«Nur kurz Gas gegeben»: Vierfacher Familienvater rast im neuen Auto des Schwagers mit 110 km/h durchs Dorf – Bezirksgericht Münchwilen verurteilt ihn

Für 110 Stundenkilometer innerorts kassiert ein 49-Jähriger am Bezirksgericht Münchwilen 13 Monate bedingt.

Olaf Kühne
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Die kurze Fahrt in einem 435 PS starken Audi hatte für einen 49-jährigen Wängemer ein juristisches Nachspiel.

Die kurze Fahrt in einem 435 PS starken Audi hatte für einen 49-jährigen Wängemer ein juristisches Nachspiel.

Bild: Keystone

Acht Zylinder, zwei Turbolader, 435 PS. Daten, die das Herz eines Autofans höherschlagen lassen. Sein Mandant habe kein Benzin im Blut, betonte indes der Verteidiger des 49-jährigen Wängemers, welcher diese Woche vor dem Bezirksgericht Münchwilen stand. Er sei kein Raser, fahre keine Rennen, drifte nicht um Kurven.

Das Auto des vierfachen Familienvaters ist ein biederer Van mit 115 PS. Doch vor einem Jahr war sein Schwager aus Deutschland zu Besuch – mit seinem neuen Auto, einem Audi SQ7; die Sportversion des zweieinhalb Tonnen schweren SUV. Gemeinsam fuhren sie an diesem Samstagmorgen von Wängi nach Münchwilen, um im dortigen Lidl Einkäufe zu erledigen.

Hin war noch der Schwager gefahren, doch als sie den Laden wieder verliessen, fragte dieser den Wängemer unvermittelt: «Willst du fahren?» Die Fahrt sollte nicht lange dauern. Der Angeklagte lenkte den Audi vom Lidl-Parkplatz auf die Hauptstrasse Richtung Wängi, drückte aufs Gas – und wurde nach 200 Metern mit 110 Stundenkilometern geblitzt.

Danach folgten eine zweistündige Einvernahme auf dem Polizeiposten Münchwilen, Termine beim Verkehrspsychologen und diese Woche nun der Prozess am Bezirksgericht Münchwilen. Die Staatsanwaltschaft hatte Anklage erhoben wegen «qualifizierter grober Verletzung der Verkehrsregeln», der Angeklagte hatte also mit seinen 110 Stundenkilometern innerorts umgangssprachlich ein Raserdelikt begangen. Der Strafantrag lautete denn auch auf 13 Monate Gefängnis bedingt und eine Busse von 2000 Franken.

«Mein Mandant hat nur kurz Gas gegeben.»

Dass der Mann krass zu schnell gefahren war, bestritten vor Gericht weder er selber noch sein Verteidiger. Der Anwalt betonte aber, dass der sogenannte Raser-Artikel «nicht so klar formuliert» sei. Vielmehr stelle der Paragraf nur den Vorsatz unter Strafe. «Mein Mandant hat nur kurz Gas gegeben», sagte er, «und dabei gar nicht gemerkt, dass er zu schnell ist.» Mit seinem Familienvan müsse er eben Gas geben, wenn er in eine Hauptstrasse einbiege, dies habe er jahrelang so gemacht. Dass sich ein Audi SQ7 derart anders verhalte, sei ihm nicht bewusst gewesen.

Nach zwei Sekunden 50 Stundenkilometer

Der Verteidiger rechnete vor, dass das Auto seines Klienten 15 Sekunden brauche, um aus dem Stand auf 100 Stundenkilometer zu beschleunigen, selbst bis zur 50er-Marke verstrichen sieben Sekunden. Des Schwagers Bolide hingegen sei nach vier Sekunden auf 100, gar nur nach zwei Sekunden auf 50.

Diesen Zahlen hielt die Vizegerichtspräsidentin in ihrer späteren Urteilsbegründung ihre Rechnung entgegen: «Mit einer schnellen Reaktionszeit von einer Sekunde und mit 50 Stundenkilometern steht das Auto schon nach 27 Metern still, mit über 100 Stundenkilometern tritt man nach 30 Metern überhaupt erst auf die Bremse.» Es sei deshalb nur Glück oder Zufall gewesen, dass es zu keinem Unfall gekommen sei.

Überhaupt sei für das Gericht nicht nachvollziehbar, dass der Angeklagte selbst in einem ihm unbekannten Auto ein derart hohes Tempo nicht bemerkt haben soll. «Mit einem Auto mit mehr PS muss man erst recht vorsichtig fahren.»

Das Bezirksgericht Münchwilen verurteilte den Wängemer folglich zu den von der Staatsanwaltschaft geforderten 13 Monaten Gefängnis bedingt, reduzierte jedoch die Busse angesichts der «desolaten finanziellen Situation» des Angeklagten von 2000 auf 1000 Franken.

Ob der Mann das Urteil weiterziehen wird, konnten er und sein Anwalt im Gespräch mit unserer Zeitung direkt nach dem Prozess noch nicht sagen.