Österreichischer Junkie legt vor dem Thurgauer Obergericht Berufung ein

Die Liste der Delikte, die ein 50-Jähriger begangen hat ist lang. Dennoch wehrt sich der in der Schweiz aufgewachsene Österreicher gegen die Länge der Haftstrafe und gegen einen Landesverweis.

Christof Lampart
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Drogen bestimmten das Leben eines heute 50-Jährigen seit seinem 13.Lebensjahr. (Bild: Felix Zahn/KEYSTONE/DPA)

Drogen bestimmten das Leben eines heute 50-Jährigen seit seinem 13.Lebensjahr. (Bild: Felix Zahn/KEYSTONE/DPA)

Der Mann wirkt in seinen Kleidern wie ein zu schnell aus seinen Textilen entwachsener Jugendlicher. Auch sein Auftreten vor dem Obergericht grenzt an nonchalante Unbekümmertheit. Dabei hätte der Eindruck, den der in einer Hinterthurgauer Gemeinde gemeldete Mann erweckte, kaum mehr täuschen können. Für den 50-Jährigen, der sein ganzes Leben in der Schweiz verbrachte, mit 13 Jahren den Drogen verfiel und sich später zehn Jahre auf der offenen Drogenszene am Zürcher Platzspitz aufhielt, ging es in Frauenfeld um alles. Nämlich um die Frage, ob seine Haftstrafe reduziert würde – sein Verteidiger verlangte 18 statt 29 Monate aus dem vorinstanzlichen Prozess. Weiter verlangte er die Aufhebung des Landesverweises. Dieser war im ersten Prozess auf sieben Jahre festgelegt worden.

Mit Österreich, das macht der gelernte Koch deutlich, habe er heute nichts mehr am Hut. «Ich bin früher mit den Eltern in die Ferien dorthin; heute kenne ich dort niemanden», sagte der Mann bei der Berufungsverhandlung vor dem Thurgauer Obergericht. Ob er denn Freunde habe, wollte die Richterin wissen. Eine ganze Menge, doch wisse man in der Szene «nie genau, wer einem wirklich ein guter Freund ist», erklärte er.

Waffen zu Hause, weil er Anst hatte

Er sei nie gewalttätig gewesen, habe jedoch die Waffen – Butterflymesser, Pistolen, Pfefferspray oder Schlagstock – bei sich zu Hause gehabt, gibt er zu. Denn: «Bei mir wurde häufiger eingebrochen, ich hatte Angst.» Angst, die scheinbar nicht unbegründet war. So füllte die Anklageschrift nicht weniger als 20 Seiten und listet Dutzende von Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz, Brandstiftungen, Hehlerei, das Fahren ohne Berechtigung und viele weitere Delikte auf. Kurzum: Der Österreicher war kein unbeschriebenes Blatt. Deshalb sah der Staatsanwalt keinen Grund, um vom Urteil abzurücken: «Den Vorstrafen wird zu wenig Bedeutung beigemessen», betonte der Kläger, der die Beweislage als «erdrückend» taxierte. «Die Rückfallgefahr ist hoch», meinte der Staatsanwalt.

Eine stationäre Drogenentzugstherapie erachte die Anklage aber als «gesetzlich möglich und auch als faktisch durchaus sinnvoll». Dem pflichtet der Verteidiger bei: «Er ist zu einer Behandlung bereit und weiss, was auf ihn zukommen wird.» Schliesslich hatte sein Mandant schon Anfang 2000 einen Drogenentzug hinter sich, woraufhin er einige Jahre clean war. Dennoch bat der Verteidiger das Gericht angesichts der langen Drogenkarriere seines Klienten um Nachsicht. «Wir haben es mit einem Beschuldigten zu tun, dem die stationären Massnahmen zwar geholfen haben, der aber nicht von seiner Sucht wegkam.»

Er arbeitet gern, benötigt aber Amphetamine

Der Österreicher ergänzt vor dem Obergericht, dass er gerne arbeite, da ihm die Arbeit Struktur gebe. Jedoch habe er in den vergangenen Jahren Amphetamine benötigt, um mit dem Druck am Arbeitsplatz umgehen zu können. «Sein Leben dreht sich seit längerem um die Sucht», argumentiert der Verteidiger. «Seine Leistungsbereitschaft konnte er nur erbringen, indem er im Übermass Amphetamine konsumierte.» Für den Verteidiger ist klar: «Seine Schuldfähigkeit ist stark eingeschränkt.» Deshalb sei zu prüfen, «ob man von einem Landesverweis absehen kann». Das Urteil über die Berufung am Thurgauer Obergericht wird schriftlich eröffnet.

Thurgauer Obergericht

Mann vom Vorwurf der Schändung frei gesprochen

Das Thurgauer Obergericht hat einen 25-jährigen Schweizer aus Winterthur vom Vorwurf der versuchten Schändung freigesprochen. Der Schweizer und ein Iraker, die beide im selben Betrieb eine Elektrikerlehre absolvierten, hatten am Open Air Frauenfeld 2015 mit einer Kosovarin im selben Zelt übernachtet. Diese war übermüdet und im Drogenrausch eingeschlafen, als der Schweizer sein Geschlechtsteil vor ihrem Gesicht schwenkte und es ihr in die Hand legte. Da er aufgrund ihrer Passivität wieder von ihr abliess, handelt es sich laut Obergericht nicht um versuchte Schändung. Nicht bestritten hatte der Schweizer einen Schuldspruch wegen Raufhandels und Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz. Der Iraker hatte den Schuldspruch des Bezirksgerichts wegen Schändung akzeptiert; er hatte einen Finger in die Vagina der schlafenden Kosovarin gesteckt. (wu)

Thurgauer Obergericht

Busse wegen antisemitischen Tweeds

Das Thurgauer Obergericht hat die Berufung abgewiesen, die ein Palästinenser gegen einen Schuldspruch wegen Rassendiskriminierung eingereicht hatte. Dem 65-jährigen palästinensischen Staatsangehörigen aus Frauenfeld wurde vorgeworfen, er habe in vier Tweets und einem Facebook­eintrag antisemitische Vorurteile, Verschwörungstheorien und Todesdrohungen verbreitet. Das Bezirksgerichts verurteilte ihn deswegen zu 30 Tagessätzen zu 10 Franken. (wu)