Offene Stalltür für Berufseinsteiger im Thurgau

Rund 60 Lehrstellen in der Landwirtschaft mit Beginn diesen Sommer sind noch offen. Das hat mehrere Gründe, wie eine Recherche zeigt. Alarmiert ist man bei den Verantwortlichen deswegen aber nicht.

Sebastian Keller
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Der Umgang mit Tieren gehört zu den Aufgaben von angehenden Landwirtinnen und Landwirten. (Bild: Key/Anthony Anex)

Der Umgang mit Tieren gehört zu den Aufgaben von angehenden Landwirtinnen und Landwirten. (Bild: Key/Anthony Anex)

Die Liste offener Lehrstellen ist lang: Im Thurgau sind rund 60 Stellen in den Berufen Landwirt und Geflügelzüchter noch nicht besetzt – für Lehrbeginn Sommer 2019. Das BBZ Arenenberg, wo der landwirtschaftliche Nachwuchs die Schulbank drückt, führt diese Liste. Jakob Rohrer von der Bildungsinstitution über dem Untersee bestätigt die Grössenordnung der noch offenen Stellen. «Aber diese Zahl ist zu relativieren.» Es würden laufend neue Verträge abgeschlossen. «Wir rechnen noch mit vier bis acht Stellenbesetzungen für August 2019», sagt der Lehrbegleiter vom Arenenberg.

Rohrer hält zudem fest, dass auf dieser Liste Betriebe figurieren, die schon seit Jahren nicht mehr ausbilden. Derzeit liefen Abklärungen, wie weit sie noch «ausbilden wollen und können». Rohrer sagt: «Es ist abzusehen, dass die Liste kleiner wird.» Aus Sicht der Lernenden sei aber ein «gewisser Lehrstellenüberhang» in Sinne der Auswahlmöglichkeit erwünscht.

Hausammann hat zuerst Elektriker gelernt

Auf der Liste mit den freien Stellen steht auch der Betrieb von Markus Hausammann. Der Meisterlandwirt aus Langrickenbach präsidiert den Verband Thurgauer Landwirtschaft. Er sagt: In den vergangenen Jahren habe er sich nicht aktiv um Lehrlinge bemüht. Das hänge mit seinem Amt als SVP-Nationalrat zusammen, das er bis Herbst bekleidet. Lehrlinge ausgebildet hat er trotzdem. «Solche, die noch kurzfristig etwas gesucht haben.»

Die grosse Anzahl offener Lehrstellen sieht er nicht als alleiniges Problem der Landwirtschaft. «Wir bewegen uns parallel zu anderen handwerklichen Berufen», sagt Hausammann. In der Tat: Im Lehrstellennachweis, Lena genannt, sind derzeit alleine im Thurgau 18 Stellen für den Beruf des Maurers offen; Schreiner werden noch 15 gesucht. Alle mit Lehrbeginn 2019. Mit diesen Berufen steht die Landwirtschaft auch in Konkurrenz. Der Meisterlandwirt sagt.

«Potenzielle Landwirte sind auch gefragte Handwerker.»

Das spiegelt sich auch in seiner Biografie. Er hat erst die Lehre als Elektriker absolviert und hernach Landwirt als Zweitberuf erlernt.

Einen weiteren Grund, wieso die Liste offener Stellen lang ist, ortet er in auch in einer Änderung bei der praktischen Berufsausbildung: Früher war die Meisterprüfung Voraussetzung, um Nachwuchs auszubilden. «Heute ist dies nicht mehr der Fall und die Liste der Ausbildungsbetriebe entsprechend umfangreicher», sagt Hausammann.

Die Hoffrage beschäftigt junge Landwirte

Es gibt familiäre Hindernisse, die Junge allenfalls davor abschrecken, in die Stallstiefel zu steigen: Die Hoffrage. Wer einen eigenen Betrieb anstrebt, aber keinen im Familienbesitz weiss, für den sei es schwierig. Das sagte Andreas Widmer, Geschäftsführer des St. Galler Bauernverbandes, der «Ostschweiz am Sonntag» vor wenigen Jahren. Hausammann schliesst diesen Grund nicht aus. Aber die wachsende Betriebsgrösse in der Landwirtschaft schaffe auch Arbeitsplätze «für gut ausgebildete Mitarbeiter». Die Stalltür zu einem eigenen Hof ist damit nicht zugeschlagen.

«Mit Geduld und Erfahrung eröffnet sich vielleicht später die Chance auf einen eigenen Hof.»

Potenzial für den Nachwuchs ortet er bei jungen Frauen. «Die Landwirtschaft ist dank den technischen Hilfsmitteln kein reiner Kraftberuf mehr.» Auch er habe schon mehrere Frauen ausgebildet –und dabei gute Erfahrungen gemacht. «Gerade im Umgang mit Tieren haben Frauen ein feines Gespür», sagt Hausammann. Sein Betrieb in Langrickenbach ist auf Milchwirtschaft spezialisiert. Weitere Betriebszweige sind der Anbau von Futtermais sowie einige Hochstämmer. Er sagt:

«Ich würde wieder diesen Beruf ergreifen. Es ist spannend und vielseitig.»

Kein Tag sei wie der andere. Hausammann verhehlt nicht: «Die Arbeit mit der Natur birgt auch Risiken.» Er kehrt nun mit 54 Jahren Vollzeit in seinen Beruf zurück. Nach Jahrzehnten als Milizpolitiker – zuletzt als Nationalrat – widmet er sich wieder ganz der Landwirtschaft. Und er kann sich vorstellen, wieder aktiv um Lehrlinge für den eigenen Hof zu werben.

Die Lehrstellenlist ist zu finden unter www.arenenberg.tg.ch.