«Die Krönung» in Aadorf bringt nur Gewinner hervor

Immer im Frühjahr vermischen sich Monarchie, Demokratie und Talentshow: Am Kleinkunstfestival «Die Krönung» wählt das Volk aus einer bunten Mischung von Interpreten den König und seinen Hofstaat.

Severin Schwendener
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Die selbst ernannte Frau, Mutter und Rampensau: Kabarettistin Chrissi Sokoll mit ihrer Live-Band auf der Bühne. (Bilder: Reto Martin)

Die selbst ernannte Frau, Mutter und Rampensau: Kabarettistin Chrissi Sokoll mit ihrer Live-Band auf der Bühne. (Bilder: Reto Martin)

Sie sind aus der TV-Landschaft (leider) nicht mehr wegzudenken: die diversen Talent- und Castingshows mit seichter Popmusik und grossem Fremdschäm-Faktor. Obwohl gewissermassen auch eine Talentschau, geht der Krönung in Aadorf sowohl das Seichte als auch jedweder Fremdschäm-Faktor ab. Hier wird Kleinkunst grossgeschrieben, hier wird echte Vielfalt geboten. Insgesamt 16 Neuentdeckungen haben sich am Wochenende dem Volk gezeigt und um den Titel des Königs oder der Königin der Kleinkunst gebuhlt.

St. Galler Duo als König

Unter den über ein Dutzend Künstlern an der diesjährigen «Die Krönung» in Aadorf ist das St. Galler Drum- Electronic-Duo Bubble Beatz als Sieger hervorgegangen. Das Duo mit Christian Gschwend und Kay Rauber, das 2010 mit dem Finaleinzug die deutsche RTL-Sendung «Supertalent» Bekanntheit erlangte, darf sich nun König nennen. (sko)

Wie jede Krönung beginnt auch jene in Aadorf am Freitagabend opulent: Lichterlöschen, dann die Fanfaren von Richard Strauss‘ «Also sprach Zarathustra», Nebel auf der Bühne. Aus diesem Nebel erscheint, diffus ausgeleuchtet, die Moderatorin des Abends, Uta Köbernick. Die schlägt gleich erste Pflöcke ein: Während die Moderatoren eingangs erwähnter TV-Talentshows meist bei klarem Licht reichlich diffuse Wortwolken absondern, spricht Köbernick im schummrigen Licht Klartext.

Die Kunst, grosse Gedankengänge in wenig Worte zu packen, Köbernick beherrscht sie grossartig. Schön vorgewärmt übergibt sie das Publikum an die erste Kandidatin des Abends, Chrissi Sokoll.

Ganze Palette der Gefühle

Insgesamt acht Interpreten werden an diesem Abend auftreten, jede und jeder knapp eine halbe Stunde lang, fein in zwei Blöcken in Szene gesetzt vom Verein Gong. Es wird gesungen und gefrotzelt, man darf hämisch lachen und still nachdenken, sich an witzigen Karikaturen erfreuen oder sich auch mal ordentlich fürchten. Zum Beispiel dann, wenn Kaspar Tribelhorn zwei Männer aus dem Publikum bittet, eine Leiter zu halten, auf der er mit Messern jonglieren wird.

Der deutsche Kabarettist Martin Fromme am Kulturfestival.

Der deutsche Kabarettist Martin Fromme am Kulturfestival.

Da wird es doch etwas stiller im Publikum, so richtig Ruhe im Saal ist dann aber, als Tribelhorn die Motorsäge startet und das Publikum fragt, ob er jetzt damit jonglieren soll. Natürlich tut er es, und natürlich bleiben Arm und Finger an ihrem Platz.

Präzise auf den Mann gespielt

Anders als bei Martin Fromme. Der Deutsche hat den Arm bereits ab, als er auf die Bühne tritt, und er redet nicht lange um den heissen Brei herum. Witze über Behinderte? – Aber sicher! Über sich selbst? – Klar doch! Es ist forsches deutsches Kabarett, das jetzt durch die Aadorfer Krönung fegt. Schärfer, präziser auf den Mann gespielt als die Schweizer Comedy.

Das Schweizer Pendant zu Fromme bietet der Basler Sven Ivanic. Schweizer? – Gut, Kopfform und Name sprechen eine andere Sprache, wie er selber sagt, aber wirklich wichtig ist das nicht. Wenn man in Zürich zur Uni geht, spielt es keine Rolle, ob man aus Basel oder vom Balkan stammt, beides ist schlimm.

So lässt der Abend Vergleiche zu, es wird nie langweilig, aber immer wieder anders. Die Krönung ist nicht ein einziges Programm, sie bietet eine Übersicht über aufstrebende, neue Talente abseits der grossen Namen. Ihre Vielfalt ist Programm, und so ist es nur konsequent, wenn es am Ende, anders als im TV, nicht einen einzigen Gewinner und lauter Verlierer gibt, sondern einen König und seinen kompletten Hofstaat. Verlierer, das gibt es an der Krönung in Aadorf nämlich grundsätzlich nicht.