser)
  • Die Thementagung des Amts für Volksschule und der PHTG drehte sich um die Förderung der Schulsprache Deutsch: Nur wer diese beherrscht, kann sich Wissen aneignen.
  • Viele Texte und Darstellungen aus Lehrbüchern sind für Schüler schwer verständlich. Oft werden etwa zu viele Fachbegriffe und ungewohnte Verben und Adjektive verwendet.
  • Ein grosses Thema sind fremdsprachige Kinder. Lehrer haben Schwierigkeiten, ihnen genug Deutsch beizubringen, um die Chancengleichheit zu gewährleisten.

«2+2=?» So stellt man sich Mathematik in der Volksschule vor. Tatsächlich lernen Kinder aber schon früh Textaufgaben kennen. Zum Beispiel:

«Im Diagramm ist der Verbrauch der elektrischen Energie der Familie Müller in kWh (kWh ist eine Energieeinheit) aufgetragen. Die Energiekosten betragen durchschnittlich 20 Rappen pro kWh. Berechne, wie viele Franken Familie Müller an ihren Energieanbieter für den Monat November bezahlen muss!»

Diese Aufgabe hätten die Schüler, denen sie gestellt wurde, lösen können müssen. Viele konnten es nicht. Das Beispiel stammt von Claudia Schmellentin, die am Mittwoch in Berg referierte. Sie erklärte: «Wir Sprachwissenschafter haben schnell gemerkt, fachlich ist die Aufgabe zwar nicht schwierig, aber der Satz ist zu kompliziert.» Gute Matheschüler scheiterten, weil sie die Aufgabe sprachlich nicht verstanden haben.

Claudia Schmellentin.

Claudia Schmellentin.

(Bild: Andrea Stalder)

Schmellentin, die an der Pädagogischen Hochschule (PH) Nordwestschweiz die Professur Deutschdidaktik leitet, kam auf Einladung des Amts für Volksschule und der PH Thurgau an eine Thementagung. Vor mehr als 200 Lehrern und Schulleiterinnen zeigte sie die Wichtigkeit der Schulsprache Deutsch auf. Denn Schmellentin hat nachgezählt: Im neuen Lehrplan komme 174 mal das Ziel «beschreiben können» und 78 mal «erklären können» vor. Früher hiess es dort «Schüler kennen den Wasserkreislauf», heute «Sie können ihn beschreiben.»

Lehrerinnen, Lehrer und Schulleitungsmitglieder erhalten Inputs zur Förderung der Schulsprache Deutsch.

Lehrerinnen, Lehrer und Schulleitungsmitglieder erhalten Inputs zur Förderung der Schulsprache Deutsch.

(Bild: Andrea Stalder)

Fremde Muttersprachen beschäftigen Lehrer

Auch der Thurgauer Amtschef Beat Brüllmann betonte: «Sprache ist der Schlüssel zu nichtsprachlichen Fächern.» Das Problem: Nur rund 80 Prozent der Schüler erreichen am Ende der obligatorischen Schulzeit die Grundkompetenzen in Deutsch.

Als ein Grund dafür wird die Mehrsprachigkeit von Migrantenkindern genannt. Migrationssprachen waren denn auch das Thema von eines der 21 Workshops, welche die Lehrer am Mittwoch besuchen konnten. Geleitet wurde er von Evamaria Zettl, die an der PHTG Deutschdidaktik unterrichtet.

Sie verdeutlichte den Anstieg der Mehrsprachigkeit. Heute würden sogar schon innerhalb einiger Familien zwei, drei oder mehr Sprachen gesprochen. In jungen Jahren resultiere dies bei Kindern in einer sprachenübergreifenden Kommunikation – früher abschätzig Kauderwelsch genannt. Tatsächlich funktioniere der Spracherwerb jedoch vernetzt. Zettl sagte:

«Wenn Kinder Türkisch sprechen, hat das Deutschlernen trotzdem Platz.»

Die vielen Rückmeldungen und Fragen in diesem Workshop zeigten, dass das Thema Migrationssprachen die Lehrer beschäftigt. Sie fühlen sich zum einen verpflichtet, den Kindern das von der Schule verlangte Deutsch beizubringen. Zum anderen können sie nicht verstehen, wie und über was die Kinder untereinander auf Türkisch sprechen. Aus diesem Grund würden dann zum Teil die verschiedenen Muttersprachen im Klassenzimmer verboten.

Verbot blockiert Lernprozess und verdirbt Freude

Dazu brachte Evamaria Zettl ein Beispiel aus der Praxis mit: Der fünfjährige Kuba, der Deutsch und Polnisch spricht, bekommt die Aufgabe, ein Sprachenportrait zu machen: Er soll in den gezeichneten Umriss eines Menschen farbig die Sprachen malen, die ihm wichtig sind. Er wählt Rot für Polnisch und malt damit den Brust- und Bauchraum aus. Zum Schluss nimmt er einen schwarzen Stift und übermalt grosszügig die gesamte Silhouette. Auf Nachfrage antwortet Kuba, dass dies Deutsch sei und fügt hinzu: «Ich soll kein Polnisch mit anderen reden.»

Die Muttersprache zu verbieten, schade dem sprachlichen Selbstbewusstsein der Kinder, ist die Dozentin überzeugt. Es könne sogar dazu führen, dass sie kaum noch etwas sagen. Zettl sagt weiter:

«Wenn man beim Lernen nur auf einen Teil seines Wortschatzes zurückgreifen kann, blockiert das den Lernprozess.»

Es sei anstrengend und das Lernen mache dadurch weniger Spass. Für das Problem, dass Kinder ohne gute Deutschkenntnisse in der Schule benachteiligt sind, hat Zettl keine Lösung. Aber sie plädiert klar dafür, Mehrsprachigkeit zuzulassen und den Kindern in der Schule Deutsch auf verschiedene Ebenen zugänglich zu machen. Sie habe noch nie erlebt, dass ein Kind mit der Zeit nicht lerne, die verschiedenen Sprachen zu trennen und je nach Situation anzuwenden.

Texte vereinfachen aber Fachsprache lassen

Referentin Schmellentin sieht für den sprachbewussten Unterricht Handlungsbedarf in drei Bereichen: Zuerst sollen unnötige sprachliche Hürden abgebaut werden. Das bedeute aber nicht, Schultexte gänzlich von Fachsprache zu befreien. «Es sind ja eben diese Begriffe, welche die Schülerinnen und Schüler verstehen und lernen sollen.» Zweitens sollen die Schüler im Leseprozess unterstützt werden, indem etwa vorab erklärt wird, was einem Text entnommen werden soll. Und schliesslich soll die Förderung der Schulsprache Deutsch möglichst einheitlich strukturiert werden. Dazu seien entsprechende Konzepte und Weiterbildungen nötig.

Das Beispiel Basel-Stadt

Im Kanton Basel-Stadt gibt es das Projekt «Sprachbewusster Unterricht» an der Volksschule. Max Hürlimann, der daran mitarbeitet, hat dieses am Mittwoch in einem Workshop den Thurgauer Lehrern vorgestellt. Eine Broschüre vermittelt Grundlagenwissen zu Lese- und Schreibprozessen, zu Wortschatzarbeit und zum Gestalten von mündlichem Unterricht. Checklisten unterstützten Lehrpersonen dabei, verschiedene Unterrichtssituationen so vorzubereiten und zu gestalten, dass Schüler dabei sprachliche Hürden überwinden können. Ausserdem gibt es in Basel-Stadt fachspezifische Weiterbildungskurse zum Thema. 

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